08.01.2020

Blümchenkaffee auf Erfolgskurs

Lupinen sind hierzulande eine eher unbekannte Kultur. Auf dem Biolandhof Kelly/Warnke in Herdwangen-Oberndorf durften 2013 - der Neugier und Experimentierfreude der Betriebsleiterfamilie geschuldet - ein paar Reihen probehalber wachsen. Inzwischen ist mit Anbau, Verarbeitung und Vermarktung der seltenen Kulturpflanze ein neuer Betriebszweig entstanden.

Hier wächst blaue Lupine, auch wenn sowohl Blüten als auch Samen weiß sind
Foto: Brudermann

„Diese kleinen, weißen Kügelchen haben uns fasziniert“, erinnert sich Linda Kelly. Gemeinsam mit ihrer Mutter Johanna Warnke ließ sie die erste Ernte von 300 kg Lupinenkernen durch die Finger rieseln. Auf einem ausgewinterten Weizenacker neben einem Blumenfeld zur Selbsternte hatte die Familie Lupinen gesät. „Sie blühen ja auch schön, vielleicht nimmt sie jemand zum Blumenstrauß dazu“, dachten sie. Das war dann nicht der Fall, folglich stellte sich die Frage: Was macht man eigentlich mit der Ernte? Recherchen im Internet und Gespräche mit alten Frauen im Dorf führten zum Lupinenkaffee. Die ersten Chargen jagten Mutter und Tochter gemeinsam durch die Küchenmaschine; die Hausröstung erfolgte in der Bratpfanne. Das Ergebnis wurde statt herkömmlichem Kaffeepulvers in die Kaffeemaschine gefüllt. „Der Geschmack hat die ganze Familie postwendend überzeugt. Und in der Anbauplanung fürs nächste Jahr bekam die Lupine einen festen Platz.“Unternehmen aufgebautFür Linda Kelly kam die Zufallsbekanntschaft mit der Lupine gerade zur rechten Zeit. Die gelernte Industriekauffrau pendelte einige Jahre täglich vom elterlichen Betrieb zu ihrem 60 km entfernten Arbeitgeber. Das erste gemeinsame Kind mit Ehemann Michael Kelly kam 2012 auf die Welt – nun schien der Aufbau einer eigenen wirtschaftlichen Existenz vor Ort ein attraktiver Weg. Mit beeindruckender Gradlinigkeit begann sie, das Lupinen-Projekt in ein zukunftsweisendes Unternehmen umzustricken. Je nach aktuellem Bedarf wachsen mittlerweile 3-6 ha Lupinen auf den Flächen des Biolandhofs Kelly/Warnke. Die Lupine wird mit einer Einzelkornsämaschine in Reihen ausgesät; hierfür beauftragt Linda Kelly ein Lohnunternehmen. Sie hat sich für den Anbau der blauen Lupine entschieden, die zwar ihres Namens zum Trotz weiße Samen und auch weiße Blüten bildet, aber im Gegensatz zur weißen Lupine mit dem Klima im Bodenseehinterland gut zu Recht kommt und keine Krankheitsanfälligkeit zeigt. Die Vegetationszeit über sind Striegeln, Hand- und Maschinenhacke die wichtigsten Kulturmaßnahmen. Die Ernte erfolgt – ebenfalls in Kooperation mit einem Lohnunternehmen – mit einem herkömmlichen Mähdrescher.Eigene TechnikIn einer Saatgutreinigungsmaschine wird die Ernte zunächst grob von Unkrautsamen gereinigt. In einer Containertrocknung wird sie auf eine Restfeuchte von maximal 14 % getrocknet. Ein Farbauslesegerät übernimmt das Aussortieren verfärbter Kerne und anderer Fremdkörper, was Linda Kelly in den ersten Jahren noch per Hand erledigt hat. Die getrocknete und speisetauglich sortierte Ware wird in lebensmitteltauglichen Containern gelagert und wartet auf ihre weiteren Verarbeitungsschritte.Die passende Aufbereitungstechnik für eine Lupinenernte findet man nicht beim örtlichen Landtechnikhändler. Da ist es für Linda Kelly ein ausgesprochen nützlicher Zufall, dass Ehemann Michael Kelly Maschinenbauingenieur ist. Neben seiner Beschäftigung bei einem Hersteller von Minenräumgeräten hört er seiner Frau (fast) unermüdlich zu und richtet sich eine eigene Werkstatt am Betrieb ein. Hier bringt er die alte, am Betrieb vorhandene Saatgutreinigungsanlage wieder zum Laufen und optimiert sie für die Lupinensamen. Auch die Containertrocknung mit integrierter Durchmischungstechnik und manch anderes Gerät zur Verarbeitung baute er selbst.