14.03.2017

Erfahrungen mit Hagelnetzsystemen

Hagelnetze geben Sicherheit in der Obstproduktion

Foto: Scheel

Seit einigen Jahren ist ein deutlicher Anstieg der Wetterkapriolen, wie Starkregen und Hagel, zu verzeichnen. Statistiken belegen, dass die Häufigkeit und vor allem auch die Intensität von Hagelschäden in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Gerade der Hagel kann zu totalem Ernteverlust führen. Aus diesem Grund haben die Veranstalter des diesjährigen Kern- und Steinobsttages der Landwirtschaftskammer NRW und des Landesverbandes Obstbau Westfalen-Lippe das Thema Hagelnetzsysteme aufgegriffen und Dr. Leonhard Steinbauer von der Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg eingeladen.

In der Steiermark treten Hagel-Ereignisse sehr häufig auf. Aus diesem Grund hat Dr. Steinbauer bereits um die Jahrtausendwende einen Versuch mit Hagelschutznetzen angelegt und über 15 Jahre Erfahrungen in zahlreichen Versuchen gesammelt.

Grundlagen

„Das allerwichtigste bei Hagelnetzsystemen ist die Statik“, so Dr. Steinbauer eingangs. Dabei sind die statischen Grundprinzipien von großer Bedeutung:

   • Ausführung der Bodenanker
   • System Schrägsäule-Anker
   • Dimensionierung der Säulen
   • Bedeutung des Durchhanges

In der Praxis sind nach Dr. Steinbauers Erfahrungen die Bodenanker die häufigste Schwachstelle. Schraubanker sollten nur in geeigneten Böden verwendet werden. Am wichtigsten ist allerdings die Tiefe der Abankerung. Da gilt die Devise: Je tiefer desto besser. Mindestens 1,45 m sollten die Anker in den Boden reichen.

Ebenfalls von Bedeutung für eine stabile Netzkonstruktion ist der ideale Ankerabstand. Je weiter der Abstand von Anker zur Säule ist, desto geringer ist die Belastung des Gesamtsystems. „Bei einem gleichseitigen Dreieck sind die auftretenden Kräfte ebenfalls gleich verteilt“, so Dr. Steinbauer.

Als Unterstützungsmaterial stehen Holzsäulen, Spannbetonsäulen oder neuerdings auch verzinkte Stahlsäulen zur Verfügung. Bei der Verwendung von Holzsäulen sollten nur druckimprägniertes Kiefer- oder Lärchenholz bzw. Akazie verwendet werden. Da Fichtenholz sich nicht dauerhaft imprägnieren lässt, rät Dr. Steinbauer ausdrücklich von diesem Material ab. Holzsäulen haben eine gute Elastizität und sind einfach zu verarbeiten. Weiterer Vorteil ist das gute Preis-Leistungs-Verhältnis. Spannbetonsäulen sind empfehlenswert, da sie äußerst langlebig sind und problemlos entsorgt werden können. Verzinkte Stahlsäulen gelten aufgrund ihres hohen Preises noch als „Luxus-Produkt“.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Hagelnetzkonstruktion ist der Durchhang. „Je größer der Durchhang bzw. die Giebelhöhe, desto geringer sind die Belastungen des gesamten Systems“, betonte Dr. Steinbauer und zeigte Beispiele aus dem Brückenbau wie beispielsweise bei der Golden Gate-Brücke. Werden dagegen flache Netze verwendet, sollte nur mit dem Gummiprinzip gearbeitet werden, da ansonsten die Systemkräfte erhöht werden.

