06.06.2017

EHEC-Krise: sechs Jahre danach

Ist das Problem gegessen?

Rund 500 000 Krankenhausinfektionen führen in Deutschland zu geschätzt jährlich 1 500 Todesfällen. Ein Drittel davon gilt als vermeidbar

Einmal mehr bewahrheitete sich dieses Jahr, dass ein früher Erntebeginn nicht zwangsläufig zu einem erfolgreichen Saisonstart führt. So gab es unter den deutschen Spargelproduzenten wahrscheinlich niemanden, dem zu Jahresbeginn beim Blick in den Kalender nicht auch der Gedanke gekommen wäre, dieses Jahr doch einmal verstärkt vom Ostergeschäft profitieren zu können – nur, dass dann wieder einmal alles ganz anders kam: Der warme März und der sonnige Start in den April führten bei schwacher Nachfrage und deutlichem Angebotsüberhang zu Jahreszeit-unüblichen Tiefstpreisen. 2011 war die Wetterlage ähnlich, damals stießen die späten Ernten in Griechenland und Spanien samt den Rekordimporten aus Peru auf eine mitteleuropäische Wetterlage, die angesichts sommerlicher Temperaturen zum kalendarischen Frühlingsbeginn für einen Turbostart in die Spargelernte hierzulande sorgte.

Und auch 2011 kam Väterchen Frost noch einmal zurück und sorgte für kuriose Situationen auf den Gartenbaubetrieben: So rückten die normalerweise erst im Spätsommer zur niederbayerischen Gurkenernte eingeplanten Saisonarbeitskräfte 2011 bereits im Mai an: Die ungewöhnlich niedrigen Temperaturen hatten zu teils dramatischen Ausfällen in den Gurkenkulturen gesorgt, die nun mühsam per Hand nachgesät werden mussten. In der Voreifel führten ohne die anhaltende Trockenheit eigentlich kaum erklärbare Frostschäden zu teilweise existenzbedrohenden Ausfällen bei Äpfel und Birnen. Und auch aus dem Rest der Republik wurden 2011 Frostschäden in erheblichem Ausmaß gemeldet. Besonders betroffen waren neben dem Kernobst Erdbeeren, Kirschen und Rebstöcke – insgesamt nicht viel anders, als sich die Situation im Mai 2017 darstellt.

21. Mai 2011

 

Und als wäre das alles vor sechs Jahren nicht schon schlimm genug gewesen, wurde in den Online-Medien am Abend des 21. Mai 2011 erstmals über Ursachen für das verstärkte Auftreten schwerer bakterieller Durchfallerkrankungen in Norddeutschland spekuliert. Wurde zu Beginn die Schuld noch bei den üblichen Verdächtigen wie mangelnder Hygiene, Rohmilchverzehr oder bakterienverseuchtem Rindfleisch gesucht, rückten einen Tag später Obst und Gemüse in den Fokus der Epidemiologen. Von da ab war es nur noch ein kleiner Sprung hin zu reißerischen Verzehrswarnungen, denen man ab dem 23. Mai kaum noch entkommen konnte und die bei Kantinen- und Supermarktkunden gleichermaßen zu einem Rohkostboykott führten.

25. Mai 2011

Ungewollt markierte das Robert Koch-Institut am 25. Mai einen weiteren Höhepunkt dieser Entwicklung. Verschiedene Presseagenturen deuteten die Empfehlung des Bundesinstituts „vorsorglich bis auf weiteres Tomaten, Salatgurken und Blattsalate insbesondere in Norddeutschland nicht roh zu verzehren“ um in ein „Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland“. Da half es dann wenig, dass im Laufe des 26. Mai Import-Gurken aus Spanien als Träger des Erregers dingfest gemacht werden konnten. Der Appetit war den Verbrauchern da bereits vergangen.

31. Mai 2011

Zumal es von da an zunehmend unübersichtlich wurde: Spätestens, als sich am 31. Mai herausstellte, dass das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt zwar auf zwei Salatgurken etwas gefunden hatte, was da nicht hingehört - diese Erreger dann aber nicht identisch waren mit denen, die bei erkrankten Personen isoliert wurden - erreichte das Thema Enterohämorrhagische Escherichia coli, kurz EHEC, in der medialen Berichterstattung eine ähnliche Eskalationsstufe wie die Nuklearkatastrophe von Fukushima dreieinhalb Monate zuvor.

