13.09.2018

Deutschland im Dürrestress

Forderungen nach einer an der Praxis orientierten Mehrgefahrenversicherung für Sonderkulturen unüberhörbar

Im Interview mit Gartenbau-Profi: Michael Lösche, Generalbevollmächtigter der Vereinigten Hagelversicherung VVaG
Foto: Kühlwetter

Im letzten Jahr war es der Frostschaden, der vielen Sonderkulturbetrieben schon zum Start der Saison die Aussichten auf eine gute Ernte zerstörte. In diesem ist es die langanhaltende Trockenheit und Dürre, die in weiten Teilen Deutschlands trotz zum Teil großflächig vorhandener Möglichkeiten zur Bewässerung die Aussichten auf einen erfolgreichen Saisonverlauf erheblich getrübt und zudem für einen Marathon nicht enden wollender Arbeitstage gesorgt hat. Die schon seit Jahren aus dem Berufsstand geäußerten Forderungen nach einer für die Betriebe tragbaren Form einer Mehrgefahrenversicherung sind unüberhörbar und  inzwischen endlich bei den politisch Verantwortlichen, die für die Gestaltung der Rahmenbedingungen zuständig sind, angekommen.

Gartenbau-Profi sprach mit Michael Lösche, Generalbevollmächtigter der Vereinigten Hagelversicherung VVaG in Gießen und Vorstandsmitglied der Concordia Polska TUW in Poznań (PL), über das voraussichtliche Ausmaß der Schäden, über die Möglichkeiten einer Mehrgefahrenversicherung und die abzudeckenden Risiken, über Kosten und mögliche Fördermaßnahmen, über die bisherigen Bedenken und Ressentiments der Politik und über die Wettbewerbssituation im Vergleich zu Mitbewerbern aus dem europäischen Umfeld.

Gartenbau-Profi: Herr Lösche, wie ist der bisherige Saisonverlauf im Hinblick auf Schäden, die durch Hagel an Obst- und Gemüsekulturen entstanden sind, im Vergleich zu den Vorjahren einzuordnen?

Michael Lösche: Die gegenwärtige Anzahl der Meldungen über Hagelschäden im Jahr 2018 (insgesamt 18 000 Schadenmeldungen im Inland, davon rund 1 000 aus den Bereichen Gemüse- und Obstanbau) bewegt sich im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Im Vorjahr belief sich die Summe der bei der Vereinigten Hagel gemeldeten hagelbedingten Schäden z.B. auf rund 21 000.

In diesem Jahr treten die Hagelschäden gegenüber den extremen Trockenheitsschäden in Nordostdeutschland sowie Teilen Europas allerdings sehr stark in den Hintergrund.

Gartenbau-Profi: Können Sie auch für die durch Trockenheit an den Obst- und Gemüsekulturen entstandenen Schäden eine Zwischenbilanz ziehen oder wird diese Art von Schäden bisher noch nicht exakt erfasst?

Michael Lösche: Die von Seiten des Deutschen Bauernverbandes zunächst geschätzte Schadenshöhe von 1 Mrd. € durch die langanhaltende Dürre in dieser Saison, ist sicherlich mittlerweile auf rund 2,5 Mrd., ja vielleicht sogar 3 Mrd. € angewachsen. Die endgültige Höhe der Schäden – wie es auch Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner in offiziellen Statements sagte – wird sich erst im September beziffern lassen.

Bezogen auf die Sonderkulturen Obst und Gemüse ist es schwierig, eine Aussage zu treffen. Viele Betriebe haben die Möglichkeit, die Flächen zu beregnen oder die Kulturen über sonstige Bewässerungsanlagen zu versorgen – problematisch sieht es jedoch dort aus, wo eine Beregnung nicht stattfinden kann. Aus Gesprächen mit unseren Versicherungsnehmern ist uns bekannt, dass auf Zwiebelflächen im Nordosten Deutschlands, die nicht zu beregnen sind, Ertragsverluste von über 50 % zu erwarten sind oder bereits Totalverluste eingetreten sind.

Allerdings gab es durchaus auch Sortenunterschiede. Ferner hatten insbesondere unterschiedliche Aussaattermine einen deutlichen Einfluss auf den Umfang der Ertragsschäden.

Gartenbau-Profi: Wenn wir über die Grenzen schauen, gibt es doch viele Länder, die eine Mehrgefahrenversicherung anbieten. Was wäre denn im Falle der Trockenheit ein Beispiel für ein funktionierendes Versicherungssystem?

