06.01.2017

Die fetten Jahre sind vorbei

Vor ziemlich genau einem Jahr stellte der Journalist Jan Grossarth in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fest, dass die fetten Jahre für die deutschen Landwirte vorbei seien. Dabei bezog er sich auf einen Bericht des Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, über die Einkommenssituation des deutschen Agrarsektors. Kürzlich präsentierte der Deutsche Bauernverband einen aktuellen Situationsbericht, der auf den Ergebnissen der landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe aus dem Wirtschaftsjahr 2015/16 basiert.

Darin wird bestätigt, dass im vergangenen Jahr die Erzeugerpreise und damit die Einkommen der deutschen Landwirte erneut kräftig zurückgegangen sind. Im Durchschnitt seien die Unternehmensergebnisse der landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetriebe um 8 % auf 39 700 € je Betrieb gesunken, nach einem Minus von 34 % im Vorjahr.

Die gute Nachricht am Ende dieses schwierigen Jahres lautet: Die Situation habe sich nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes in den vergangenen Monaten leicht entspannt. Doch diese Einkommensdefizite müssen die Betriebe erst einmal verkraften, häufig gehen sie an die Substanz landwirtschaftlicher Familienbetriebe. Die Preiskrise beschleunigte den seit Jahrzehnten anhaltenden Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft, dem vor allem viele kleine Höfe zum Opfer fallen.

Viel zu selten findet die angespannte Situation des Agrarsektors Gehör in den Medien. Der neue aktuelle Situationsbericht hat es (bisher) nicht wieder in die FAZ geschafft. Dagegen hat es im vergangenen Herbst eine Bäuerin aus den Niederlanden geschafft, in einer beliebten Nachrichtensendung im holländischen Fernsehen auf die Situation im Agrarsektor aufmerksam zu machen. Zunächst hatte sie auf Facebook gepostet, was sie und ihren Mann letztendlich dazu gebracht hat, ihre Leidenschaft und ihr Lebenswerk aufzugeben und ihren landwirtschaftlichen Betrieb zu verkaufen. Sie kritisierte die Scheinheiligkeit der Gesellschaft, die ständig von Nachhaltigkeit und Tierschutz spreche, gleichzeitig aber kein Problem damit habe, dass der Lebensmitteleinzelhandel niedrigste Preise erzwinge, Mega-Spannen auf dem Rücken von Bauer und Kuh erziele und den Markt mit billiger Massenmilch überschwemme. Sie verwies auf eine ‚Definition‘, die die Situation des Agrarsektors schmerzhaft deutlich beschreibt: „Landwirtschaft, das ist die Kunst, Geld zu verlieren, während man 400 Stunden pro Monat arbeitet, um Menschen zu ernähren, die denken, dass man sie vergiften will.“

Sehr vielen Landwirten und Gärtnern wird diese Frau aus der Seele gesprochen haben, die die ungerecht verteilten Spannen in der Lebensmittelbranche und die Rolle, die der Lebensmitteleinzelhandel dabei spielt, an den Pranger stellt.

Dem Agrarsektor ist dies bekannt. Nur müsste diese Situation viel häufiger auch an die Öffentlichkeit gelangen und die sich an die Verbraucher wendenden Medien aufgreifen. Denn die fetten Jahre sind für die deutschen Landwirte nach wie vor vorbei.

Birgit Scheel

Zitat: „Die scheinheilige Gesellschaft spricht ständig von Nachhaltigkeit und Tierschutz, hat aber gleichzeitig kein Problem damit, dass der Lebensmitteleinzelhandel niedrigste Preise erzwingt und Mega-Spannen auf dem Rücken von Bauer und Kuh erzielt.“ (José Bongen-Hartemink)