In Europa werden unterschiedliche Bauarten für Hagelnetze angeboten:

   • Direktinstallation
   • Einzelreihenabdeckungen
   • Trampolinbauweise
   • Giebelkonstruktion

Die direkte Installation zeichnet sich durch äußerst geringe Investitionskosten aus. Hier ist auch eine Installation auf bestehende Anlagen möglich. Allerdings bietet sie keinen vollständigen Schutz und Netzbeschädigungen durch die Triebe sind möglich. Die Direktinstallation eignet sich nur für stark wachsende Unterlagen. Weit verbreitet ist auch die Einzelreihenabdeckung als einfache Abdeckung oder als Keep-in-touch-System. Auch hier sind die Investitionskosten gering und ein Nachrüsten auf bestehende Anlagen ist leicht möglich. Hingegen können Fruchtschäden in der Peripherie der Krone beispielsweise durch Hagel oder Scheuerstellen auftreten. Außerdem ist bei Einzelreihenabdeckung der mechanische Schnitt bzw. die Ausdünnung nur erschwert oder gar nicht möglich, da die Seitenwände immer wieder geöffnet und geschlossen werden müssen. Die Trampolinbauweise lässt sich ebenfalls leicht installieren und stellt nur geringe Anforderungen an das Stützgerüst. Allerdings kommt es hier oft zu beträchtlichen Streuschäden und zum Teil zu hohen Lichtverlusten. Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass die Gummis regelmäßig getauscht werden müssen. Die Giebelkonstruktion mit einer Volleinnetzung und einem Querseil über dem Netz bietet einen optimalen Schutz und hat sich in der Steiermark langjährig bewährt.

Auswirkungen verschiedener Hagelnetzfarben

Bereits im Frühjahr 2000 wurde der Versuch auf der Unterlage M9 mit je zehn Bäumen pro Parzelle mit sieben Standardsorten der Steiermark gepflanzt. Je Sorte wurden drei Parzellen in vier verschiedenen Hagelnetzvarianten angelegt. Die Reihenrichtung verlief im Versuch exakt von Nordost nach Südwest. Untersucht wurden Netze mit weißer/kristallener, grauer und schwarzer (2- und 3-fädig) Farbe mit zwei- bzw. dreifädiger Kette. Die Fadenstärke betrug 0,29 mm und der Webverband 2,9 x 9 mm bei allen Typen.

15 Jahre lang untersuchte Dr. Steinbauer verschiedene Hagelnetze mit unterschiedlichen Netzfarben und Webarten und deren Auswirkungen auf den Ertrag, die Ausfärbung und die Fruchtqualität. In Betrachtung aller Netzeigenschaften zeigte sich das zweifädige schwarze Hagelnetz als die beste Variante. In der Haltbarkeit gibt es beim weißen und beim grauen Netz keine Unterschiede. Bei hellroten Apfelzüchtungen mit etwa 50 % Deckfarbanteil bringt nur das weiße Netz Vorteile bei der Ausbildung der Farbe. Allerdings muss man auch beachten, dass dem Mehrerlös durch die bessere Ausfärbung die Kosten für den Netztausch gegenüberzustellen sind. Bei der grauen und der weißen Variante musste das Hagelnetz im Frühjahr 2009 ausgetauscht werden. Besser haltbar sind unter Umständen graue Netze, die transparente Kettfäden und schwarze Schussfäden haben.

Weiterhin konnte Dr. Steinbauer berichten, dass nur das weiße Hagelnetz bei der Zuckerausbildung den schwarzen Netzen signifikant überlegen ist. Beim Ertrag konnte der Obstbauer nach 15 Jahren keine signifikanten Unterschiede feststellen.

Volleinnetzung im Obstbau

Einen neuen Weg zur Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes im Obstbau stellt die Volleinnetzung der Anlage dar. Im Jahr 2008 wurden bei der Versuchsstation die ersten Quartiere mit Volleinnetzung angelegt, um die Versuchsfragen abzuklären, ob sie einen möglichen Schutz vor Apfelwickler und Feuerbrand sowie neue Möglichkeiten zur Fruchtbehangsregulierung bieten kann.

