08.12.2016

Ganzjährig Chicorée

Gerhard Deuschle zählt zu den wenigen Anbauern, die Chicorée ganzjährig und im großen Stil produzieren. Der Birkenhof in Köngen im Kreis Esslingen bei Stuttgart ist einer der modernsten Chicorée-Betriebe Europas und zählt zu den größten Anbau-, Pack- und Vermarktungsbetrieben Deutschlands.

Gerhard Deuschle produziert ganzjährig Chicorée und steigt nun in die Erdbeerproduktion ein.
Foto: Scheel

 

Innovationen und immer einen Schritt voraus. Das zeichnet den Familienbetrieb Birkenhof Gemüse aus, der in den letzten 25 Jahren von der klassischen Landwirtschaft auf die Produktion von Gemüse und Salaten umgestellt hat. Während der Ausbildung in der Pfalz hat Gerhard Deuschle die Chicoréetreiberei kennengelernt und schließlich im Familienbetrieb eingeführt.

Vor 10 Jahren hat Deuschle schließlich in die Chicoréeproduktion investiert und ein über 3 000 m² großes Gebäude nach zweijähriger Bauzeit in Betrieb genommen. Dort werden heute an 6 Tagen/Woche täglich zwischen 10 und 20 t Chicorée geerntet, aufbereitet und verpackt und schließlich mit dem eigenen Fuhrpark sowie Vertragsspeditionen zu den Kunden ausgeliefert. Dazu zählen einige große Handelsketten deutschlandweit sowie Gemüsehändler in der Region.

Wurzelproduktion

Die Wurzelproduktion startet im Frühjahr mit der Bodenvorbereitung und dem Aufdämmen des Bodens für die Aussaat. In den verdichteten Damm wird das Saatgut in einer Tiefe von nur wenigen Millimetern abgelegt. „Die Entwicklung der Chicoréepflanzen verläuft am Anfang sehr langsam“, erläutert Karsten Darocha, Betriebsleiter bei Birkenhof Gemüse. Zwei Monate nach der Saat hat die Pflanze erst fünf bis sieben Laubblätter mit einer Länge von 8 bis 10 cm, die Hauptwurzel misst rund 10 cm. Im August, wenn ca. 20 Blätter vorhanden sind, wird die Blattentwicklung langsamer. Im September reduziert sich auch das Wurzelwachstum und Reservestoffe werden eingelagert. „Die Chicoréewurzel erreicht durchaus eine Länge von 1 m“, so Darocha. Gerodet werden die Wurzeln ab Mitte Oktober, wenn sie komplett abgereift sind und das Wachstum eingestellt wird. Ein selbstfahrender Vollernter erntet die ca. 150 000 bis 180 000 triebfähigen Wurzeln pro Hektar. Dabei schlägt der Roder zunächst die Blätter der Chicoréewurzeln so ab, dass ein Blattkragen von ca. 2-4 cm an der Wurzel stehen bleibt. Die bis zu 1 m langen Wurzeln werden bereits während der Ernte auf eine optimale Länge von ca. 12-15 cm eingekürzt. Über Enterdungsbänder gelangen sie in den Bunker und schließlich auf den Transportwagen zur Sortieranlage.

Reifephase und Treiberei

Auf dem Hof werden die gerodeten Wurzeln über eine mehrstufige Sortieranlage enterdet und nach dem Durchmesser in zwei bis drei Größengruppen sortiert. Über ein Förderband gelangen die Wurzeln zu den jeweiligen Lagerkisten, die 2 m³ Wurzeln fassen. Während des Füllens werden die Kisten auf speziellen Rüttelplatten bewegt, um eine optimale Füllung der Kisten zu erreichen. Um die unterschiedlichen Treibansprüche der verschiedenen Größengruppen berücksichtigen zu können, werden sie getrennt voneinander gelagert. Der Betrieb hat eine Lagerkapazität in den Kühlräumen von 3 500 Großkisten. Mehrere Hundert Lagerkisten stehen in den einzelnen Kühlräumen und werden nach und nach auf die Lagertemperatur von 0-2 °C heruntergekühlt. Damit die eingelagerten Wurzeln ihre Triebfähigkeit behalten und keinen Frostschaden erleiden, ist eine ständige Befeuchtung der Wurzeln sehr wichtig. Somit herrschen in den Kühlräumen gleichbleibende Bedingungen mit Temperaturen von ca. 0 °C und einer relativen Luftfeuchte von 95-97 %, damit die Wurzeln nicht an Qualität und Reservestoffen verlieren.

