15.06.2015

Kirschenanbau am anderen Ende der Welt

Die Plantage D´Entrecasteaux der Familie Kile auf Tasmanien und der Sommer 2014/15

Für Ross Kile war die zurückliegende Saison aufgrund der lang anhaltenden Niederschläge ausgesprochen schwierig

Wer in Australien angekommen, des Reisens noch nicht müde ist, kann in einer guten Stunde vom ostaustralischen Festland nach Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens weiterfliegen. Der Name Tasmanien wird meist gedanklich sofort mit dem Tasmanischen Teufel oder der Strafgefangeneninsel verbunden, eher weniger mit der Naturbelassenheit der Insel und der früheren Bedeutung für den Apfelexport. Klimatisch unterscheidet sich Tasmanien stark vom Festland. Die Insel unterliegt maritimen Einflüssen, extreme Hitze ist eher selten.

Die Monate November, Dezember und Januar 2014/15 (tasmanischer Sommer) waren durch häufige und starke Regenfälle geprägt und bereiteten den Kirschenanbauern der Insel große Sorgen. Zu ihnen gehört die Familie von Ross Kile. Die Plantage D´Entrecasteaux Cherries, benannt nach dem Entdecker D`Entrecasteaux, welcher den gleichnamigen Kanal vor der Insel erkundete, liegt etwa eine Autostunde südlich von Hobart in Birchs Bay und nur einen Kirschkernwurf vom Meer entfernt.

Diese touristisch attraktive Lage hat dazu geführt, dass immer mehr Land zum Bau von Feriendomizilen verwendet wird und die anziehenden Landpreise einen Zukauf für die Obstbauern stark erschweren. In Ross Kiles Augen ist dies eine Landverschwendung, da die Ferienhäuser die meisten Wochen im Jahr leer stehen.

Der Betrieb wurde 1926 gegründet und seither von der Familie Kile bewirtschaftet. Wenn es die wirtschaftliche Situation einmal ermöglicht, soll vom Sohn die Familientradition fortgeführt werden. Etwa 6 ha sind mit Kirschen bebaut, davon 2,5 ha ohne Netz und 3,5 ha mit Netz. Ein Hektar gehört dem Apfelanbau. Die Netze dienen hier in erster Linie dem Windschutz und der Vogelabwehr (Hagel ist hier nicht so häufig wie in unseren Breiten) und kosten etwa 40 000 australische Dollar, bei fallender Preistendenz. Zu den angebauten Kirschsorten gehören `Simone´, `Lapins´ und `Georgia´. Als Unterlagen werden Krymsk, Colt und F12/1 eingesetzt. Kile wendet als Erziehungsform das in Südaustralien gebräuchliche KYM Green Bush (KGB) System an. Zu dessen Vorzügen gehören die geringe Baumhöhe (wichtig bei Netzeinsatz), eine effiziente Lichtausbeute sowie hoher Fruchtertrag und Qualität.

Ross Kile, der jetzige Plantagenbesitzer, berichtet vom wachsenden Absatzmarkt australischer Kirschen im asiatischen Raum, insbesondere China. Er möchte seine Anbauweise und eine Verlagerung der  Kirschenernte mehr und mehr auf das chinesische Neujahrsfest ausrichten, welches den wichtigsten chinesischen Feiertag darstellt. Das Datum dieses Festes ist nicht feststehend, es richtet sich nach dem Neumond und fällt zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar. Es gehört zur chinesischen Tradition, an diesem Tag Kirschen als Geschenk zu überreichen. Ross Kile setzt seit zwei Jahren seine Kirschen über Melbourne direkt nach China ab, meist in 2 kg-Verpackungen. Ungeheuer wichtig sind die Verpackungsfarben, rotgold wird gewünscht, weiß als Farbe des Todes geltend, muss unbedingt vermieden werden.

Nach Asien gelangen Kirschen über 30 mm, Früchte unter 28 mm bleiben  auf dem heimischen Markt. Zurzeit, so Ross Kile, exportieren fünf tasmanische Kirschenanbauer nach China, drei von ihnen gehören zu den Großbetrieben. Da es auf der Insel keinen Fruchtfliegenbefall gibt, entfallen die hierfür sonst anfallenden Kontrollkosten. Diese Situation bietet den tasmanischen Obstbauern einen Preisvorteil gegenüber dem australischen Festland, da dieses unter dem Fruchtfliegenbefall leidet.

D´Entrecasteaux Cherries ist der anbauerbasierten Organisation Freshcare angeschlossen. Sie übernimmt Beratung und Kontrolle und stellt das nötige Zertifikat aus. Der Absatz in Australien läuft meist über die Supermarktketten Woolworth und Coles, die etwa 80 % des Handels einnehmen.

Zur Ernte kommen zu Ross Kile durch Australien reisende 40 Backpacker. Der Andrang für diesen Job ist groß. Aus der ganzen Welt, meist aber aus Europa, melden sich bei ihm im Jahr zwischen 300 und 400 junge Leute für diese Saisonarbeit, aber nur 40 können angestellt werden. Sie bleiben etwa drei Wochen und übernachten auf einem nahegelegenen Campingplatz.

Geerntet wird in Plastikbehälter. Diese werden wiederum in Großkisten gepackt, mitsamt Inhalt sieben bis acht Minuten lang auf 6 °C wassergekühlt und über Nacht auf 3 °C runtergekühlt. Mit der Verpackung befasst sich Ross Kile nicht, dieser Vorgang ist an eine spezialisierte Firma ausgelagert. Für den erforderlichen Sortierungsaufwand sind die Erntemengen zu gering und der dafür erforderliche maschinelle Einsatz wäre für seine Betriebsgröße unrentabel.

Der Sommer 2014/15

Dieser Sommer mit den hohen Niederschlagsmengen hat den Betrieb in allergrößte Bedrängnis gebracht. Bei der Betriebsbesichtigung Mitte Januar 2015 war es noch offen, ob sich ein Ernteeinsatz überhaupt lohnen würde. Die Feuchtigkeit hatte schon zu größeren Schäden an den Früchten geführt. Gefürchtet ist der sogenannte Nose Spit. Ross Kile berichtete, wenn der Fruchtschaden 40 % überschreiten würde, wären der Aufwand für Ernte, Sortierung und Verpackung bei einem angenommenen Verkaufspreis von 10 australischen Dollar/kg, zu hoch.

Kurze Zeit später, Anfang Februar, schrieb er Folgendes: „Der Tag nach der Betriebsbesichtigung begann mit Regen, der für Tage nicht endete. Die Niederschlagsmenge betrug in kurzer Zeit 150 mm. Das Ergebnis war, dass wir die Ernte abschreiben mussten. Der größte Teil ist geplatzt. Die Kombination des Fehlens der Sonnenstunden, also geringen Zuckergehaltes, mit Braunfäule ließ keine Kontrolle mehr zu. Wir ernteten 12 t insgesamt, aber es wurde zusehends unwirtschaftlicher, mit dem Ernten fortzufahren“.

Und als letzten Satz fügte er an: „Das ist das Schicksal der Kirschenanbauer“.

Magdalena Prömse-Erdmann