In der Praxis stehen dem Obstbauer zwei Möglichkeiten der Volleinnetzung zur Verfügung: Das Einzelreihensystem (Keep in touch, Folienkombination) und das Blocksystem (überdachtes Vorgewende, Rollvorhang). Beim Versuch zur Volleinnetzung der Apfelanlage wurde in der österreichischen Versuchsstation das Blocksystem gewählt, bei dem auch die Vorgewende überdacht sind und das Netz an den Seitenrändern und stirnseitig bis zum Boden heruntergezogen werden. Auch hier wurde ein Netz mit einer Fadenstärke von 0,29 mm und einem Webverband von 2,9 x 9 mm verwendet. „Zu beachten ist, dass die Volleinnetzung vom Ballonstadium bis nach der Ernte geschlossen bleiben muss“, so Dr. Steinbauer. In der Volleinnetzung kann man sich ganz frei bewegen und schränkt so den Obstbauer bei der Bewirtschaftung nicht ein. Allerdings sind die möglichen Effekte nur bei neu errichteten Anlagen nutzbar.

Angelegt wurde der Versuch mit folgenden Zielen:

   • Entwicklung eines nachhaltigen Produktionssystems zur Reduktion von pflanzenschutzmittelrückständen
   • Optimierung der steuerbaren Inputs und Schaffung neuer Regelungsmöglichkeiten
   • Verringerung der Anzahl nicht steuerbarer Produktionsparameter inklusive Risiken 

Bei der Kontrolle des Feuerbrandes konnte im Jahr 2012 der Erreger mittels PCR-Analyse auch innerhalb der Volleinnetzung nachgewiesen werden. „In diesem Jahr war der Erreger nur vor der Vollblüte mit 80 bis 208 koloniebildenden Einheiten nachweisbar“, so Dr. Steinbauer und erläuterte, dass seit Versuchsbeginn am Standort Haidegg keine Blüteninfektionen durch Erwinia amylovora aufgetreten sind.

Beim Apfelwickler konnte Dr. Steinbauer bestätigen, dass der Zuflug in die Anlage durch die Volleinnetzung behindert wird. Allerdings ist dies nur bei sofortiger Installation wirksam. Eine Bekämpfung der 2. Generation ist nicht notwendig. Jedoch müssen Schalenwickler trotzdem bekämpft werden, da sie z.T. aus der Baumschule mitgeliefert werden.

Bei der dritten Versuchsfrage, ob eine Fruchtbehangsregulierung durch die Volleinnetzung möglich ist, konnte Dr. Steinbauer mit einem deutlichen „Ja“ antworten. Dabei diente die Beschränkung der Bienenflugzeit bei der Sorte `Gala´ als eine unterstützende Maßnahme in der Strategie zur Fruchtbehangsregulierung. Weiterhin konnte Dr. Steinbauer bei den Versuchen mit Volleinnetzung in den Jahren 2012 bis 2015 eine Verringerung der Alternanz und eine deutliche Verbesserung der Fruchtgröße und Ausfärbung der Deckfarbe feststellen.

Ausblick

Für die künftigen Versuchsfragen ließ sich Dr. Steinbauer u.a. von einem französischen Versuch inspirieren. Bei diesem Schorfversuch der CTIFL mit einem Trampolinsystem wurde das Netz mit einer Folie über den Baumreihen kombiniert. Diese Folie belief sich auf einer Breite von 70 cm, um auf eine zusätzliche Beregnung zu verzichten und nicht extrem windanfällig zu werden. Mit dieser Folie auf dem Netz konnten die Franzosen im Jahr 2013 bei der Sorte `Gala´ den Schorfbefall (Blatt- und Fruchtschorf) sogar um 90 % reduzieren. Als Nebeneffekt konnte das schmale Folienband über den Reihen im Frostjahr 2012 Frostschäden verringern. Aufgrund dieses „Wahnsinns-Ergebnisses“ der Franzosen, wird in Haidegg dieses Jahr auch ein Netz-/Folienversuch mit Äpfeln gestartet. Außerdem plant die Versuchsstation aus der „CMG-Ideenfabrik“, Netze mit einem Reißverschluss statt der Plaketten einzusetzen. Weiterhin steht ein Versuch bei Süßkirschen mit Einzelreihensystem an. Darüber hinaus sollen Stahlsäulen, Folienbögen und Insektenschutznetze getestet werden.

Birgit Scheel