09.05.2016

Kirschessigfliege: Nicht chancenlos ausgeliefert

Neue Erkenntnisse erfordern Umdenken und weitere Forschungsansätze

Aufwändige Becherfallen aus dem Handel sind nicht wirksamer als selbstgefertigte Modelle.
Foto: Buchter

Die Obstbaufachmesse Fruchtwelt Bodensee bot den Rahmen für das Kirschessigfliegen-Symposium am 20. Februar 2016 in Friedrichshafen. Elf Referenten aus der Schweiz, Österreich, Südtirol und Deutschland informierten auf Einladung des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee im vollbesetzten Tagungsraum über den aktuellen Forschungsstand.

Die rasante Ausbreitung und der massive Befall unzähliger Obstkulturen im Sommer/Herbst 2014 hat die Forschung unter Druck gesetzt, rasch umsetzbare Lösungen zu finden. Die enormen Anstrengungen haben viele wichtige Erkenntnisse erbracht, obwohl viele Versuche schwierig zu bewerten waren, da die Kirschessigfliege 2015 aufgrund der trocken-heißen Witterung vielerorts kaum Schäden verursachte. Über die umfangreichen Monitoring-Aktivitäten und die daraus gewonnenen Ergebnisse referierten die Wissenschaftler, zu Erhebungen aus Beratung und Praxis berichteten Anbauberater und Betriebsleiter.

Einig waren sich alle Beteiligten, dass nur „ganzheitliche“ Ansätze helfen, also ein effektives Zusammenspiel von Überwachung, Fallenfang, Bestandshygiene, kurzen Ernteintervallen, Pflanzenschutz/Einnetzung und langfristig Sortenwahl, Gegenspieler und Dezimieren im Rückzugsgebiet, weiterhin das Ernten madenfreier Früchte zu ermöglichen. Dass die Forschung noch am Anfang steht, weil sich viele neue Fragestellungen und Ansätze aus den bisherigen Erkenntnissen ergeben haben, war einhelliger Konsens. Die Kernaussagen der elf Referate sind hier zusammengefasst.

Forschungsstand in Deutschland

Das KEF-Portal des Julius Kühn-Instituts (JKI) gibt anschaulich Auskunft über die Biologie des Schädlings. Die gesichert erforschten Kenndaten: die Männchen sind 2,7 mm, die Weibchen 3,2 mm lang (wichtig für die Maschenweite von Schutznetzen: 1,2 mm reichen aus), die überwinternden Adulten sind dunkler, sie treten ab Oktober auf. Die idealen Entwicklungstemperaturen liegen bei 20 bis 25 °C, über 30 °C versiegen die Aktivitäten. Bei 25 °C gibt es alle zehn Tage eine Generation, die geschlüpften KEF legen schon nach ein bis zwei Tagen 200 bis 400 Eier je Weibchen. Schon Mitte/Ende April sind die Eier in den Weibchen entwickelt; als erste Wirtspflanzen zu diesem frühen Zeitpunkt dienen die weißen Mistelfrüchte und die blauen Lonicera-Früchte (Honigbeere).

Laborversuche zur Hitzeverträglichkeit zeigten, dass Temperaturen über 33 °C rasch zu hohen Ausfallraten führen, wobei ältere Weibchen stärker leiden als jüngere. Die wenigen Überlebenden können aber unter günstigen Bedingungen erneut fertile Eier legen.

Als nächstes Forschungsziel gilt es, attraktive Lockstoffe aus Pflanzen zu finden – als hoch attraktiv gelten bislang Himbeere, Brombeere und Holunder. Auch abschreckende Stoffe und natürliche Fraßgifte werden gesucht.

Erkenntnisse aus Südtirol

Nachdem 2009 in Südtirol an Süßkirschen die ersten KEF auftraten, begann 2010 das Monotoring. Die Beobachtungen der letzten fünf Jahre ergaben, dass Schäden meist erst nach Ende Juni eintreten und dass das Ausmaß stark von der Jahreswitterung abhängt. Aus den Versuchsauswertungen dieser Jahre zog Dr. Roland Zelger folgendes Fazit: Wie rasch sich die Population aufbaut, hängt ab von der Zahl den Winter Überlebender. Hauptüberwinterungsort scheinen Waldrandlagen zu sein, in Obstanlagen stellten die Wissenschaftler bislang kaum überwinternde Adulte fest. Wie sesshaft die Populationen sind (wichtig bei Resistenzentwicklungen) und wie der Zu- bzw. Abflug bei den Überwinterungsplätzen erfolgt, ist noch weitgehend unbekannt. Dies exakt zu wissen, ist ein Schlüsselpunkt für die weiteren Bekämpfungserfolge und wird in der neuen Saison verstärkt erforscht. Auch die bisherigen Versuche mit verschiedenen chemischen und natürlichen Wirkstoffen lassen aus Südtiroler Sicht das Fazit zu: „Wir sind der KEF nicht chancenlos ausgeliefert“