10. Juni 2011

„Es sind die Sprossen“, verkündete Prof. Dr. Reinhard Burger, Direktor des Berliner Robert-Koch-Instituts am 10. Juni 2011. Der damalige Landwirtschaftsminister Niedersachsens, Gert Lindemann, bezeichnete im Nachrichtenmagazin "Focus" den Bienenbütteler Gemüsehof vielsagend als „die Spinne im Netz“. So erdrückend die Indizienlage auch gewesen sein mag, hat die Theorie jedoch einen Haken: In keiner der auf dem Hof gezogenen Proben konnte jemals der gesuchte Darmkeim nachgewiesen werden.

24. Juni 2011

Am 24. Juni 2011 erreichten uns dann Meldungen aus Frankreich, in denen von einem O104:H4 Ausbruch in der Region Bordeaux die Rede war. Anders als bei den bisherigen Befallsmeldungen aus dem Ausland konnte bei diesen Personen keine direkte Verbindung nach Deutschland nachgewiesen werden; wohl aber, dass sie bei einem Kirmesbesuch alle mit Sprossen verzierte Suppe gegessen hatten. Die Spur der Samen führte die Fahnder schließlich über England nach Ägypten.

Komisch ist und bleibt:

Rund 15 000 kg schwer soll die Bockshornkleesamenlieferung gewesen sein, von der nur ein verschwindend kleiner Bruchteil auf dem Bienenbütteler Gärtnerhof zum Keimen gebracht wurde. Angesichts dessen, dass der Rest dieser Samenlieferung von Ägypten aus in über zwölf europäische Länder verteilt wurde, ist es doch mehr als erstaunlich, dass sich von wenigen Fällen in Frankreich abgesehen das EHEC-Ausbruchsgeschehen hauptsächlich in Deutschland abspielte. Erstaunlich auch, dass mittlerweile fast jede Möhre bis zur Parzelle, auf der sie gewachsen ist, zurückverfolgen lässt und sich der weltweite Saatguthandel zumindest in Teilen anscheinend diesen Gepflogenheiten entzieht.

Nicht weniger verwunderlich ist es, dass dem Nachweis des Erregers auf den zwei spanischen Salatgurken in Hamburg nicht weiter nachgegangen wurde mit der Begründung, dass die Probe einer Mülltonne entnommen wurde - während die ebenfalls einer Mülltonne entnommene, mit dem Erreger befallene Sprossenprobe als schlüssiger Beweis für die Vermutung herhalten musste, die Biobauern aus Bienenbüttel seien Verursacher der ganzen Misere.

Da spielte es dann auch keine Rolle mehr, dass in keiner der vielen hundert auf dem Betrieb genommenen Proben EHEC nachgewiesen werden konnte und seinerzeit sogar die beiden Hofhunde offiziell als EHEC-frei gelten konnten. Die Bienenbütteler Gärtner werden den Ruf, Verursacher der EHEC-Epidemie gewesen zu sein, wohl nie wieder los. Über die Höhe und den Modus der Entschädigungszahlung an die niedersächsischen Biobauern soll Stillschweigen vereinbart worden sein. Die erstinstanzlich zugesagte Entschädigungszahlung an den spanischen Biogemüseexporteur befindet sich derzeit im Berufungsverfahren.

Im Nachhinein waren sich ja auch alle schnell darüber einig, dass der Erreger über befallene Sprossen in die Nahrungskette gelangt sein musste. Schließlich waren doch erst 15 Jahre zuvor 9 000 japanische Schulkinder nach dem Verzehr von Rettichsprossen an EHEC erkrankt - und sind nicht überhaupt die Keimbedingungen für Samen und Erreger gleichermaßen optimal? Da verwundert es dann aber doch, dass gerade auch Krankenkassen für die so genannten Powerpakete Werbung machen. Genau dieselben Krankenkassen übrigens, die sich im Sommer 2011 weigerten, angesichts der dramatischen Ereignisse ihre Krankenhausbudgets aufzustocken.

