08.06.2018

Höher, schneller, besser?

Marion Valenta

Soll man eigentlich immer mit dem Strom schwimmen und sich der Mehrheit anpassen? Einfach alle Trends und Entwicklungen mitmachen, weil es eben gerade modern ist? Bei Klamotten gibt es zum großen Mainstream auch Tendenzen, sich wieder individueller zu kleiden und z.B. handgemachte Sachen zu tragen. Aber bei der Technik kommt es mir manchmal so vor, als würden alle stur der vorgegebenen Richtung der Masse folgen: Smartphone statt normalem Handy, E-Bike statt Fahrrad, Blue-Ray statt DVD – diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Aber brauchen wir das alles? Will uns die Industrie nicht nur ein Bedürfnis nach der neuesten Technik einreden, das wir vorher gar nicht hatten?

Als ich früher im gärtnerischen Einzelhandel gearbeitet habe, sagte man uns Einkäufern immer: Bedarf wecken statt Bedarf decken! So verhält es sich auch mit der Telekommunikationstechnik. Keiner braucht wirklich alle ein oder zwei Jahre ein nagelneues Smartphone, solange das alte noch funktioniert. Aber das neue hat schließlich eine bessere Kamera, noch mehr Speicherplatz usw.

Ich nutze mein Smartphone, das ich gebraucht geschenkt bekommen habe – ich würde mir nie eines für teuer Geld kaufen – zum gelegentlichen Verschicken von Nachrichten und Bildern. Und das war es. Übrigens konnte ich letztens eine App, die zu einem Spielzeug meiner Tochter von Playmobil gehört, nicht auf meinem iPhone benutzen – es hat einfach nicht genug Rechnerleistung dafür. Soll ich mir also auch wieder ein neueres Modell – aber höchstens gebraucht – zulegen? Oder mich technisch abhängen lassen? Die Entscheidung fällt mir nicht leicht, es macht schließlich niemandem Spaß, wenn er abgehängt wird.

Mein Smartphone liegt oft tagelang auf lautlos gestellt in meiner Tasche und schlummert vor sich hin. Alle Freunde und Verwandte wissen das schon und erwarten gar nicht, dass sie mich sofort an die Strippe bekommen. Ich kann deshalb die Diskussion um ständige Erreichbarkeit – auch im Urlaub!! – gar nicht nachvollziehen. Für mich ist es selbstverständlich, in meiner Freizeit wirklich abzuschalten. Natürlich ist das für Unternehmer nicht so einfach, vor allem während der Saison.

Aber sie sollten nicht von sich auf andere schließen und ständige Erreichbarkeit auch bei ihren Mitarbeitern voraussetzen. Aber auch Unternehmer sollten genügend Abstand zum eigenen Unternehmen haben. Das Deligieren von Aufgaben gehört auch zum Chefsein. Führungskräfte sollten in gewissem Maß eigenständig entscheiden, nicht jede Anfrage oder kleines Problem muss immer beim Chef landen.

Ähnlich wie bei den Handys verhält es sich auch bei der Technik für Anbau und Ernte von landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Erzeugnissen. Muss es auch da immer die neueste Technik sein? Dass GPS-gesteuerte Schlepper oder automatische Ernteroboter sehr praktisch sind, leuchtet ein. Aber wie sagte ein Spargelanbauer neulich zu mir: „Kaufen wir uns damit nicht noch mehr Arbeit? Wie bekommen wir denn die riesen Investitionen wieder rein, wenn die Lebensmittelpreise weiter stagnieren oder sinken?“ Sein Ansatz: „Die Erntehelfer anständig behandeln und bezahlen, damit sie motiviert arbeiten, und durch Kulturtechnik und gute Sorten hohe Erträge erzielen. So kann man auch mit altmodischer Handernte noch Erlöse erzielen, mit denen man zufrieden sein kann.“ Und das ist doch die Hauptsache: Zufriedenheit. Nicht immer nach Mehr streben, sondern sein Auskommen finden und zufrieden sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine weiterhin hoffentlich erfolgreiche Saison und ganz viel Zufriedenheit!

 

Zitat: „Muss es immer die neueste Technik sein oder will uns die Industrie nur etwas verkaufen, was eigentlich keiner braucht?“


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