Erfahrungen in Österreich

In Österreich traten im September 2011 die ersten KEF in Tirol auf. Die Forschung hat sich verstärkt mit der Fallenqualität befasst und dabei auch Konzepte entwickelt, wie sich die Fallen einfach und rasch handhaben lassen. Fallen können die KEF zwar nicht sicher in Schach halten, sind aber ein wichtiges Mittel, um das erste Auftreten zu dokumentieren – über den Befallsverlauf sagen sie nicht immer etwas aus, da die Frucht oft attraktiver als die Falle ist. Zu Art und Inhalt der besten Falle waren die verschiedenen Versuchsergebnisse nicht einheitlich. Insgesamt zeigten aber einfache, selbst gebaute Fallen gleich gute oder bessere Ergebnisse als teure Handelsmodelle. Grundsätzlich gilt, dass sie im Schatten hängen müssen, idealerweise in der Fruchtzone.

Bekämpfungsstudien in der Schweiz

Auch in der Schweiz gab es 2011 erste KEF-Fänge, 2012 begann das landesweite Monitoring. Zum 1. Januar 2016 wurde eine Task Force gegründet, die Bekämpfungsstrategien entwickeln und prüfen will. Beteiligt sind u.a. die Kantone, die Forschungsanstalt Agroscope, die Forschungseinrichtung zur biologischen Landwirtschaft FiBL und der Schweizerische Obstverband SOV. Bekämpfungsansätze, die bisher untersucht und weiter verfolgt werden, sind Schutznetze, der chemische Pflanzenschutz, Köderverfahren (Fallen), Hygienemaßnahmen und natürliche Bekämpfungssubstanzen wie Löschkalk oder Kaolin. Bislang gelten Netze eindeutig als wirksamster Schutz, sofern sie frühzeitig hängen, dicht schließen und auch bei der Ernte gut geschlossen bleiben.

Ökoanbaustudien in der Schweiz

Im Bioanbau verfügbare Insektizide, natürliche Abwehrmittel, Sortenresistenz, Fallen, Lockstoffe und die Lebens- bzw. Ausbreitungsgewohnheiten der KEF prüft das FiBL-Forscherteam, um der Praxis kurzfristig umsetzbare Lösungswege anbieten zu können. Das umfangreiche Monitoring zum Flugverhalten hat gezeigt, dass die Fliegen zwischen Obstkulturen und benachbarten Hecken, Waldrändern und Gärten flexibel hin- und herwechseln. Gegenspieler zu finden und in den bevorzugten Rückzugsgebieten den KEF-Bestand möglichst klein zu halten, sind primäre Forschungsziele.

Folgen für die Honigbiene

Der eingeschleppte Schädling macht Bienen indirekt zu schaffen, weil etliche der Gegenmaßnahmen ihr Nahrungsangebot begrenzen, etwa wenn die Bestände eingenetzt sind, häufiger gemäht wird  oder gar Rodungen von wilden Wirtspflanzen erfolgen. Hauptproblem ist aber, dass viele der gegen die KEF wirksamen Insektizide Bienen schädigen. Dies lässt sich teilweise verhindern, wenn man die Lebensweise genau kennt und weiß, wann Bienen Obstbestände aufsuchen: außer zur Blütezeit ab 12 °C lockt auch Honigtau von Blattläusen und der hoch zuckerhaltige Saft der extrafloralen Nektarien an Steinobst-Blattstielen Bienen an. Zudem sammeln sie in Obstanlagen Wasser (Tau) und Baumknospenharz für Propolis. Normalerweise ist Fruchtsaft nicht zuckerreich genug, um Bienen anzulocken. Bei trocken-heißer Witterung kann er in verletztem Obst aber aufkonzentrieren – ab 25 % Zuckergehalt zieht solches Obst Bienen in den Bestand.

Versuche im Qualitätsmanagement

In der Obstregion Mittelbaden, in der Fachberater Markus Litterst der OGM Oberkirch auch zahlreiche Anbauversuche durchführt, sind die Rahmenbedingungen für die KEF ideal. Der Ernteverlust 2014 wurde auf 3 Mio. € geschätzt, nicht eingerechnet der Imageschaden und Vertrauensverlust beim Verbraucher.

