09.07.2019

Glück haben Sie doch jeden Tag!

Tim Jacobsen

Es gab mal eine Zeit, in der Italien mehr war als nur ein Land, das die Flugzeit in Richtung Süden unnötig verlängert. Eine Zeit, in der die Vorfreude auf den Sommerurlaub spätestens mit dem Ostereisuchen einsetzte. Eine Zeit, in der die Autos, die sich über den Brenner quälten, weder Sitzgurte noch Klimaanlage hatten – man aber mit etwas Glück irgendwann im Rauschen des Lautsprechers ein leises „Una festa sui prati“ erkennen konnte und wusste, dass es nicht mehr lange dauert. Einmal am Ziel angekommen, fiel dann sofort alle Last von einem ab und lediglich der Dreizeiler beim Postkartenschreiben erinnerte daran, dass auch dieser Urlaub unweigerlich sein Ende finden wird.
Fragt man heutzutage Bekannte, wohin die Reise gehen soll, lautet die Antwort oft, dass der eigentliche Urlaub ja erst noch komme. Mit permanenter Erreichbarkeit und der großen Schaubühne sozialer Medien ist im Urlaub einfach nur am Strand zu liegen naturgemäß megaout, wird aber vielleicht irgendwann wieder megain im Rahmen einer wie auch immer gearteten Challenge.
Versucht man einfach nur, sich mit mehreren Leuten gleichzeitig zu verabreden, sieht die Lage nicht viel besser aus – als müsste immer mindestens einer sich ein Notausstiegstürchen offenhalten, um nicht durch allzu viel Verbindlichkeit womöglich etwas noch Bedeutsameres zu verpassen.
Die Kühlschränke sind voll und man kann sich kaum eine noch absurdere Kaffeespezialität ausdenken, die es dann nicht doch schon irgendwo tatsächlich auch gibt; das Gleiche gilt übrigens auch für Diätpläne. Wir können in den Supermarkt gehen, und die meisten von uns könnten tatsächlich dahin zu Fuß gehen, da wir sehr viele Supermärkte haben, und können jahrein jahraus nahezu dasselbe Sortiment kaufen. Konnte der Cameriere meiner Jugend am Strand von Marina di Massa noch mit Physalisdeko für Aufsehen sorgen, gibt es heute eigentlich nichts mehr, was es nicht auch sonst überall gibt. Superausgefeilte Logistik sorgt dafür, dass es auch im von uns aus gesehen hinterletzten Winkel der Erde noch niederländische Zwiebeln zu kaufen gibt. Die gute Nachricht dabei ist, dass sie auch gekauft werden, was gleichbedeutend damit ist, dass zwar nicht unbedingt überall der Wohlstand ausgebrochen ist, sich dennoch aber viel mehr Menschen als je zuvor überhaupt ab und an eine Speisezwiebel leisten können.
Und während wir darüber nachdenken, ob sich die Coffee-to-go-Becherflut mit Pfand, Verboten oder vielleicht freiwilligen Selbstverpflichtungen in den Griff bekommen lässt, leben von etwas mehr als 110 Mrd. überhaupt jemals geborenen Menschen knapp 8 Mrd. derzeit gemeinsam mit Ihnen und mir auf diesem Planeten. Gleichzeitig dürfen zwar nur fünf Länder offiziell Nuklearwaffen besitzen, gleichwohl haben auch Indien, Israel, Pakistan und Nordkorea Atombomben im Waffenschrank und neben dem offensichtlichen Kandidaten Iran stehen auch Ägypten, Saudi-Arabien und Syrien im Verdacht, derartige Waffensysteme zu entwickeln.
Angst macht aber auch die rasante Verbreitung ansteckender Krankheiten, wie die Beispiele Schweine- und Vogelgrippe zeigen - wobei interessanterweise die schlimmste Pandemie, die derzeit im Umlauf ist und für jährlich 3 Mio. Aidstote sorgt, angesichts der guten medizinischen Versorgung hierzulande mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist. Auch der Schreck von 2007, als Deutschland vergleichsweise glimpflich aus der Weltwirtschaftskrise herauskam, steckt vielen Menschen noch in den Knochen, genauso wie die Angst vor bewaffneten Konflikten oder dem internationalen Terrorismus. Und auch wenn es auf der Erde schon immer Klimaschwankungen gegeben hat, so sind die Extremwetterereignisse dieses Frühsommers doch auch Anzeichen dafür, dass wir vielleicht besser früher mit dem CO2-Sparen anfangen hätten sollen und wir wohl oder übel dabei sind, sehenden Auges mit Vollgas ins Verderben zu rasen.
Größtes Problem weltweit ist und bleibt aber – Speisezwiebel hin oder her – Armut einhergehend mit Mangel an Nahrung und Trinkwasser. Der Hinweis darauf, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert und 80 % der Krankheiten und Todesfälle in Entwicklungsländern mit verschmutztem Wasser zusammenhängen, ist zwar auf jeder Grillparty der Stimmungskiller schlechthin - gleichwohl öffnet diese Erkenntnis einem aber auch das Herz für ein Gefühl der Dankbarkeit und Demut. Es ist ein bisschen wie erst krank werden zu müssen, um zu wissen, was gesund sein bedeutet.
Es gibt so viele Gründe, Dinge nicht zu machen, Verabredungen aus dem Weg zu gehen oder sich in den Verlockungen der virtuellen Welt zu verirren. Dennoch kommt man im Leben unweigerlich an den Punkt, an dem einem bewusst wird, dass einem für all das, was man noch so vorhat, wohl oder übel allmählich die Zeit ausgeht. Deshalb sollte das Motto spätestens dieses Sommers auch lauten: legen Sie das Telefon zur Seite, stellen Sie Getränke kalt, treffen Sie sich mit Freunden und vergessen Sie dabei vor allem das Lachen nicht. Feiern Sie, was es zu feiern gibt, denn Dinge nicht zu feiern, macht sie mit Sicherheit auch nicht besser. Packen Sie das Zelt und die Familie ein – und fahren Sie über Ihren ganz eigenen Brennerpass - selbst wenn es nur für einen Nachmittag ist. Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen dabei viel Freude!

Zitat:
„Wo sind nur die unbeschwerten Sommer von damals hin?“


Industrie-News



Informatives



Ausgabe 08/2019

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

Service

Quicklinks