15.06.2022

DLG-Feldtage: Politische Zielkonflikte mit Fortschritt und Innovationen lösen

DLG-Präsident Hubertus Paetow
Foto: DLG

Zur Eröffnung der DLG-Feldtage, die vom 14. bis 16. Juni 2022 in Kirschgartshausen bei Mannheim stattfinden, hat DLG-Präsident Hubertus Paetow angemahnt, dass die politisch bequeme Vereinfachung von Zielen das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung ad absurdum führe. „Gerade in der Komplexität des Ausbalancierens der konkurrierenden Ziele liegt der Markenkern, liegt der geniale Gedanke des Konzeptes der nachhaltigen Entwicklung“, sagte Paetow. Aus den vielfältigen politischen Zielkonflikten gebe es nur einen Ausweg, nämlich Fortschritt und Innovation.
 
Ernährungssicherheit wieder auf der Tagesordnung
In den letzten Jahrzehnten habe der globale Handel mit Agrargütern und die dadurch ermöglichte Nutzung der positiven Effekte einer Spezialisierung der Standorte große Fortschritte in der Ernährungssicherung ermöglicht – trotz Nachfragesteigerungen aufgrund von Bevölkerungswachstum und steigendem Fleischkonsum gebe es heute weniger Hunger auf der Welt als vor 20 Jahren, so Paetow. Vor allem durch den großen Innovationsschub, der durch elektronische und digitale, aber auch mechanische Verfahren sowohl im Ackerbau als auch in der Tierhaltung Einzug gehalten hat, sei es in den letzten Jahrzehnten gelungen, die stetig steigende Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Rohstoffen so zu bedienen, dass sowohl der Hunger in der Welt weniger geworden ist als auch ein immer größerer Beitrag des Agrarsektors in den Bereichen Energie und Rohstoffen möglich wurde.

In der Folge dieser Entwicklung werde der Schwerpunkt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr auf die Sicherstellung unserer Ernährung gelegt, sondern auf den Klima- und Umweltschutz. Insektensterben und Klimawandel machten Schlagzeilen und bestimmten die Diskussionen und auch die politische Agenda rund um Agrar- und Ernährungswirtschaft. Doch der Angriff auf die Ukraine habe das Thema der globale Ernährungssicherheit in einer Dringlichkeit und Dramatik wieder auf der weltpolitischen Tagesordnung gerufen, mit der man in den vergangenen Jahren nicht gerechnet hätte, stellte Paetow fest.

Seit die Preise für Nahrungsmittel auch infolge des Krieges stark angestiegen sind, fänden sich Stimmen, die mit dem Hinweis auf die gefährdete globale Ernährungssicherheit eine Abkehr von der bisher verfolgten Transformation der Landwirtschaft hin zu mehr Biodiversitätserhalt und Klimaschutz forderten. Ökologische Vorrangflächen sollten wieder bewirtschaftet werden, die gesamte Agenda des Green Deal solle ausgesetzt werden.

Auf der anderen Seite hätten in der Vergangenheit die Meldungen über den Biodiversitätsverlust in der Agrarlandschaft eine hohe politische Aufmerksamkeit erhalten. „In der Folge sind in einer Reihe von Staaten Regelungen erlassen worden, die ohne Berücksichtigung der Notwendigkeit einer hohen Flächenproduktivität eine vermeintliche Ökologisierung der Agrarproduktion bewirken sollen“, sagte der DLG-Präsident. „Volksbegehren, Insektenschutzpaket und Düngeverordnung sind nur einige Beispiele dafür.“
 
Konkurrierende Ziele ausbalancieren
Beide Entwicklungen zeigten aber, dass die politisch bequeme Vereinfachung das Prinzip der Nachhaltigen Entwicklung ad absurdum führe. Aber gerade in der Komplexität des Ausbalancierens der konkurrierenden Ziele liege der geniale Gedanke des Konzeptes der nachhaltigen Entwicklung. Dabei hätten viele Akteure die beiden Bereiche der Nachhaltigkeit – die Ökologie und die Ernährungssicherheit – immer im engen Zusammenhang betrachtet. Als Beispiel nannte Paetow das Pariser Klimaabkommen von 2015. Dieses enthalte direkt im Anschluss an die vielzitierte Vereinbarung zum 2-Grad-Ziel den bemerkenswerten Satz, dass alle Anpassungs- und Vermeidungsmaßnahmen zum Klimawandel in keinem Fall die Nahrungsmittelerzeugung gefährden dürften.
 