Entschädigungszahlungen undurchsichtig

Da erstaunt es dann kaum mehr, dass auch die Abwicklung der Krise Besonderheiten aufweist. Grundsätzlich war die einvernehmlich europäisch getroffene Entscheidung, das Volumen des Krisenfonds dem Antragsvolumen der Mitgliedsstaaten anzupassen, ja zu begrüßen. Und dass die spanischen Gärtner Anrecht auf Entschädigung haben, bezweifelte auch niemand – schließlich waren sie neben dem Bienenbütteler Gärtnerhof die einzigen, die von offizieller Seite jemals namentlich als mögliche Auslöser der Epidemie angeführt wurden.

 

Schwieriger wird es dann schon, zu verstehen, warum Paprika, für die zu keinem Zeitpunkt eine Verzehrswarnung bestanden hat, es in die `Verordnung zur Durchführung von Sondermaßnahmen im Sektor Obst und Gemüse´ geschafft haben. Bei Zucchini lässt sich ja noch argumentieren, dass sie den Gurken in gewisser Weise ähnlich sehen und deshalb auch entschädigt werden sollten. Warum dann aber Feldsalat, der den Salat ja sogar im Namen führt, außen vor blieb, wissen wohl nur diejenigen, die in Brüsseler Hinterzimmern den drohenden Handelskrieg zwischen Spanien und Deutschland entschärften.

Gänzlich unübersichtlich wird die Lage, versucht man einen Grund dafür zu finden, warum Polen mit 46 Mio. € über ein Fünftel der EU-Hilfen bekommen sollte - und damit mehr als einen Euro pro Einwohner. Und auch den Griechen sei eine gesunde Ernährung gegönnt – gerade angesichts des Damoklesschwertes in Form des unausweichlich erscheinenden Staatsbankrotts. In den entsprechenden Statistiken findet man auch schnell Produktionszahlen für dies und das und jenes. Nur bei Tomaten, Gurken, Paprika, Zucchini und Salaten wird die Datenlage rasch sehr dünn.

Aufarbeitung der Krise

Die Krise war bewältigt, Hygienevorschriften, Sicherheitskriterien und Einfuhrvorschriften wurden verschärft, das Schmerzensgeld für die gebeutelten Gemüsebauern bereitgestellt – darüber gerieten dann auch die 53 Toten sowie die 3 842 teils schwer erkrankten Menschen schnell in Vergessenheit. Beklagenswert, aber in diesem Sinne nicht weiter verwunderlich, fand auch die von Foodwatch im Mai 2012 publizierte Analyse "Im Bockshorn" genauso wenig Medienecho wie das Mitte Juni 2013 erfolgte Eingeständnis des Robert Koch-Instituts, dass nur ein gutes Zehntel der Erkrankungen erklärt werden kann.

Führt man sich vor Augen, dass kommunikativ betrachtet, Lebensmittelskandale eine ähnliche Dramaturgie wie das klassische Drama haben, ist das dann wiederum weniger verwunderlich: Ein Missstand wird bekannt. Daraufhin führt ein Schlüsselereignis zur Eskalation. Nach dem Höhepunkt des Skandals beginnt der Spannungsabfall. Konsequenzen werden angekündigt, bis schließlich die vermeintliche Normalität wieder Einzug hält.

Das Paradoxe dabei ist, dass Krisen im Ernährungsbereich und in der Landwirtschaft heutzutage schon fast der Normalzustand sind. Betrachtet man die handelnden Personen, dann stellt man fest, dass viele Verbraucher schon abgestumpft sind: `Geht es jetzt gerade um Hormone in Putenfleisch, oder sind wir wieder beim Kreuzkraut in Rucola?´ In wirtschaftlicher Hinsicht trifft es die Erzeuger dabei besonders hart. Aus kommunikativem Blickwinkel betrachtet, zählen sie meist zu den Verlierern. Das liegt auch daran, weil die Rollen im Meinungsmarkt oft klar abgegrenzt werden. Auf der Seite der Guten steht der Verbraucherschutz. Auf der Verursacherseite tummeln sich skrupellose Geschäftemacher, schwarze Schafe und Kriminelle.