Versuche zur Volleinnetzung bei Blaubeeren (Spätsorte `Aurora´) ergaben gute Erkenntnisse zu den kritischen Punkten: das Handhaben der Netzschleuse, das Kleinklima unter engmaschiger Volleinnetzung, Reifeverzögerung bis zu sieben Tage, Hagellast, Sturmeinwirkung, Landschaftsbild und Kostenfaktor.

Vorgehen im Weinbau

Die Weintraube, besonders rote Sorten, ist ebenfalls eine begehrte Wirtspflanze. Bei geringem Befall und sofortiger Lese ist die Ernte verwertbar, da minimale Fäulnis nichts ausmacht, wohl aber deutlicher Essigstich, der rasch einsetzt, sofern nicht sofort nach Befall geerntet wird. Bislang sind Freistellen der Traubenzone sowie Entfernen und Vernichten befallener Beeren praktikabler als teure Netze, Massenfang oder Löschkalk und Kaolin. Gute Bestandsführung, Überwachung und sofortige „Turbolese“ bei erstem Auftreten sind wichtige Bestandteile der Vorgehensweise im Weinbau.

>Beratungsstand im Steinobstanbau

Bis zu 40 KEF-Larven in späten Zwetschgensorten wie `Presenta´ machen deutlich, dass nicht nur Trauben im Herbst begehrte Wirtsfrüchte sind. Neben den Blüten locken beim Steinobst auch die extrafloralen Nektarien an den Blattstielen von Kirschen Bienen in den Bestand und machen es schwierig, dann gegen die KEF wirksame chemische Pflanzenschutzmittel einzusetzen. Schutznetze sind teuer und beim Steinobst nicht immer rentabel. Zudem verursachen sie bei Süßkirschen durch das geänderte Bestandsklima bis dahin kaum bekannte Probleme mit Mehltau und Spinnmilben; auch die Knospenqualität leidet. Die nötige Bestandshygiene verursacht so hohe Arbeitskosten, dass die Rentabilität der Kultur in Frage gestellt sein kann.

Einnetzung im Beerenanbau

Wöchentliches Auszählen der Fallenfänge von Ende Mai bis Ende September 2015 in und außerhalb von vier eingenetzten Obstanlagen gaben Aufschluss über die Effizienz von Schutznetzen bei Süßkirschen, Pflaumen, Brombeeren, Sommer- und Herbsthimbeeren. Einzig im Brombeerbestand in Waldnähe traten trotz Volleinnetzung und Spritzung im Verlauf der Ernte immer mehr KEF auf: gegen Ernteende bis zu vier Eier pro Frucht. Die daneben stehenden, nicht eingenetzten Herbsthimbeeren enthielten zeitgleich bis zu 14 Eier pro Frucht.

Einnetzung im Bio-Kirschenanbau

Volleinnetzung erfolgte im über 100 ha großen Obstbaubetrieb schon vor mehreren Jahren, um im 12 ha umfassenden, großteils biologischen Süßkirschen-Anbau der Kirschfruchtfliege zu entgehen. Mit etwas engmaschigeren Netzen ließ sich dann auch die KEF erfolgreich ausschließen. Die hohen Kosten amortisieren sich bei hochpreisigen Kulturen wie Süßkirschen, Erdbeeren oder Himbeeren im Bioanbau, selbst wenn die Ernte wie im Betrieb Roth komplett über den Großhandel (BayWa-WOG) vermarktet wird.

Dr. Helga Buchter-Weisbrodt

Wirtspflanzen der KEF

Erwerbsobstarten:Blaubeere, Brombeere, Erdbeere, Himbeere, Johannisbeere, Kulturholunder, Stachelbeere, Tafeltraube; Aprikose, Mirabelle, Nektarine, Pfirsich, Pflaume, Sauerkirsche, Süßkirsche

Seltene/exotische Obstarten: Feige, Kaki, Kiwi, Kornelkirsche, Minikiwi, Pawpaw, Wollmispel

Wildobstarten: Aronia, Mahonie, Myrobalane, Sanddorn, Schlehe, Waldheidelbeere

Wild- und Gartenpflanzen: Ackerkratzbeere, Cotoneaster, Efeu, Eibe, Faulbaum, Hartriegel, Heckenkirsche, Kermesbeere, Kirschlorbeer, Maulbeere, Mistel, Roter Holunder, Schneebeere, Schwarzer Nachtschatten, Tollkirsche, Traubenkirsche

Bisher kein Nachweis: Einbeere, Hagebutte, Liguster, Maiglöckchen, Schneeball, Stechpalme, Weißdorn, Wilder Wein, Zaunrübe