13.08.2018

European Tomato Forum

Beim europäischen Tomatenforum, das Mitte Juni in Düsseldorf zum zweiten Mal stattfand, ging es vor allem um Innovationen in Züchtung und Vermarktung. Aber auch das Konsumverhalten der Deutschen sowie die Marktentwicklung bei Tomaten waren Themen.

Die Tomaten standen in Düsseldorf im Mittelpunkt
Foto: Valenta

Nach der Begrüßung der überwiegend nicht-deutschsprachigen Besucher des Forums durch Kaasten Reh, Fruchthandel Magazin, und Dr. Hand-Christoph Behr, AMI, stand zunächst der Konsument im Mittelpunkt. Kristin Jürkenbeck, Doktorandin an der Universität Göttingen, forscht im Bereich Lebensmittelauswahl von Konsumenten. Ihr Credo: „Was der Konsument kennt, das kauft er auch.“ 75 % der Deutschen kaufen mindestens einmal wöchentlich Tomaten. Aber auf welche Merkmale achten sie dabei am meisten? Durch eine Konsumentenbefragung im Herbst 2017 wollten die Forscher das herausfinden. Dabei kam heraus, dass knapp 60 % der Befragten mit dem Geschmack frischer Tomaten zufrieden sind. Das allerdings bedeutet, dass gut 40 % damit nicht zufrieden sind. Ob das an den Früchten selbst oder einer falschen Lagerung liegt, bleibt offen. Laut Umfrage lagern nämlich 41 % der Kunden die Tomaten im Kühlschrank, was sich bekanntlich negativ auf den Geschmack auswirkt.

In einem Auswahl-Experiment, das eine reale Kaufsituation simulieren soll, konnten die Befragten zwischen verschiedenen Tomaten wählen. Hier zeigte sich, dass vor allem der Preis, aber auch Farbe und Geschmack die wichtigsten Auswahlkriterien sind. Grüne und gelbe Sorten schnitten jeweils schlechter ab. Hier könnten Verkostungen oder der Verkauf im Hofladen mit persönlicher Beratung Vorteile bringen. Regionalität und nachhaltige Produktion stehen auch bei Tomatenkäufern hoch im Kurs. Die Chancen, dadurch auch höhere Preise zu erzielen, stehen laut Jürkenbeck gut. Ihr Tipp, um auch Hobbyanbauer als Kunden zu gewinnen oder zu halten: Alte Sorten und Fleischtomaten anbieten sowie die nachhaltige und klimaschonende Produktion in der Vordergrund stellen.

Sortenentwicklung und Vermarktung

Nico van Vliet, de Ruiter Seeds, Niederlande, betonte in seinem Vortrag, welchen Beitrag die Züchtung zur Vermeidung von Verlusten leisten kann. So stehen bei den Züchtungsunternehmen unter anderem bessere Haltbarkeit, weniger gerissene Früchte und gute Festigkeit an der Rispe im Vordergrund. Sorten, die als lose Frucht vermarktet werden, sollen schnell reifen und durch eine gut ausgeprägte Sollbruchstelle leicht zu ernten sein („Jointed“). Anders die Rispentomaten – diese Sorten sollen „jointless“, also ohne Sollbruchstelle, sein. Zudem sollen sie innerhalb der Rispe gleichmäßig reifen.

José Manuel Estévez, Leiter der Forschungsabteilung bei Granada La Palma, ließ die Sortenentwicklung von Tomaten in Spanien Revue passieren. Gab es anfangs nur große Früchte mit niedrigen Brix-Werten, dominieren mittlerweile Sorten mit höheren Werten. Die Herausforderung bestehe laut Estévez darin, die Brix-Werte von 8 auf 10 bei den kleinfrüchtigen bzw. von 5 auf 8 bei den großfrüchtigen Sorten zu erhöhen. In diesem Zusammenhang stellte er auch die neue Sorte der Cooperativa La Palma, `Adora´, vor. Die dunkelbraunen Früchte des Marmande-Typs erreichen sehr gute Geschmackswerte, auf der Fruit Logistica erhielt die Sorte eine Silbermedaille.

Nicht nur die Züchtung, auch das Marketing hat entscheidenden Einfluss, ob sich eine Sorte mit Erfolg verkaufen lässt. Jan Opschoor stellte beim Tomatenforum die Kooperation Prominent Tomaten vor. 30 Anbauer, die größtenteils schon seit 20 Jahren zusammenarbeiten, bewirtschaften 380 ha und bauen 13 verschiedene Sorten an. Wie der Geschäftsführer berichtete, investieren die Familienunternehmen auch gemeinschaftlich, z.B. in den Bau von Gewächshäusern für den Testanbau neuer Sorten oder die Nutzung nachhaltiger Energiequellen.