„Anfangs hat Michael sich mit Begeisterung jeder meiner neuen Ideen angenommen – mittlerweile beginnt er schon mit den Augen zu rollen, wenn ich wieder etwas Neues ausprobieren möchte“, beobachtet Linda Kelly. Aber das Sortiment rund um die Lupinen hat auch schon eine stattliche Vielfalt erreicht. Zum Lupinenkaffee sind geschälte Lupinenkerne zum Kochen dazu gekommen, wie auch Lupinenflocken und Lupinenkerne in der Dose. Für alle bestehenden (und die vielleicht in Zukunft noch entwickelten) Produkte hat Linda Kelly den Namen „Lupinello“ als Marke schützen lassen.An den Produktionstagen duftet der ganze Hof, dass man meinen könnte, man sei in einer Kaffeerösterei gelandet. Küchenmaschine und Bratpfanne haben wieder zu ihren ursprünglichen Küchenfunktionen zurückgefunden. Linda Kelly hat einen gebrauchten Industriebackofen erstanden; Michael Kelly hat eine zusätzliche Lüftungstechnik installiert, damit die Lupinensamen nicht nur erhitzt werden, sondern auch ihre Restfeuchte gut abgeben können. Eine Kaffeemühle vermahlt die geröstetem Samen zum fertigen „Blümchenkaffee“. Der erste Versuch, Lupinen gekocht zu verzehren, war für Linda Kelly und Johanna Warnke weniger überzeugend als der Kaffee. Die Schalen der Lupine sind zwar nicht giftig, aber eben auch nicht für Gourmets zu empfehlen. Um die Samen zu schälen, war wieder Michael Kelly gefragt. Ein paar Jahre arbeitete Linda Kelly mit einer grob eingestellten Steinmühle mit einem nachgeschalteten Labyrinth mit komplexem Gebläsesystem, das Kerne und Schalen zuverlässig trennte. Marke Eigenbau. Heute ist eine Soja-Schälmaschine im Einsatz - mit kleinen Anpassungen dank Michael Kelly, versteht sich.Ein-Frau-UnternehmenBis zur ersten Charge Lupinenkaffee spielte die Direktvermarktung auf dem Biolandhof Kelly/Warnke keine Rolle. Getreide und Rindfleisch werden über den Handel vermarket. Anfangs hat Linda Kelly Klinken geputzt bei Bioläden in der Region – durchaus mit Erfolg. Heute zählt sie rund 30 Läden und Cafés zu ihren Kunden, die sich auf die ganze Republik verteilen. Das Logo – ein handgeschriebener Schriftzug „Lupinello“, umrahmt von gemalten blühenden Lupinenpflanzen, hat Johanna Warnke gezeichnet. Linda Kelly setzt bei ihren Werbemaßnahmen im Wesentlichen auf die familieninterne Kreativität. Etiketten hat sie für alle Produkte selbst gestaltet; gedruckt werden sie von einer Online-Druckerei. Homepage samt Online-Shop pflegt sie selbst, wie auch die obligatorische Präsenz bei Facebook und Instagram. Nur selten und sehr gezielt – zum Beispiel für die geplante Suchmaschinenoptimierung – kauft sie sich Know-How von Experten zu. „Ich möchte, dass die Wertschöpfung hier im Betrieb bleibt“, begründet sie. Zum aktuellen Zeitpunkt ist Linda Kelly mit „Lupinello“ als Ein-Frau-Unternehmen mit Familienunterstützung rundum zufrieden. Knapp die Hälfte ihrer Lupinenernte verarbeitet sie selbst und vermarktet sie als Lupinello-Produkte; die restlichen Lupinen gehen – teils als Rohware und teils geschält oder gemahlen – an Betriebe, die ihrerseits Lupinenprodukte herstellen. Auch Bio-Kaninchenfutter ist unter den Endprodukten zu finden. Die Frage schwebt im Raum, ob Lupinello als Marke und Verarbeitungsbetrieb weiter wachsen möchte, ob sich die überschaubare Manufaktur zu einer Firma mit Angestellten weiterentwickeln wird. „Im Moment mag ich die Vielseitigkeit meiner Arbeit“, sagt Linda Kelly. Es kann sein, dass sie morgens auf dem Traktor sitzt und mit der Maschinenhacke durch die Lupinenfelder fährt, das Mittagessen mit ihren Kindern Kieran (7) und Darren (4) genießt, nachmittags Kaffee röstet und am Abend am Computer sitzt, Neuigkeiten bei Facebook postet oder an einem neuen Flyer bastelt. Sie wägt ab: „Den Schritt zu einer Unternehmerin mit Mitarbeiterverantwortung würde ich mir schon zutrauen, aber ich forciere das Wachstum nicht. Ich lasse es auf mich zukommen.“Nicht nur, um für ihre Produkte zu werben, tritt Linda Kelly in der Öffentlichkeit auf. Als Unternehmerin wurde sie mehrfach ausgezeichnet, und immer wieder tritt sie bei regionalen Veranstaltungen auf, um ihre Geschichte zu erzählen. „Ich möchte anderen Frauen Mut machen, für ihre Ideen einzustehen, auch wenn sie auf den ersten Blick verrückt erscheinen“, betont sie. Denn Lupinello ist schließlich das beste Beispiel, dass man bzw. frau auch mit einer Blümchenkaffee-Idee Erfolg haben kann.

Katja Brudermann


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Ausgabe 01/2020

 

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