11.05.2017

Nachtfrost zerstört Hoffnungen vieler Obstbauern

Thomas Kühlwetter

Ein paar Stunden im Bereich deutlicher Minusgrade haben  gereicht, um die Arbeit und Mühe vieler Obstbauern und deren Hoffnung auf eine erfolgreiche Saison völlig zunichte zu machen. In Anlagen vieler Anbaugebiete in Deutschland und darüber hinaus bot sich dort, wo nicht beregnet oder beheizt bzw. mit Windmaschinen etwas gegen den Frost unternommen werden konnte, am Morgen des 21. April ein Bild des Grauens.

Der Hoffnung auf eine gute Ernte folgte die Ernüchterung. Binnen weniger Stunden ist die Arbeit und Mühe eines ganzen Jahres fast dahin und besonders stark betroffene Betriebe stehen vor der Frage, wie die folgenden Monate wirtschaftlich überstanden werden können. Für die Bildung von Rücklagen zur Überbrückung einer gesamten Ernte waren die vorausgegangenen Jahre kaum geeignet, denn Gewinne – so sie denn erzielt wurden – flossen meist direkt wieder in Investitionen zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Betriebe.

Wirft man einen Blick in die Vergangenheit, so muss man über 25 Jahre bis ins Jahr 1991 zurückschauen, um einen Vorfall ähnlichen Ausmaßes zu finden. So wie damals ist auch heute die Existenz zahlreicher Familienbetriebe und Unternehmen von einem auf den nächsten Moment gefährdet. Doch beim Blick hinter die Fassaden haben sich einige Vorzeichen deutlich verändert, und dies sicher nicht nur zum Vorteil.

Spezialisierung erhöht Risiko

Mit voranschreitender – und ökonomisch vielfach erforderlicher - Spezialisierung auf wenige Kulturen fällt ein wichtiger Aspekt für einen innerbetrieblichen Ausgleich weg. Ist eine wichtige Kultur stark oder sogar ganz betroffen, ist ein Ausgleich meist nicht mehr möglich. Von außen betrachtet, scheint diese Entwicklung hochgradig fahrlässig – sie ist es auch, doch wo liegen die Alternativen für die Betriebe?  Wer den Handel beliefern will, muss neben der geforderten Qualität auch über entsprechende Warenmengen verfügen – dies zum einen, um als „Partner des Handels“ wahrgenommen zu werden und zum anderen, um die Kosten im Griff zu halten.

Kann mit der Konzentration auf wenige Kulturen im Anbau die Leistungsfähigkeit der Betriebe oftmals verbessert werden, so steigt gleichzeitig auch das Risiko, durch extreme Witterungsbedingungen oder Kalamitäten in wirtschaftliche Bedrängnis zu geraten. Dabei sind die Finanzen nur ein Aspekt:  die psychische Belastung für die Betriebsleiter, deren Familien  und die führenden Mitarbeiter steigt, enge Verbindungen zu Saisonmitarbeitern, die schon seit Jahren für ein paar Wochen oder Monate die Ernte oder Pflege der Kulturen unterstützen, leiden und zur Wahrung der Liquidität müssen evtl. Fremdmittel in Anspruch genommen werden.

Versichern nicht möglich

Warum nutzten  die Obstbauern keine Versicherung zum Schutz vor Nachtfrost? Schließlich treten solche Schäden immer wieder auf und treffen einzelne Kulturen oder Flächen, nur selten allerdings in dieser Dimension.  Verschiedene Versicherungsunternehmen arbeiten seit Jahren an der Entwicklung praxisgerechter Konzepte zur Absicherung von extremen Witterungsereignissen wie z.B. Starkniederschlägen, Trockenheit oder Frost. Für den Weinbau besteht eine Möglichkeit zur Versicherung gegen Fröste, ebenfalls für Erdbeeren. Dies ist allerdings die einzige Kultur im gesamten Obstsegment, für die eine Möglichkeit zur Absicherung gegenüber Frösten besteht. Die Bauern können ihr Risiko also in den meisten Fällen nicht absichern.

Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen und nahezu eine gesamte Branche betroffen. Viele Betriebe nehmen ihr Schicksaal lautlos an, obwohl der Schaden und dessen Folgen immens und meist recht langwierig sind.  Voraussichtlich wird der Ruf nach staatlicher Stützung folgen. 2017 ist ein Jahr mit wichtigen anstehenden Wahlen, man kann gespannt sein auf die Reaktionen aus der Politik. Hätte sie ihre Aufgabe im Vorfeld etwas ernster genommen und sich mit der Frage einer Risikoabsicherung in solch existenzbedrohenden Fällen intensiver befasst, wäre bestimmt eine nach Auffassung der unterschiedlichen Interessengruppen gute Lösung zu finden gewesen, wie der Blick in einige Nachbarländer deutlich macht. Doch jetzt gilt es erst einmal, ein klares Bekenntnis für die betroffenen Betriebe abzugeben und kurzfristig eine Lösung als Hilfestellung für die nächsten Monate zu finden.

Zitat: Mit voranschreitender Spezialisierung fällt ein wichtiger Aspekt für einen innerbetrieblichen Ausgleich weg.


Informatives



Ausgabe 05/2017

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

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