Michael Lösche: Über die Mehrgefahrenversicherung wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland wiederholt diskutiert und berichtet. Bei einem Blick über die Grenze zu unseren Nachbarländern wird hierbei deutlich, welche Möglichkeiten bestehen, verschiedene Risiken in einer umfangreichen „Paketlösung“ abzudecken.

Ein gutes Beispiel, insbesondere im Vergleich zu der Situation der deutschen Zwiebel- und Kartoffelproduzenten, sind ihre niederländischen Nachbarn, die in einem Jahr der extremen Schäden im Bereich des Kartoffel- und Zwiebelanbaus durch die staatlich geförderte Mehrgefahrenversicherung „aufgefangen“ wurden. Das niederländische Modell sieht neben weiteren Gefahren auch eine Absicherung gegen das Trockenheitsrisiko vor. Der dortige staatliche Zuschuss zur Mehrgefahrenversicherung beträgt 65% und ermöglicht den niederländischen Betrieben, neben dem „klassischen“ Hagelrisiko, ihren Anbau auch gegen weitere Gefahren, wie eben die Trockenheit, zu versichern.

Gartenbau-Profi: Wie kann man sich dieses Modell in der Praxis vorstellen? Wie werden die Trockenheitsschäden festgestellt?

Michael Lösche: Die Art und Weise der Feststellung der Trockenheitsschäden ist in dem Gesetz zur Mehrgefahrenversicherung in den Niederlanden festgelegt. Hierin ist vorgegeben, dass sich der Grad der Trockenheit nach der so genannten „klimatischen Wasserbilanz“ bemisst. Diese wird auf Grundlage der täglichen witterungsbedingten Niederschlagsmenge abzüglich der Höhe der potentiellen Verdunstung berechnet. Als maßgebliche Messdaten für die betreffende Anbaufläche dienen die Daten einer in der näheren Umgebung positionierten Messstation der KNMI (Königlich Niederländisches Meteorologisches Institut). Soweit das Institut eine negative Wasserbilanz feststellt (hierfür gibt es bestimmte Grenzwerte), gilt die Trockenheit als erwiesen und der Versicherungsfall ist nachweislich eingetreten.

Gartenbau-Profi: Wie wird der Schaden reguliert?

Michael Lösche: Nachdem der Betrieb den Schaden gemeldet hat, wird mit den Daten des KNMI abgeglichen, ob in der Region eine entsprechende negative Wasserbilanz vorliegt.

Anhand von Durchschnittserträgen der Region prüfen die Sachverständigen den mengenmäßigen Ertragsverlust auf dem Feldstück und setzen diesen ins Verhältnis zu den Durchschnittserträgen der Region. Soweit der Durchschnittsertrag des Betriebes den vorgegebenen Wert überschreitet, obliegt es dem Betrieb, einen Nachweis hierfür zu erbringen. Dies ist i.d.R. mittels Ertragsaufzeichnungen der zurückliegenden fünf Jahre möglich, wobei das jeweils beste und schlechteste Jahr bei der Bildung des Durchschnittsertrages keine Berücksichtigung findet.

Hierbei handelt es sich übrigens um keine rein niederländische Vorgehensweise, denn es ist gängige Praxis im Bereich der Mehrgefahrenversicherung im internationalen Kontext.

Gartenbau-Profi: Was muss ein niederländischer Zwiebelerzeuger für diese Versicherungsform bezahlen?

Michael Lösche: Es gibt in den Niederlanden zwei verschiedene Varianten. Nehmen wir z.B. die vollständig förderfähige Versicherungsvariante als Beispiel: Bei einer 65 %igen Förderung der Prämie bewegt sich die Bruttoprämie zwischen 4,5–5,5 %, sodass der Versicherungsnehmer bei dieser Variante einen Eigenanteil von 35 % selbst tragen muss.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass der Betrieb einen Selbstbehalt von 30 % hat; d.h. dass die maximale Auszahlungshöhe im Falle eines Totalschadens bei 70 % liegt. Beläuft sich der festgestellte Schaden hingegen auf 70 %, erhält der Betrieb 40 % der Versicherungssumme als Entschädigungsleistung.

Gartenbau-Profi: Erkennen Sie bei der aktuellen Dürresituation in Deutschland Anzeichen für ein Umdenken auf politischer Ebene?