Im Anschluss an Kühl- und Reifephase erfolgt das Treiben des Chicorées. Dabei kommen in der Produktion zwei unterschiedliche Anbaumethoden zum Einsatz. Neben der Erdtreiberei ist die Wassertreiberei in den Betrieben am weitesten verbreitet. Bei der Hydrokultur, die auch der Birkenhof anwendet, werden die Wurzeln in spezielle Treibkisten aufrecht hinein gestellt und mit Wasser, dem Spurennährstoffe zugefügt werden, umspült. Ein Gitter in jeder Kiste sorgt dafür, so dass das Wasser schneller durchlaufen kann und somit Krankheiten vorgebeugt wird. Diese Treibkisten mit einer Grundfläche von ca. 1,2 m² werden zu zwölf Stück übereinander aufgestellt. Jeweils zwölf Stapel in der Reihe sind mit einem geschlossen Wasserkreislauf verbunden. Nach einem exakt abgestimmten Treibschema unter Berücksichtigung von Nährstoffbedarf sowie Wasser- und Lufttemperatur werden die Wurzeln und später die daraus treibenden Sprossen dunkel gelagert. Ein Treibmeister kontrolliert regelmäßig die Lagerbedingungen sowie die Gesundheit und Qualität der Sprossen. „Das Treibergebnis wird zu 70 % durch die Qualität der Wurzeln beeinflusst“, erläutert Darocha. „Lediglich 30 % wirkt das Antreiben aus.“ Pflanzenschutzmaßnahmen sind nur von geringem Maße notwendig. „Die Gesunderhaltung in der Chicoréeproduktion beginnt schon beim Feldanbau“, so Darocha. Dabei legt der Betrieb großen Wert auf eine gute Fruchtfolge sowie auf eine konsequente Betriebshygiene.

Nach ca. 21 Tagen sind sie schließlich erntefähig. Über ein Transportsystem werden die Sprosse in den Treibkisten zum Ernteplatz befördert. Dort werden die Sprosse von den Wurzeln getrennt, anschließend von Hand geputzt und auf Qualität kontrolliert. Mit Hilfe einer halbautomatischen Waage werden die Sprosse zu Einheiten von 500 g aus je zwei bis vier Stück verwogen und über eine Flow-Pack-Maschine verpackt. Für den Großhandel, die Gastronomie und Wochenmärkte wird lose Ware in 5-kg-Kisten verpackt. Um den Kundenwünschen gerecht zu werden, stehen dem Betrieb zwei Packlinien zur Verfügung. In Zukunft soll noch eine neue Verwiegeanlage angeschafft werden, um effektiver und homogener verpacken zu können. „Ziel ist es, künftig immer drei Sprossen zu 500 g zusammenzustellen“, unterstreicht Darocha.

Erdbeerproduktion unter Glas

Die Chicoréesaison startet im September/Oktober. Die Hauptproduktion findet jedoch von November bis Februar statt. „In dieser Zeit ist der Betrieb zu 100 % ausgelastet“, erklärt Darocha. Dagegen sind die Sommermonate auf dem Birkenhof deutlich ruhiger. Um die freien Kapazitäten in dieser arbeitsärmeren Zeit auszunutzen, erweiterte Gerhard Deuschle den Betrieb in diesem Sommer um eine Gewächshausanlage und startet mit der Erdbeerproduktion. „Der Anbau von Erdbeeren ist in Bezug auf Bewässerung und Temperatursteuerung dem des Chicorées sehr ähnlich“, so der 47-Jährige. Die neue Gewächshausanlage umfasst 25 000 m², die auf dem neuesten Stand der Technik geplant worden ist. Mit einer Stehwandhöhe von 6 m und doppeltem Energieschirm versucht Deuschle optimale und energiesparende Bedingungen für den Erdbeeranbau zu schaffen. Die Seitenwände sind mit Dreifachstegplatten und das Dach mit diffusem Glas mit einer mittleren Trübung ausgestattet. Die Heizproblematik ist Deuschle vom Chicoréeanbau bekannt und deshalb hat er bei den Glashäusern auf modernste Technik gesetzt. In der Anlage wurden vier autarke Abteilungen geschaffen, sodass diese klimatisch separat gesteuert werden können. Mit dieser vorausschauenden Planung kann in den Abteilungen in Zukunft auch kleinstrukturiert gearbeitet werden.

Birgit Scheel