05.04.2016

Anbauwert neuer Apfelsorten

In `Natyra´ setzen viele Bioanbauer große Hoffnungen.
Foto: Zimmer

Über den Anbauwert und die Marktchancen neuer Apfelsorten informierten sich auf dem Bundeskernobstseminar Mitte Januar in Bonn gut 100 Teilnehmer. Referenten aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden stellten neben einigen neuen Sorten auch Konzepte zur Vermarktung vor.

Stephan Geerlings von Fresh Forward Marketing, die seit 2014 alleiniger Vermarkter der WUR-Sorten ist, stellte `Wellant´, `Natyra´ und zwei Nummernsorten vor. WUR steht dabei für die Universität Wageningen in den Niederlanden (Wageningen University and Research center). Dort werden seit 1950 Äpfel gezüchtet, bekannte Sorten sind `Elstar´, `Santana´ oder `Elise´.

`Wellant´ vor allem in Norddeutschland

Die Kreuzung aus `Elise´ und einer WUR-Selektion ist seit 2014 keine Clubsorte mehr, die Nachfrage nach Pflanzmaterial nimmt laut Geerlings seither stark zu. Angebaut wird `Wellant´ vor allem in Deutschland (ca. 600 000 Bäume), aber auch in den Niederlanden (ca. 300 000 Bäume) und Belgien (ca. 100 000 Bäume). Die rot/grünen Früchte mit gelbem Hintergrund (meist 75% Färbung) erreichen Fruchtgrößen zwischen 70 und 90 mm und sind Mitte Oktober erntereif. Unter CA-Bedingungen können sie bis Ende März gelagert werden, der Brix-Wert liegt bei 14. Die Sorte ist schorf- und mehltautolerant, wächst mittelstark mit hängender Aststellung. Sie zeigt eine geringe Alternanzanfälligkeit und blüht mittel bis spät.

Ein Großteil wird in Deutschland direkt vermarktet, ein kleiner Teil gelangt in Norddeutschland, wo der meiste Anbau hierzulande stattfindet, auch in den LEH. Die Marktgemeinschaft Altes Land (MAL)stieg sofort in den Anbau der neuen Sorte ein und vermarktet einen Teil der Ernte an ein LEH-Unternehmen. Zusammen führt man ein Apfelvermarktungsprogramm mit wöchentlicher Mengenabstimmung durch, geliefert wird gelegte Ware ohne Clubkonzept-Marketing. In den vergangenen Jahren war das Preisniveau laut Geerlings gut und aufgrund größerer Nachfrage wurde zusätzlich Ware aus den Niederlanden importiert. Weitere Obstbauern pflanzen jetzt `Wellant´, um sie über die MAL zu vermarkten.

SQ 159 oder `Natyra´

Nur im Bioanbau wird SQ 159 unter dem Sortennamen `Natyra´ vermarktet, für den konventionellen Anbau (geplant ab 2016) wird die Sorte einen eigenen Namen erhalten. Seit 2010 hat die WUR eine Vereinbarung mit der Föko (Fördergemeinschaft ökologischer Obstbau), dass der Sortenname ausschließlich für den Ökoanbau reserviert ist und das verfügbare Pflanzmaterial bis 2015 nur in Deutschland Verwendung findet. Mittlerweile wird auch in Italien, Österreich und Belgien `Natyra´ gepflanzt.

Die aus einer Kreuzung `Elise´ x schorfresistente WUR-Selektion entstandene Sorte überzeugt laut mehreren Verkostungen vor allem durch ihren guten Geschmack. Die knackigen roten bis dunkelroten Früchte werden 70 bis 80 mm groß und sind konisch geformt. Die schorfresistente Sorte ist wenig anfällig für Obstbaumkrebs und Mehltau. Der Wuchs ist schwach und die Aststellung horizontal bis aufrecht. Für eine optimale Fruchtgröße ist laut Geerlings eine Ausdünnung notwendig. `Natyra´ überzeugt viele Anbauer aber auch durch ihr gutes Lager- und Nachernteverhalten. Zum einen ist das Shelflife sehr gut, zum anderen kann die Sorte sehr lange ohne Qualitätsverlust gelagert werden und so zum Ende der Vermarktungssaison ein knackiger Apfel auf dem Markt gebracht werden. Fresh Forward empfiehlt die Vermarktung zwischen Februar/März und Juli/August. Wo – ob ab Hof, im LEH oder Naturkostladen – steht jedem Anbauer frei. Ein neues Logo, das für die Vermarktung genutzt werden kann, wurde auf der Messe Biofach in Nürnberg vorgestellt.

Vielversprechende Neuzüchtungen

Auch aus einer `Elise´-Kreuzung entstand die Nummernsorte WUR37. Sie ist schorfresistent und wenig anfällig für Mehltau. Die 70 bis 85 mm großen, roten Früchte werden etwa zeitgleich mit `Elstar´ reif. Sie sind fest und zeigen ein gutes Shelflife. Die Wuchsstärke des Baums ist mäßig und die Aststellung horizontal. Eine Ausdünnung ist laut Geerlings nicht notwendig. Gelagert werden kann WUR37 genauso wie `Elstar´.

Eine weitere Neuheit aus Wageningen ist WUR10 – entstanden aus einer Kreuzung von `Allurèl´ mit einer WUR-Selektion. Die 70 bis 85 mm großen, roten Früchte schmecken süß und reifen ca. eine Woche nach `Elstar´. Die Wuchsstärke des Baumes ist mäßig und die Aststellung hängend/horizontal. WUR10 bildet laut Geerlings schöne, verzweigte Bäume. Beide Nummernsorten werden derzeit EU-weit getestet, ab 2017 werden erste Ergebnisse veröffentlicht.

