08.11.2016

Deutsche Genbank Obst

Him- und Brombeernetzwerk wird im Bundessortenamt in Wurzen geknüpft

Hat auch in Wurzen ihren Platz gefunden: Dr. Bauers `Ometa´, eine bekannte Schwarze Johannisbeere
Foto: Heinz

 

Rund 400 Beeren-Sträucher stehen in den Anlagen auf dem Gelände des Bundessortenamtes bei Wurzen (Sachsen). Es sind Him- und Brombeeren, diverse Johannisbeerartige, beispielsweise Rote, Weiße und Schwarze Johannisbeeren, Jostabeeren und Stachelbeeren. Sie stehen nach Arten sortiert in langen Reihen.

Was man nicht auf den ersten Blick sieht: Die Pflanzen haben verschiedene Aufgaben. Einige der Sträucher sind sozusagen zu Gast in der Prüfstelle Wurzen des Bundessortenamtes (BSA). Sie bewerben sich als Vertreter ihrer Sorte um die offizielle Bestätigung, dass sie wirklich eine Innovation sind. Wenn Dr. Erik Schulte den "Stempel" in der Hand hält, kann niemand anderes Vermehrungsmaterial in den Handel bringen, ohne die Zustimmung des Sortenschutzinhabers.

Die Sorten „in Wartestellung“ erkennt man daran, dass ihr Schildchen nur eine Nummer trägt, aber noch keinen Namen (Nummernsorte). Andere Pflanzen beim BSA haben schon einen Namen, der sie als Sorte kennzeichnet. Sie sind in den Anlagen des BSA präsent, um als Vergleichsmaterial gegenüber den Neubewerbern zu dienen. Als Vergleichsobjekte fungieren aber auch die Pflanzen der Genbank.

Hauptaufgabe: Überleben

Doch eigentlich haben die Pflanzen der Genbank eine andere Hauptaufgabe: Überleben. Der Erwerbsobstbau und dessen Globalisierung bewirken, dass immer größere Teile des weltweiten Bedarfs durch immer weniger, besonders marktfähige Obstsorten gedeckt werden. Mit dem Schrumpfen der Sortenvielfalt gehen aber nicht nur Aromen verloren, sondern auch kulturelle, ökologische und gesundheitliche Werte. Und mit dem Aussterben von Sorten können sogar die genetischen Wurzeln bestimmter Eigenschaften verschwinden. 

Zentrale Erfassung der Sorten

Deshalb wurden internationale Übereinkommen getroffen, beispielsweise die Konvention von Rio, die jedes Land verpflichten, die bei ihm entweder natürlich verwurzelten oder durch die Kultivierung entstandenen Obstsorten zu bewahren. In Deutschland entstand die Deutsche Genbank Obst (DGO). Die hatte bis Anfang 2009 ein Erdbeernetzwerk sowie ein Kirschennetzwerk geknüpft, Ende 2009 kam das Apfelnetzwerk hinzu. Das Him- und Brombeerennetzwerk gibt es seit  2014, das Birnennetzwerk seit 2015. Dann arbeiten die deutschen Experten an Netzwerken für derzeit wirtschaftlich eher zweitrangige Arten wie Sanddorn, Holunder und Nüsse, auch unter dem Begriff Wildobst zusammengefasst. In etwas weiterer Ferne liegt das Knüpfen eines Netzwerkes für die Johannisbeerartigen. Nun gibt es in Deutschland schon lange verschiedene Pflanzensammlungen. Der Nutzen solcher modernen Netzwerke hingegen liegt im Nebeneinander der zentralen Erfassung der Sorten und dem dezentralen Anbau der Pflanzen an verschiedenen Standorten.

