20.03.2017

Back to nature

Sabine Aldenhoff

Das Umdenken ist in vollem Gange und das ist wohl auch gut so. Vielerlei Faktoren motivieren Gärtner und Landwirte, beim Pflanzenschutz immer häufiger neben der Chemie auf natürliche Gegenspieler zu setzen: zwingender als alle Forderungen von Politik, Handel und Verbrauchern sind dabei gegen chemische Bekämpfungsmittel resistent gewordene Schaderreger. Ein Beispiel ist Kalifornischer Blütenthrips (Frankliniella occidentalis), gefürchteter Schädling im Zierpflanzenbau, an Fruchtgemüse sowie an Erdbeeren, der mit keinem zur Verfügung stehenden chemischen Pflanzenschutzmittel mehr in Griff zu bekommen ist.

Das Europäische Parlament hat Mitte Februar in einer Plenumssitzung eine Entschließung zum biologischen Pflanzenschutz mit geringem Risiko verabschiedet. Darin stellt das EU-Parlament fest, dass vielfältige Instrumente für den Schutz von Kulturpflanzen benötigt werden. Auch der Zugang zu angemessenen Pflanzenschutzverfahren ist von entscheidender Bedeutung, um Schäden vorzubeugen, die durch Schädlinge und Krankheiten verursacht werden. Diese Feststellungen begrüßt der Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) ausdrücklich in einer Stellungnahme. Dass dem biologischen Pflanzenschutz mit geringem Risiko Vorzug zu geben sei, leite sich aus dem integrierten Pflanzenschutz ab, zu dem sich der ZVG ausdrücklich bekennt, so ZVG-Generalsekretär Bertram Fleischer.

Die EU möchte also die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln biologischen Ursprungs verbessern, indem ihre Zulassungsprozesse beschleunigt werden. Damit zieht sie an einem Strang mit der klassischen chemischen Pflanzenschutzindustrie. Auch diese entwickelt inzwischen Verfahren zur Bekämpfung von Schaderregern mit natürlichen Gegenspielern wie beispielsweise Nutzpilzen gegen bestimmte Schädlinge. So heißt es in einer Pressemitteilung zu einem neuen Produkt auf biologischer Basis noch, es sei Ziel, den chemischen Pflanzenschutz bedarfsgerecht zu ergänzen. Man will also das Kerngeschäft hochhalten.

Mit Sicherheit werden wir auch nicht von heute auf morgen ohne Chemie im Gartenbau auskommen. Aber die Tendenzen sind eindeutig, auch die chemische Industrie hat verstanden, dass sie ihren Kunden, den Gärtnern und Landwirten, weitere Lösungen anbieten muss, damit diese im täglichen Dschungel der Anforderungen bestehen können: resistente Schaderreger, neue Schaderreger, vom Handel festgelegte überzogene Rückstandsgrenzwerte, kritische Stimmen von Medien und Verbrauchern, der Wunsch der Konsumenten nach gesunden Lebensmitteln, der Arbeitsschutz der Mitarbeiter, die ökologischen Kosten für die Allgemeinheit und nicht zuletzt das Wohl der eigenen Familie.

Sicherlich sind viele Gärtner oder Landwirte gern bereit, biologische Alternativen zu wählen, wenn diese einen ähnlichen Kulturerfolg versprechen und wirtschaftlich vertretbar sind. Wie das EU-Parlament festgestellt hat, sind vielfältige Instrumente für den Schutz von Kulturpflanzen nötig. Dazu zählt sicherlich nicht erst die direkte Bekämpfung der Schaderreger, sondern vielmehr ein „ganzheitlicher“ Ansatz im Vorfeld, der Kultur- und Klimaführung, Hygiene, Düngemaßnahmen und vieles mehr berücksichtigt, um die Pflanzen gesund und robust zu halten. Die „gute fachliche Praxis“ ist die Kernkompetenz von Gärtnern und Landwirten!

Was das Fraunhofer-Institut zu Magdeburg neulich als Ergebnis seiner Forschung und Entwicklung vorgestellt hat, lässt die Branche aufhorchen: Noch in diesem Jahr soll die Smartphone-App „HawkSpex“ auf den Markt kommen, mit der sich Inhaltsstoffe von Lebensmitteln mittels optischer Verfahren schnell und einfach bestimmen lassen. Dafür wird das Smartphone beispielsweise über einen Apfel gehalten, das Licht des Displays wird von den chemischen Substanzen auf seiner Oberfläche charakteristisch reflektiert und auf diese Weise können z.B. Rückstände von chemischen Pflanzenschutzmitteln auf der Frucht aufgedeckt werden. Noch sei weitere Entwicklungsarbeit nötig, um die Spektren der chemischen Substanzen in der App zu hinterlegen, aber bis Ende 2017 soll die App einsetzbar sein.

Solch eine Möglichkeit zur Bestimmung, ob ein Nahrungsmittel tatsächlich so gesund ist, wie es erscheint, mögen Verbraucher lange erwartet haben. Was derartige Möglichkeiten für unsere Branche bedeuten, ist noch nicht abzusehen. In jedem Falle ist der Weg zurück zur Natur eingeschlagen und wir sollten ihn weiter gehen, unterstützt von EU, Forschung, Industrie und natürlich auch von den Konsumenten, die mal wieder aufgefordert sind, einen angemessenen Preis für unsere Mühen zu bezahlen!

„Für den Schutz von Kulturpflanzen werden vielfältige Instrumente benötigt.“

Zitat: EU-Parlament


Informatives



Ausgabe 05/2017

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

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