06.06.2017

Drosophila suzukii

„Gekommen, um zu bleiben!“

Die männlichen Tiere lassen sich an den schwarzen Punkten auf den Flügeln gut erkennen, bei den Weibchen muss man sich den Legeapparat stark vergrößert betrachten – dieser muss sägeartig sein, damit es die Kirschessigfliege ist

 

So fasste Dominique Mazzi vom Schweizerischen Forschungsinstitut Agroscope die Situation mit der Kirschessigfliege (KEF) in der Schweiz zusammen. Auf einer nationalen Kirschessigfliegen-Tagung im Schweizerischen Wädenswil gaben zahlreiche Berater und Versuchsansteller im Februar 2017 unter anderem Einblick in Bekämpfungsversuche und Strategien für die Zukunft.

Seit 2012 wird die Entwicklung der Kirschessigfliege mittels Fallen-Monitoring in der Schweiz beobachtet – v.a. seit 2014 wurde dabei ein starker Anstieg registriert. Da das Problem auch von Seiten der Politik erkannt wurde, hat man bei Agroscope eine „Taskforce Kirschessigfliege“ ins Leben gerufen. Ziel dieser ist die Forschung und der anschließende Wissenstransfer zu den Anbauern.

Situation in der Schweiz

Stefan Kuske, Agroscope, stellte bei der KEF-Tagung den Ist-Stand bei Befall und Schadensschätzung sowie verschiedene Bekämpfungsstrategien vor. Mit 2013 als Referenzjahr sind 2016 bereits 112 x mehr KEF gefangen worden. Zwei Drittel der Fliegen gingen den Forschern dabei in Park, Wald und Waldrand in die Falle. Kirschen waren allerdings mit 20 % der Fänge auch stark betroffen. Laut Stefan Kuske lässt sich das mit den Vorlieben der KEF erklären: Kleinräumige, vielfältige Landschaften mit Steinobstkulturen, Beeren und Wildobst werden von ihr präferiert. Feld- und Hochstammkulturen würden diese Ansprüche sehr gut erfüllen. Vor allem in der Kirschen-Hochstammproduktion hätten gemäß einer Agroscope-Umfrage über 40 % der Anbauer die Ernte in mindestens einem Quartier aufgrund des Befalls mit KEF abgebrochen.

Die Schäden an Zwetschen, Pflaumen und Aprikosen sind laut Kuske sehr sorten- und jahresabhängig. So traten 2016 an Zwetschen fast keine Schäden auf. Dies könnte am etwas geringeren Zuckergehalt und der höheren Fruchtfleischfestigkeit gelegen haben.

Drei Bekämpfungsstrategien

Bei Agroscope verfolgt man bei der KEF-Bekämpfung drei Strategien: aussperren, maskieren und ablenken. In verschiedenen Regionen wurden in insgesamt 20 Betrieben (v.a. in Kirschen und Zwetschen) unterschiedliche Maßnahmen und Kombinationen getestet. Die Insektenschutznetze zeigten dabei eine sehr gute Schutzwirkung. Wichtig sind aber folgende Bedingungen: feine Maschenweite (0,8-1,4 mm), ausreichende Höhe (3,5-4 m), zeitiger Netzschluss, sauberer Ausgangsbestand, geschlossene Traufe, keine Löcher und Eintrittspforten (Schleusen), guter Bodenabschluss, Berührung mit Früchten vermeiden, Vorgewende mit einnetzen, Kombination mit Hygiene- und weiteren Schutzmaßnahmen zwingend.

Die zweite, laut Kuske vielversprechende, Möglichkeit ist das Maskieren der Früchte. Dieses Verfahren ist allerdings erst in der Testphase. Herausforderungen sind hier v.a. die geeignete Applikationstechnik für einen guten Belag auf den Früchten sowie Abwaschbarkeit und Spritzflecken. Versuche mit Kaolin auf Industriekirschen und Zwetschen waren laut Agroscope schon erfolgreich. Allerdings wird der Belag bei häufigem Regen schnell abgewaschen oder eine Applikation verhindert. Ein weiterer Bekämpfungsansatz ist das Ablenken der KEF. Die Schädlinge sollen dabei durch einen Lockstoff zur Aufnahme eines Pflanzenschutzmittels angeregt werden. Auch diese Strategie ist noch im Testmodus – bislang allerdings noch nicht überzeugend.

Beerenobst gut geschützt

Catherine Baroffio, KEF-Taskforce von Agroscope, stellte bei der Tagung die Situation im Beerenobst vor. Obwohl dort hoher Druck durch KEF bestünde, seien bei der richtigen Anwendung von Monitoring, Massenfang, Einnetzung sowie chemischer Behandlung als letzter Maßnahme nur geringe Schäden zu verzeichnen.

Wie die Effektivität der Lockstofffallen weiter verbessert werden kann, wird bei Agroscope auch untersucht. So unterscheiden sich die Ergebnisse der Fallen von Profatec und Riga teils sehr deutlich. Auch die Farbe des Deckels hat Einfluss auf die „Attraktivität“ der Fallen für die KEF. Der Schweizer Hersteller Profatec bietet für seine Fallen Deckel z.B. in Rot, Schwarz, Blau und Gelb an. Bei Versuchen von Agroscope gingen bei Rot und Blau die meisten Fliegen in die Falle – was aufgrund der Vorliebe der KEF für Kirschen, Heidelbeeren oder dunkle Weintrauben nicht verwundert. Bei einem Test in einer Himbeeranlage waren allerdings die Fallen mit roten und schwarzen Deckeln besonders erfolgreich. Auch unterschiedliche Lockstoffe haben die Schweizer untersucht. Alle Ergebnisse werden in die Empfehlungen für die Anbauer mit einfließen.