Auf eine Zusammenarbeit mit noch längerer Geschichte können die sechs Erzeugerorganisationen im Westen Frankreichs zurückblicken. Bereits 1970 wurde „Prince de Bretagne“ als gemeinsame Marke eingeführt und bis heute werden zahlreiche Gemüsesorten darunter vermarktet. Marine Bougeard, bei Prince de Bretagne unter anderem für das Tomaten-Marketing zuständig, berichtete von ihren Aktivitäten. 100 Anbauer der Kooperation produzieren auf 190 ha Glashausfläche 89 000 t Tomaten pro Jahr. Das neu eingeführte Label „100 % Nature & Saveurs“ (dt: 100 % Natur und Geschmack) wirbt mit pestizidfreien Tomaten. Weder in der Anbauphase noch nach der Ernte werden synthetische Pestizide eingesetzt. Die Produktion stehe zwischen konventionellem und Bio-Anbau, so Bougeard. Ein Großteil der Erzeuger habe sich bereits dem neuen Label angeschlossen.

Von der belgischen Coöperatie Hoogstraaten war Marketing- und Vertriebsleiter Jan Engelen nach Düsseldorf gereist, um die Kooperation und aktuelle Trends in der Branche vorzustellen. 1933 gegründet, umfasst die Kooperation heute ca. 220 Mitglieder mit einer Tomatenanbaufläche von 170 ha, 60 davon belichtet. Die 86 000 t Tomaten stellen den größten Anteil der Produktion dar. Engelen fasst die aktuelle Situation so zusammen: „Früher hat man produziert und auf den Markt gebracht. Heute muss man das produzieren, das der Markt wünscht, um erfolgreich zu sein.“ Er stellte die folgenden acht Lebensmitteltrends vor:

·         Food Boxes: Die Kunden haben immer weniger Zeit fürs Kochen, wollen aber dennoch frische Zutaten verwenden. Zwar stelle die Logistik momentan noch eine Herausforderung dar, aber Tomaten haben eine gute Haltbarkeit, sind einfach zu verarbeiten und bieten eine große Vielfalt.

·         Ende der Plastikverpackungen: Das Bewusstsein der Verbraucher nimmt zu, immer mehr wollen Plastik vermeiden.

·         Lebensmittelabfall vermeiden: Früchte und Gemüse führen das Ranking der am häufigsten weggeworfenen Lebensmittel an. Viele Verbraucher suchen Tipps zur Verwertung von Gemüse.

·         Lactofermentation: Die alte Methode des sauren Einlegens gewinnt wieder an Bedeutung.

·         Vegetarier/Veganer: Die Gruppe wächst und ist Gemüse generell sehr aufgeschlossen.

·         Onlineshopping: Es entwickeln sich immer mehr Möglichkeiten für die Kunden, z.B. online bestellen und im Markt abholen.

·         Food Ambassadors: Foodblogger haben immer größeren Einfluss, v.a. auf die jüngere Generation.

·         Neue Essgewohnheiten: Fünf oder acht Mahlzeiten pro Tag statt drei. Immer mehr Außer-Haus-Mahlzeiten.

Geschmack messen

Einblicke in seine „Flavour Toolbox“ gewährte auf dem Tomatenforum Dr. Wouter Verkerke von der Universität Wageningen/NL. Um den Geschmack von verschiedenen Gemüsesorten – allen voran Tomaten – testen und beurteilen zu lassen, kann Verkerke auf verschiedene Panels zurückgreifen. Zum einen sind das Konsumenten, die die Bevölkerung der Niederlande gut wiederspiegeln, und zum anderen trainierte Geschmacksexperten. Außerdem kann der Geschmack verschiedener Sorten zu mehreren Zeitpunkten mittels eines Models beschrieben werden. Dazu werden verschiedene Messungen an den Früchten durchgeführt. So lässt sich auch gut der unterschiedliche Geschmack während des Saisonverlaufs darstellen. Zur Konsumentenbefragung meinte Verkereke: „Es ist keine Raketenwissenschaft, man lässt einfach Leute Früchte probieren!“ Damit ermutigte er auch alle Züchter und Anbauer, einfach Leute einzuladen und Verkostungen zu machen.

Markt in Deutschland

Carsten Knodt von den Neurather Gärtnern stellte die 2008 gegründete Gärtnergemeinschaft vor, die in Neurath auf 16 ha Tomatenanbau betreibt und über Landgard vermarkten. Mittlerweile sind 7,5 ha in NRWs größtem Gewächshaus mit sogenannter Hybridbeleuchtung ausgestattet, um auch in den Wintermonaten Früchte liefern zu können. Für die Heizung wird die Abwärme des benachbarten Kohlkraftwerks genutzt.

Tomaten sind in Deutschland immer noch das wichtigste Gemüse – vor Karotten und Zwiebeln. Wie Dr. Hans-Christoph Behr, AMI, erläuterte, beträgt der Selbstversorgunggrad mit Tomaten in Deutschland im Sommer 20 %, im Winter fällt dieser Wert geringer aus. Trotz steigender deutscher Produktion nehmen auch die Importe weiter zu. Im Sommer wird v.a. aus den Niederlanden, im Winter v.a. aus Spanien eingeführt. Insgesamt gehe der Trend zu kleineren Verpackungen und damit höheren kg-Preisen. Seit 2015 ist der Anteil der Cherrytomaten an der Rispe stark gestiegen, sie machen mittlerweile ein Viertel der verkauften Tomaten aus. Cocktail- und Cherrytomaten machen zusammen über die Hälfte der Tomatenmengen in Deutschland aus.

Marion Valenta


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