Auf der Suche nach Neuem

Wie komplex die Situation auf dem Markt neuer Sorten ist, schilderte Dirk Zabel vom Deutschen Obstsortenkonsortium (DOSK) in Hollern. Die DOSK ist ein Zusammenschluss von neun deutschen Erzeugerorganisationen mit einem gemeinsamen Absatzvolumen von ca. 500 000 t Obst. Das DOSK wurde 2003 gegründet und hat zum Ziel, Produktinnovationen in den deutschen Obstmarkt einzuführen und zu etablieren. Die neuen Produkte sollen von den in der DOSK zusammengeschlossenen Erzeugerbetrieben produziert werden. Um dieses Ziel zu erreichen will die DOSK nach eigenen Aussagen die Rechte an neuen Obstsorten bzw. Anbau- und Vertriebslizenzen erwerben. Die neuen Sorten sollen mittels gemeinsamen Marketingkonzeptes über die eigens gegründete Red Apple Germany in den deutschen Obstmarkt eingeführt werden, so die DOSK.

Ein Projekt der Red Apple Germany ist die Zusammenarbeit mit IFORED, einer internationalen Partnerschaft für rotfleischige Apfelsorten. Ziel von IFORED ist es, Marktführer für diese Sorten zu werden. Verschiedene Farbtypen und Geschmacksrichtungen sollen gefunden und weltweit vermarktet werden.

Ein weiteres Trendthema, das die DOSK beschäftigt, ist der „to-go-Trend“. Jetzt könnte man spotten, ein Apfel sei doch schon ein perfekter Snack für unterwegs und seit Generationen als solcher geschätzt. Aber vor allem die jüngere Generation soll durch neue, kleinfrüchtige Sorten, die ungewöhnlich verpackt daherkommen, angesprochen werden. Ein Beispiel dafür ist die Sorte „Rock it“. Entstanden in einem australisch/neuseeländischen Züchtungsprogramm, bekam die Sorte 2011 den Innovationspreis der Messe Fruit Logistica. Die Früchte sind sehr fest und vollausgereift ca. 100 g leicht. Vermarktet werden die golfballgroßen Äpfel zu fünf Stück in transparenten Plastikröhren. So lassen sich die Zwerge gut transportieren und stapeln. Gut geschützt durch die aufwendige Verpackung sind laut Zabel auch andere Verkaufsorte denkbar wie Tankstellen, Bäckereien oder Cafés.

`Kizuri´ oder `Apple 60´

Vom Züchter auf den Namen `Kizuri´ getauft, wird die Sorte der ABCZ-Group in Deutschland noch unter der Bezeichnung `Apple 60´ gehandelt. Für Deutschland hat die Firma Krings aus Rheinbach das Exklusivrecht gekauft und wird die Vermarktung ab diesem Sommer mit einem eigenen, neuen Namen starten. Laut Krings sind bis jetzt ca. 12 000 Bäume der Sorte gepflanzt, die Hauptvermarktung soll über den LEH (REWE und Aldi) laufen. „Diese Sorte könnte auf lange Sicht `Jonagold´ ersetzen, da die Früchte fest bleiben und nicht fettig werden“, so Gerhard Baab vom DLR Rheinpfalz.

Über die Erfahrungen mit `Apple 60´ in Belgien berichtete auf dem Kernobstseminar Jef Vercammen von Pcfruit. Gepflanzt wurde dort 2011 bis 2012 auf M9 mit gut 2 000 Bäumen pro ha. Die Ernte erfolgte 2013 dreimal: am 4., 11. und 18. Oktober. Geschmack und Festigkeit waren zu allen Terminen gut, die Sorte besitzt somit ein recht weites Erntefenster. 2014 wurde dann zwischen dem 1. und 29. Oktober mehrmals geerntet. Auch hier zeigt sich, dass die Früchte am Baum keinen Qualitätsverlust erleiden und sowohl Festigkeit als auch Zucker- und Stärkegehalt konstant bleiben. Allerdings war 2014 die Ausfärbung der Früchte etwas schlechter, was aber auch auf viele andere Sorten zutraf, so Vercammen. Auch bei einem Test unter Hagelnetzen zeigte sich eine schlechtere Ausfärbung – ein bekanntes Phänomen vieler Sorten. In der Fruchtqualität konnten unter dem Netz keine Unterschiede gemessen werden. Bei einem Ausdünnversuch 2015 mit Brevis war die Fruchtgröße höher als in der Kontroll- bzw. der MayCel-/Fixor-Variante.

Allgemein empfahl Vercammen für `Apple 60´ folgendes:

· Die Sorte wächst mäßig und bildet eine schlanke Baumform. Der Pflanzabstand sollte auf frischen Böden 1,2 m, im Nachbau 1 m betragen.

· Im Pflanzjahr sollte mit Champignonmist und einer halben Dosis N gedüngt werden, ab dem zweiten Jahr dann standardmäßig. Achten sollte man auf Magnesium- und Kalziummangel.

·Die Sorte blüht spät, als Bestäuber eignen sich `Gala´, `Pinova´, `Braeburn´ oder `Elstar´ sowie verschiedene Zieräpfel.

· Für Schorf ist die Sorte anfällig, für Mehltau hingegen wenig anfällig. Krebs- und Feuerbrandtoleranz sind noch nicht bekannt.

· Geerntet wird ein bis zwei Wochen vor `Braeburn´. Für eine gute, homogene Fruchtgröße ist eine chemische Ausdünnung erforderlich.

· Die Früchte zeigen allgemein eine gute Ausfärbung, hohe Festigkeit, guten Geschmack und gutes Shelflife.

Marion Valenta