Die Konzepte und Strategien einer Transformation des deutschen und europäischen Agrarsektors blieben also weiterhin gültig, jedoch müssten sie im Angesicht wechselnder Situationen stetig neu durchdacht werden. Die Grundlage vieler dieser Strategien, wie z.B. 30 Prozent Ökolandbau, war eine ausreichende Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Und diese Grundlage sei nun laut Paetow kurz- und mittelfristig nicht mehr selbstverständlich. Und damit verringere sich der Spielraum für extensive Landnutzungskonzepte – ohne dass dadurch die Notwendigkeit zur Ökologisierung in Frage gestellt würde.
 
Aus diesen vielfältigen Zielkonflikten, die Paetow mit einem mathematischen Problem der gleichzeitigen Optimierung von mehreren Funktionen mit mehreren Variablen verglich, gebe es nur einen Ausweg: Fortschritt und Innovation. Der DLG-Präsident stellte dabei drei Arten von Innovationen vor, die dringend benötigt würden:

  1. Die Innovation bestehender Verfahren, die zu einer höheren Effizienz der bekannten Verfahren führen können. Zum Beispiel bei der modernsten Technik für Bodenbearbeitung und Pflanzenschutz, aber auch bei neuen, widerstandsfähigen und ertragreichen Sorten.
  2. Innovationen, die aus neuen Ansätzen bestehen. Zum Beispiel autonome Roboter zur Unkrautbekämpfung, die nebenbei auch den sozialen Aspekt der Nachhaltigkeit bedienen. Oder auch viele Prozesse im Ökolandbau, von der mechanischen Unkrautbekämpfung bis zur nachhaltigen Fruchtfolge.
  3. Innovationen, die disruptiv wirken, die ganze Wertschöpfungsketten neu denken. – Zum Beispiel Agro-PV-Systeme und Agroforstsysteme.

 
Damit diese Innovationen entwickelt und eingeführt werden könnten, brauche es in unserer Gesellschaft ein neues Verständnis von Fortschritt. Dieser könne sich nur entwickeln, wenn jede Form von Innovation als potentieller Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung anerkannt würde. Der Prozess der Bewertung und Entscheidung darüber, ob eine Innovation förderungswürdig erscheint, führe häufig in einem zu frühen Stadium zur Ablehnung einer Entwicklung. Als Beispiel nannte Paetow die neuen Züchtungstechnologien, bei denen die unterschiedlichen Ausprägungen der Eingriffe durchaus ein differenzierteres Vorgehen in der Regulierung ermöglichen könnten. Mit dem Schlachtruf „Gentechnik bleibt Gentechnik” würde das gesamte Spektrum vielversprechender Technologien von vorneherein abgelehnt.
 
Eine langfristig ertragreiche Pflanzenproduktion werde nur aus der Verbindung von Produktivität und nachhaltiger Ressourcennutzung gelingen, betonte Paetow. Das zeigten auch die vielfältigen Innovationen bei Technik, Züchtung und Betriebsmitteln, die auf den DLG-Feldtagen präsentiert werden. Eine Nachhaltige Produktion, in der die Ausgeglichenheit zwischen den ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten besteht, berge immer schon eine gewisse Herausforderung – sowohl für Entwickler und Anwender, als auch für die Gesellschaft. „Doch diese Herausforderungen treiben uns an, sie machen den Fortschritt, die Weiterentwicklung, die Innovationskraft überhaupt erst möglich“, hielt Paetow abschließend fest.

Quelle: DLG