Um eine Alternative zur chemischen Behandlung zu finden, wird in der Schweiz auch mit unterschiedlichen Kalkpräparaten experimentiert. Das Fazit von Catherine Baroffio: Kalk bleibt eine interessante Lösung; richtig angewendet bilden sich auf den Früchten keine Flecken. Die Behandlung sollte einmal pro Woche stattfinden und unbedingt mit Hygienemaßnamen kombiniert werden. Kalk ist in der Schweiz im Verfahren für die Registrierung als Grundsubstanz.

Asiatin auf dem Vormarsch

Zur Situation in Asien und Perspektiven für eine biologische Bekämpfung der KEF berichtete Marc Kenis von CABI. Drosophila suzukii, die ursprünglich aus Japan stammt und bereits in der 1950er-Jahren in China nachgewiesen wurde, ist mittlerweile auch in Europa und Nordamerika heimisch. Die Bedeutung des Schädlings ist in China allerdings in Kirschen nicht sehr hoch und die Bekämpfung findet v.a. als Schädlingskomplex mit anderen Arten statt.

Bei der klassischen biologischen Bekämpfung eines Schädlings wird ein natürlicher Feind – oft exotischer Herkunft, um einen Schädling exotischen Ursprungs zu bekämpfen – eingeführt. Das Ziel ist dabei die dauerhafte Kontrolle des Schädlings durch diesen passenden Feind. Diese Methode hat folgenden Vorteile: dauerharte Kontrolle, sehr geringe Kosten für einen sehr großen Nutzen, für menschliche und tierische Gesundheit unbedenklich, wenig schädlich für die Umwelt. Allerdings besteht bei der Einführung einer neuen Art immer das Risiko, dass heimische Arten verdrängt oder geschädigt werden (Beispiel: Asiatischer Marienkäfer). Dieses Risiko lässt sich aber laut Kenis durch ein intensives Risiko-Bewertungsverfahren minimieren. Im Kampf gegen die KEF eignet sich die klassische biologische Bekämpfung deshalb so gut, weil es um eine sehr große Anzahl von Wirtspflanzenarten geht, der Lebenszyklus der KEF sehr kurz ist und sehr viele Generationen pro Jahr entstehen.

Mögliche Parasitoide, also andere Insekten, die die KEF parasitieren und dadurch abtöten, sind zwar in Europa vorhanden – sie zeigen allerdings kein Interesse an Drosophila suzukii. Durch Probenahmen in Japan und China in den Jahren 2015 und 2016 konnten verschiedene Parasitoide nachgewiesen werden – unter anderem Ganaspis brasiliensis. Nach ersten Untersuchungen ist diese Art ein „potentieller Kandidat für eine Einführung“, so Kenis. Bis dahin müssen allerdings noch zahlreiche weitere Test und Versuche durchgeführt werden.

Kalk und Co.

Claudia Daniel stellte bei der Tagung die Erkenntnisse in der KEF-Bekämpfung des FiBL (Forschungsinstitut für biologischen Landbau) vor. Die Prüfung verschiedener Fallen habe dabei ergeben, dass die Fallen der Firma Profatec mit dem Lockstoff der Firma Riga am effizientesten waren. Versuche zu ätherischen Ölen als Repellentien laufen noch.

Bei Insektizid-Versuchen wurde die Wirksamkeit von Spinosad, Neem, Prev-AM (orangenöl), Pyrethrum, Majestik (Maltodextron) und Quassia getestet. Die Ergebnisse sehen folgendermaßen aus: Bei indirekter Applikation wirken alle Mittel, bei Heidelbeeren zeigte nur Majestik eine gewisse Wirkung – um Vergleich zu Spinosad als bestes Mittel. Spinosad war in Heidelbeeren auch das einzige Mittel, das die Eiablage signifikant verringerte. Bei den stäubenden Substanzen im Test (unter anderem Kaolin, CaCO3 und Ca(OH)2) in Heidelbeeren zeigte sich keine insektizide Wirkung. Allerdings wurde die Eiablage durch Kaolin ähnlich gut verringert wie bei Spinosad – auch CaCO3 wirkte noch gut. Laut Daniel haben stäubende Substanzen wie Kaolin, Gesteinsmehl und Kalk das größte Potential in der KEF-Bekämpfung. Eine Löschkalkzulassung sei beantragt – dieser sei für die Beerenproduktion geeignet.

Eine Flugüberwachung durch FiBL zeigte, dass sich die KEF in Kirschen stärker vermehren als in anderen Kulturen und auch nach der Ernte der Früchte im Kirschbaum bleiben. Im Vergleich zur starken Vermehrung im Wald sowie – etwas weniger stark – auf Brombeere und Holunder, ist sie bei Hochstammkirschen vernachlässigbar.

Marion Valenta