Mit diesen Negativausnahmen werden dann alle Anderen gleichgesetzt. Das geschieht im Übrigen auch, weil die Erzeuger das mit sich machen lassen und in der Branche die Bedeutung und Rolle einer aktiven Kommunikation noch immer sträflich unterschätzt werden. Wer versteht, dass man heutzutage in die Außendarstellung und den Dialog mit seinen Zielgruppen investieren muss, wie in andere Produktionsmittel auch, der ist einen Schritt weiter als viele Wettbewerber.

Verbraucher reagiert erratisch

Und dann bleibt da ja noch das ewige Mysterium Verbraucher: Die tumultartigen Szenen, die sich am 10. Juni 2011 zur besten Mittagszeit an der Hamburger Mönckebergstraße abspielten, waren an Symbolkraft kaum zu übertreffen. Stiegenweise hatten Gemüsehändler und Landwirte im Laufe des Vormittags unverkaufte Ware aus dem nahegelegenen Großmarkt in die Haupteinkaufsstraße Hamburgs gekarrt. Nur haben wollte das Gratis-Gemüse niemand, auf den Fernsehbildern sieht es sogar ein bisschen danach aus, als ob die Passanten Angst hätten, sich bereits beim bloßen Anblick von Gemüse mit möglicherweise todbringenden Erregern anzustecken.

Änderung brachte erst die gegen 10:30 Uhr im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin verkündete Entscheidung, dass „BfR, BVL und RKI gemeinsam zu dem Schluss kommen, dass die bestehende allgemeine Empfehlung, in Norddeutschland auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat zu verzichten, nicht mehr aufrecht erhalten werden muss“.

Als diese so genannten „Neuen Erkenntnisse zum EHEC-Ausbruch“ wenig später schwarz auf weiß unter den Passanten in Hamburg verteilt wurden, gab es kein Halten mehr. Als hätte jemand verkündet, dass in einer der Salatgurken ein Brilliantring versteckt ist, der Verzehr eines der Salatköpfe ewiges Leben garantiere oder eines der Frühlingszwiebelbünde einen Tausendeuroschein beinhaltet, es wurde abgeräumt und abtransportiert, dass angesichts des Warenumschlags wahrscheinlich sogar die Händler am Fischmarkt neidisch wurden.

Forschungsbedarf besteht weiter

Angesichts der relativ schnellen Rückkehr zum Business as usual geriet der EHEC-Fund in einem Bachlauf im Hessischen in Vergessenheit, und auch über die im Zuge der großflächigen Untersuchungen auf Gemüse gefundenen EHEC-Erreger anderen Typs sprach schon bald niemand mehr. Nicht nur sieht stringentes Krisenmanagement anders aus, denkt man dann darüber nach, dass in der wissenschaftlichen Literatur über 40 EHEC-Stämme beschrieben sind, die das hämolytisch-urämische Syndrom auslösen, das sich in Blutarmut und Nierenversagen äußert, und bei den weitaus meisten Stämmen nicht bekannt ist, wo sie eigentlich leben und wie sie verbreitet werden, dann beschleicht einen doch schnell das Gefühl, dass die Krönung der Schöpfung so schlau vielleicht gar nicht ist.

Eine der sehr wahrscheinlichen Hypothesen lautet, dass es Menschen gibt, die ohne erkrankt zu sein, mit dem Keim besiedelt sind. Und dann besitzt zumindest O104:H4 auch noch die unangenehme Eigenschaft sich in ein Art Schlafzustand versetzen zu können, die ihn dann mikrobiologisch quasi unsichtbar machen - oder sich dergestalt aggregieren zu können, dass die Keime Umwelteinflüssen und Medikamenten kaum Angriffsfläche bieten.

Ein anderes so genanntes Umweltreservoir könnten Boden und Pflanzen sein. Hinter Panzerglas wird im schweizerischen Birmensdorf derzeit untersucht, wie und ob EHEC-Erreger in die Wurzel und in das Blattgewebe von Salatpflanzen eindringen können, welche Rolle die Eigenschaften und die Zusammensetzung des Bodens spielen und was das alles mit organischem Dünger, dem Gießwasser oder der Einarbeitung von möglicherweise belasteten Pflanzenresten zu tun hat.

Bleibt die Hoffnung, dass die klimatischen Bedingungen die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Jahren 2011 und 2017 bleiben wird.

Tim Jacobsen