10.02.2020

BGI-Verbandstag 2019

Wenn das so alles stimmt, was Keynotespeaker Prof. Dr. Joachim Weimann beim BGI-Verbandstag Mitte September an Zahlen in den Raum stellte, dann sind wir alle auf dem falschen Pfad unterwegs. Gerade noch kurz bevor das in Köln versammelte Fachpublikum mit Schrecken dachte, dass schon wieder die alte Plastikleier kommen würde, waren Weimanns Zahlen Weckrufe, die auch den weiteren Tenor der Veranstaltung prägten. Denn so groß kann unser Plastikproblem gar nicht sein, falls, wie Weimann behauptete, tatsächlich nur 0,28 % des Plastikmülls im Weltmeer aus Europa stammen und wir Deutschen 99,5 % unseres Kunststoffmülls verwerten, wo zudem bei seiner energetischen Verwertung dann ja auch gar kein Mikroplastik anfallen kann und die entsprechenden Emissionen sowieso schon dem Zertifikathandel unterliegen. Deshalb empfahl Weimann auch, den Recyclingirrsinn zu stoppen, stattdessen alles energetisch zu verwerten und sich auf die seiner Meinung nach sinnvollere Neuproduktion von Plastik zu verlegen.

Handel schafft Wohlstand – daran ließ Prof. Dr. Christine Wieck (Bildmitte) auf dem BGI-Verbandstag keine Zweifel aufkommen
Foto: Jacobsen

Zu dem Zeitpunkt war Greta Thunberg gerade in Amerika gelandet und waren die Möglichkeiten zur CO2-Reduktion gerade noch in allerer Munde als sie heutzutage sind. Nicht weiter verwunderlich, hatte Weimann auch dazu eine durchaus pointierte Meinung, ausgehend von der Idee, dass die CO2-Reduktion in möglichst vieler Hinsicht effizient sein müsse. Und da lande man dann schnell bei Grenzvermeidungskosten. Nur wenn diese bei allen Emissionsquellen gleich sei, ist das höchste Ziel Kosteneffizienz erreicht. Dabei müsse dann nicht nur an die Gleichbehandlung verschiedener Sektoren, sondern auch an den internationalen Ausgleich gedacht werden. Geht es um Gleichbehandlung, scheint eine CO2-Steuer gerecht, da die Vermeidungskosten dann für alle gleich sind. Beim Emissionshandel dagegen wird der Theorie nach zumindest am Ende immer da vermieden, wo es am billigsten ist. Eines der Probleme ist, festzusetzen, wie viel vermieden werden muss, was angesichts einer zumindest denkbaren Marktferne der Entscheidungsträger nicht ganz einfach ist. Das „wer“, „wo“ und „wie“ regelt der Markt dagegen dann ganz prima.

Das funktioniert sogar so gut, dass bei uns die Emissionen stärker gesunken sind, als eigentlich vorgesehen. Und da sich Weimann zufolge die deutsche Klimapolitik ausschließlich im Energiesektor vollzieht und Atomausstieg und EEG gewissermaßen Hand in Hand gingen, wird bei Beibehaltung der staatlich verordneten Reduktionsmenge original kein Molekül CO2 zusätzlich eingespart. Und dann lässt sich an dem Punkt ja auch prima weiter lamentieren: Weimann nahm Zahlen des Umweltbundesamtes zu Hilfe, die belegen sollen, dass wir ein gutes Drittel unseres teuer produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien exportieren und die oft kolportierten 40 % Anteil Erneuerbarer an der Gesamtstrommenge in Wahrheit auch nur ein Fünftel ausmachen.

Tatsächlich orientieren sich die CO2-Emissionen im deutschen Energiesektor gewissermaßen an der 1999 vorgegebenen roten Linie mit zuletzt fallender Tendenz und einer CO2-Minderemission von rund 32 Mio. t. Dann gibt es bei genauerem Hingucken gleichzeitig Mehremissionen durch höheren Stromverbrauch, Einsparung bei fossilen Kraftwerken und einer letztendlich den Erneuerbaren zu verdankenden Ersparnis in Höhe von rund 33 Mio. t. 25 Mrd. € Einspeisevergütung geteilt durch diese Ersparnis ergibt dann bemerkenswerte 766 €/t bzw. etwas schlankere 290 €/t ohne die Kosten, die der Atomausstieg mit sich brachte. Tatsächlich liegt dann der Rückschluss nahe, insbesondere wenn man mit der Lupe - oder vielleicht noch besser mit dem Elektronenmikroskop - den Anteil der Erneuerbaren am gesamten deutschen Primärenergieverbrauch gefunden hat, dass vieles vielleicht anders ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Deshalb, so Weimanns Fazit, müsse auch niemand auf sein Auto, Fleisch, Plastiktüten oder Kreuzfahrten verzichten – vielmehr bräuchten wir kluge politische Entscheidungen.

Kein leichter Stand für den nächsten Referenten, nachdem Weimann dazu aufgefordert hatte, grundsätzlich an allem und jedem zu zweifeln. Dr. Guido Reinhardt hat sich gemeinsam mit dem Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg einen Namen in der gesamtheitlichen Betrachtung von Nachhaltigkeitsaspekten erarbeitet, dementsprechend war das Thema ökologischer Fußabdruck von Schnittblumen bei ihm auch sehr gut aufgehoben: 180 000 t Schnittblumen wurden 2018 nach Deutschland importiert. Geht es dann um die Lebenswegbetrachtung, will man mehr über die entsprechenden Klimagasbilanzen erfahren. Ein bisschen kommt dann raus, was man als Laie auch erwarten würde, stammen die Rosen vom Freiland vor Ort, ist das besser, als wenn sie mit dem Schiff kommen, das Schiff aber noch besser als das Flugzeug und als Emissionskrönung dann gewissermaßen der beheizte Anbau unter Glas.