Michael Lösche: Nach den schweren Spätfrostschäden im vergangenen Jahr fanden zahlreiche Veranstaltungen mit Politikern zum Thema „Etablierung einer Mehrgefahrenversicherung“ statt. Die Betroffenheit durch witterungsbedingte Schäden im Sonderkultursektor war 2017 derart hoch, dass viele Betriebe „mit dem Rücken an der Wand standen“. Um jenen zu helfen, wurde insbesondere in Baden-Württemberg mit einer Ad-hoc-Hilfe eine Überbrückung dieser schweren Schäden ermöglicht. Im weiteren Jahresverlauf setzte sich die Diskussion fort, dass man für die nachfolgenden Jahre eine nachhaltige Lösung in Form einer Mehrgefahrenversicherung, insbesondere auch zur Absicherung gegen Spätfrostschäden, etablieren sollte. Zum jetzigen Zeitpunkt liegt noch keine Entscheidung vor; mit Spannung wird daher die Agrarministerkonferenz im Herbst 2018 zu erwarten sein.

Die außergewöhnlichen Trockenheitsschäden in der laufenden Saison und die bereits bezifferten Ertragsverluste in der deutschen Landwirtschaft haben manchen Politiker, der sich vielleicht bisher gegen eine Mehrgefahrenversicherung ausgesprochen hatte, stärker für diese Lösung zum Schutze der landwirtschaftlichen Betriebe sensibilisiert.

Die steuerfreie Risikorücklage, die immer wieder gefordert und auch diskutiert wird, hilft sicherlich nur dann, wenn die Betriebe im Vorfeld die Möglichkeit haben, entsprechende Rücklagen zu bilden. Außerhalb des landwirtschaftlichen Berufsstandes wird diese Regelung äußerst kritisch als weitere Bevorzugung der Agrarbranche gesehen.  

Wir wissen u.a. auch aus Polen, dass im Jahr 2018 wiederum Ad-hoc-Hilfen in Höhe von rund 200 Mio. € für trockenheitsgeschädigte landwirtschaftliche Betriebe gewährt werden sollen. Allerdings – so ist es dort zu vernehmen – bestehen deutliche Schwierigkeiten, den Schaden vor Ort bei den Betrieben zu ermitteln. Ein besonderes Problem stellt hierbei der Mangel an geschulten Mitarbeitern, die mit einer solchen Feststellung betraut werden könnten, dar. Ferner ist der administrative Aufwand, der im Rahmen der Zuweisung entsprechender Ad-hoc-Hilfen vonnöten ist, als extrem hoch einzustufen.

Der neue Landwirtschaftsminister in Polen treibt aus den genannten Gründen eine intensive Diskussion zur Förderung einer Mehrgefahrenversicherung voran, die künftig auch das Trockenheitsrisiko abdecken soll.

Gartenbau-Profi: Haben die deutschen Sonderkulturbetriebe bei der Zunahme von Wetterextremen ohne eine wirtschaftlich tragfähig aufgestellte Mehrgefahrenversicherung langfristig eine Chance, im Wettbewerb mit ihren europäischen Kollegen zu überleben?

Michael Lösche: Die Mehrgefahrenversicherung ist ein effektives Instrument zur betrieblichen Risikovorsorge. Gegenwärtig wie auch in der Vergangenheit wurde immer wieder seitens des Berufsstandes gefordert, dass auch in Deutschland der Staat, nach dem Modell anderer europäischer Länder, eine entsprechende Unterstützung der Versicherungsprämie gewähren sollte. Allerdings – und dies wurde im Rahmen der Diskussion immer wieder verlautet – würden die Wetterextreme nur einmalig auftreten. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass wir in jedem Jahr mit mindestens einer der möglichen Naturgefahren zu kämpfen haben. Starkregenereignisse von über 100 mm/Std., Hagelzüge mit einer Breite von 20 km und einer Länge von 200 km, Spätfrostereignisse wie im Jahr 2017 oder die extreme Dürre im aktuellen Jahr lassen für die Zukunft nichts Gutes erwarten.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen wahrnehmen, dass Wetterextreme uns in der Zukunft noch um ein Vielfaches mehr beschäftigen werden. Sofern wir wollen, dass die landwirtschaftliche Produktion in Deutschland im internationalen Wettbewerb auch zukünftig eine führende Position einnimmt, sollten wir föderalistische Schranken überwinden und eine finanziell tragfähige und nachhaltige Lösung für den gesamten „grünen Sektor“ entwickeln. 

Das Interview mit Michael Lösche führte Thomas Kühlwetter


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Ausgabe 09/2018

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

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