JKI koordiniert Netzwerke

Koordinator der Netzwerke der DGO ist das Julius Kühn-Institut (JKI) in Dresden-Pillnitz. Die Anlagen werden von mehreren sammlungshaltenden Partnern gepflegt, zu denen neben dem JKI auch das Bundessortenamt gehört. „Schon 2004 bekam das BSA den offiziellen Auftrag, alte Stein- und Wildobstarten und –sorten zu erhalten“, erläutert Dr. Erik Schulte, der Referats- und Prüfstellenleiter in Wurzen. „2011 hat uns das BMEL angewiesen, diese Aktivitäten nochmals auszubauen und zusätzlich im Rahmen der Deutschen Genbank Obst die Koordination von Genbanknetzwerken für Beerenobstarten, Wildobst und Birne zu übernehmen. Das fördert gleichzeitig unsere Arbeit bei der Sortenschutzprüfung, denn es ist ja möglich, dass eine als neu präsentierte Sorte vor 200 Jahren schon mal in den Gärten stand. Gleichzeitig wird die Genbank gepflegt.“

Genbank Rubus: Brombeeren und Himbeeren

Einige DGO-Netzwerke werden direkt vom BSA aus koordiniert. Dazu gehört die Genbank Rubus, die sich Him- und Brombeeren widmet. Auf den Wurzener Anlagen stehen 257 Sorten Himbeeren, davon 33 in der Genbank sowie 83 Sorten Brombeeren, davon neun in der Genbank. Ein zweiter Standort ist das Julius Kühn-Institut (26 Sorten Himbeeren und vier Sorten Brombeeren). Hinzu kommen noch vier Sorten Himbeeren am Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. „Die Anlagen befinden sich also alle in Sachsen und liegen eigentlich ein bisschen zu nahe beieinander, um gegen alle zerstörerischen Eventualitäten abgesichert zu sein. Aber ich habe bislang für diese pflegeintensiven Kulturen noch keine Partner in anderen Bundesländern finden können“, bedauert Schulte.  

Bei allen Obstarten geschieht der Aufbau eines Netzwerkes ähnlich: „Mit Hilfe der Literatur und von botanischen Sammlungen ermitteln wir so genau wie möglich, welche Kultursorten einer Obstart es in Deutschland noch gibt oder geben müsste“, erläutert Schulte das Herangehen. „Bei den Himbeeren waren wir zunächst auf 240 für die geplante Genbank geeignete Sorten gekommen, bei den Brombeeren auf 48 Sorten. Als nächsten Schritt entscheiden wir, welche Sorten bewahrt werden sollen. Dann beginnt das große Suchen, Zusammentragen, Ziehen und Pflanzen. Das ist eine aufwändige Arbeit. In unserer aktuellen Himbeer-Sammlung beispielsweise fehlen uns noch die Sorten `Andenken an Paul Camenzind´, `Harzjuwel´ und `Winklers Sämling´.“ Sind die Seltenheiten gefunden, werden die zur Vermehrung ans BSA umgesiedelt. Sofern möglich, werden Topfpflanzen umgesetzt. Ansonsten dienen Pflanzenteile, beispielsweise Wurzelschnittlinge oder junge Ruten der Vermehrung und Umsiedlung ans BSA.

Nutzer der Genbank

Auch wenn die Genbank Pflanzenmaterial für Jahrhunderte bewahren soll, gibt es schon heute Nutzer: Züchter, Naturschützer, wissenschaftliche und staatliche Einrichtungen, Privatleute, Vereine oder professionelle Pflanzenproduzenten. Sie bekommen das Gewünschte - zumeist Reiser oder Pflanzen - zum Unkostenpreis. Nicht herausgegeben werden Pflanzenteile von Sorten, die auch in Reisermuttergärten gehandelt werden. „Die leben immerhin davon“, nimmt Schulte die Vermehrungsbetriebe in Schutz.

Zu den Investitionen in jüngster Vergangenheit zählt ein insektensicheres Gewächshaus. Dort sollen vor allem die Genbankpflanzen ein Leben frei von Schädlingen und Viren führen können, damit sie ungefährdet erhalten werden und ihr sortenprägendes Antlitz nicht verändert wird.   

Marlis Heinz

Weitere Informationen: www.bundessortenamt.de, Dr. Erik Schulte, E-Mail: erik.schulte@bundessortenamt.de