Ein Bund Rosen mit zehn Stück zu je 35 g aus dem Unterglasanbau entspricht dann 157 km Autofahren, zehn Portionen Spaghetti Bolognese samt Nachspeise, 21 Jahre TV-Standby oder 1,3 Jahre Glühbirnen Dauerbetrieb. Und leider für unsere europäischen Unterglasanbauer ist dann auch der Fußabdruck der kenianischen Rosen immer besser als der hier Unterglas-produzierten. Kein Problem ohne Lösung, lässt sich das CO2-Ungleichgewicht dann natürlich auch wegkompensieren: für die Unterglasrosen wurden etwas mehr als 50 ct pro Bund fällig, die Flugrosen landen bei 20 ct und die Rosen vom Schiff kommen mit einem Cent sehr günstig weg. Reinhardts Ratschlag dann auch: Verzicht geht vor Kompensation und Freiland, saisonal und nachhaltig schlägt alles.

Einen Schritt weiter ging Magnus Wessel vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Auch er forderte den Ausbau der heimischen Produktion. Diese sollte dann zusätzlich ohne Gentechnik, Pestizide, Plastik und Torf auskommen und da war es, das Thema, ohne das zurzeit keine Veranstaltung im Bereich Zierpflanzen auskommt. Die Fronten waren einigermaßen klar verteilt und so prallten Torfersatzstoffe und die bisher unerreichte, aber vielleicht auch unerreichbare Qualität von Torf als Wachstumsmedium einmal mehr aufeinander. Dass sich zumindest bei Plastik schon einiges in die richtige Richtung entwickelt, zeigte Jacco Duindam von Royal FloraHolland, bevor Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe e.V. dann mit Zahlen dem Verpackungsaufkommen auf die Spur ging.

Von 1997 bis 2015 stieg das Verpackungsaufkommen um ein knappes Drittel und klappt es auch beim Sport immer seltener, sind wir zumindest beim Müllaufkommen Europameister. Immer mehr wird vorverpackt, Obst und Gemüse mittlerweile zu 63 %. Frischgemüse schlägt mit 31 000 t Kunststoffverpackungen zu Buche, -obst mit 22 500 t. Entsprechende Beispiele zu finden, für die eine Verpackung entweder ganz und gar unnötig oder einfach nur nicht ressourcenschonend ist, fallen dann naturgemäß leicht. Und da der gesellschaftliche Druck wächst, einem weiteren Müllbergwachstum den Riegel vorzuschieben, wurde insbesondere Svea Schulze aktiv: unter #wenigeristmehr lassen sich mehr als nur der Fünfpunkteplan der Umweltministerin finden. In der EU-Plastikrichtlinie wurden zudem ja schon eine Menge sinnvoller Dinge verboten, ein Sammelziel für Plastikflaschen von 90 % ist darin ebenfalls vermerkt genauso wie die Forderung nach einer Verbrauchsminderung.

Da wird es dann spannend, denn so manches Einwegplastikprodukt soll verboten, andere teurer und sowieso verstärkt plastikfreie Alternativen auf den Markt gebracht werden. Und auch wenn die Marktentwicklung zuletzt etwas nach unten zeigte, so sind Blumen und Zierpflanzen im Wert von 8,6 Mrd. € eine ganze Menge auch Verpackungsmaterial. Rund 90 Mio. Einwegtrays machen sich jedes Jahr aus den Niederlanden auf den Weg zu uns, komplettiert von der gleichen Summe, die aus unserem eigenen Land stammt und zusammen allein für 25 Mio. kg Plastikabfall sorgen. Mehrwegsysteme können hier eine Lösung bieten, wie auch der Bereich Schnittblumen zeigt, in dem auf einen Einwegbehälter 20 Mehrwegbehälter kommen. Palettino bzw. Floratino sind dabei erste Ansätze. Schwieriger wird es dann bei den Pflanztöpfen: so genannte Post-Consumer-Rezyklate können hier etwas an der Bilanz verbessern, nachwachsende Rohstoffe eher nicht. Schwierig auch die Verpackung von Schnittblumen, ein gänzlicher Verzicht hat wiederum andere Nachteile.

Fischer war sich allerdings sicher, dass das Allgemeinklima nicht plastikfreundlicher werden wird und Abfallvermeidung und Mehrweg in Zukunft noch deutlich an Bedeutung gewinnen. Der Druck aus Brüssel und Berlin steigt, genauso wie das Umweltbewusstsein der Verbraucher, was Henne-Ei zu einer Sensibilisierung des Handels führt. Und da fallen dann schnell die gefürchteten Q-Wörter: Mehrwegquoten für Transport- und Verkaufsverpackungen und Abfallvermeidungsquoten. Wer dann von momentaner Schnappatmung wieder genesen ist, kann sich Fischer zufolge mit den Konzepten Ressourcen- bzw. Plastiksteuer und einer ökologischen Ausgestaltung von Lizenzentgelten beschäftigen.

Tim Jacobsen


Informatives



Ausgabe 01/2020

 

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