02.10.2019

„Klima2 Go - Perspektiven für den Gartenbau” - Deutscher Gartenbautag 2019

Zum Thema “Klima2 Go – Perspektiven für den Gartenau” lud der Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) in diesem Jahr vom 5. bis 7. September zum Deutschen Gartenbautag 2019 nach Neckarsulm ein. Zusammen haben sich Fachreferenten und Interessierte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über die Folgen des Klimawandels und mögliche Klimaanpassungen im Gartenbau ausgetauscht.

An der Vortragsveranstaltung nahmen auch (v.r.) der Präsident des Zentralverbandes Gartenbau e.V., Jürgen Mertz, die Blumenfee, Lea Ehlers, und der Vizepräsident, Hartmut Weimann, teil
Foto: Gugenhan

Auf was sollen wir uns einstellen? Wie können die gärtnerischen Betriebe reagieren? Zur Klärung dieser Zukunftsfragen wurde das Programm der öffentlichen Mitgliederversammlung des ZVG am 6. September 2019 gestaltet.

Zum Auftakt der Vortragsreihe und Podiumsdiskussion verwies Jürgen Mertz Präsident der ZVG auf die Wetterextreme der vergangenen Jahre. Die Branche müsse sich mit neuen Lösungen auseinandersetzen, denn „Die alten Rezepte greifen nicht mehr“.

Meteorologe und Buchautor Frank Böttcher stimmte die Anwesenden zu Beginn der Vortragsreihe mit Videoaufzeichnungen von Unwettern der letzten Jahre auf das Thema ein. Gezeigt wurde eine Bandbreite von zerstörerischen Wirbelstürmen, verheerenden Überschwemmungen und Sturzfluten. Nicht immer werden solche Extremwetter rechtzeitig vorhergesagt, die Bevölkerung ist ihnen unvorbereitet und machtlos ausgesetzt. Frank Böttcher erklärte, die Sicherheit von Wettervorhersagen hänge von der Wetterlage ab. Langzeittrends sind wegen ihrer globalen Strukturen erkennbar. So ließ sich der diesjährige trockene und heiße Sommer sehr gut vorhersagen, während Prognosen zu Winterniederschlägen großen Unsicherheiten unterliegen.

Extremwetterereignisse gehen oft auf komplexe Zusammenhänge von Klimaeffekten zurück. Ein Temperaturanstieg während sommerlicher Hitzeperioden führt zu einer höheren Wasserverdunstungsrate, welche wiederum Starkregenereignisse zur Folge hat. Diese Niederschlagsereignisse treten oft partiell, d.h. kleinräumig, auf. Der Deutsche Wetterdienst kann diese Kleinräume, welche von einem erhöhten Risiko für Starkregen betroffen sind, identifizieren. Oft sind es geographische Gegebenheiten wie Gebirgszüge, welche zusätzliche Niederschläge im Alpenvorland, im Erzgebirge oder auch im Harz begünstigen.

Das wärmste Jahrzehnt

Klimaveränderungen sind im Gegensatz zu Wetterveränderungen nicht unmittelbar zu bemerken, da sie auf Wetter-Statistiken mehrerer Orte und langen Beobachtungszeiträumen beruhen. Der Zeitraum 2001 bis 2010 war laut Böttcher das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Wetterbeobachtungen. Die letzten Jahre deuten darauf hin, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens von 2016 in jedem Fall ausgereizt wird. In Deutschland nehmen neben der Jahresmitteltemperatur die Anzahl Sommertage zu, während die Anzahl Frosttage im Winter deutlich zurückgehen wird. Als Anpassung an die klimatischen Veränderungen bleibt nur die Schadensprävention. So müssen zukünftig wirkungsverstärkende Kumulationseffekte auf Grundstücken, in Städten und auf landwirtschaftlichen Flächen durch ein angepasstes Risikomanagement vermieden werden. Die Fließwege des Wassers müssen abgeschätzt und Investitionen in Wasserleit- und Drainagesysteme sowie Lösungen zur Dachentwässerung getätigt werden. Hanglagen müssen gesichert und vor Erosion geschützt werden. Zur Minderung der städtischen Überhitzung in den Sommermonaten sollte dem urbanen Gartenbau zukünftig ein höherer Stellenwert beigemessen werden, denn zum Beispiel Fassadenbegrünungen wirken abkühlend und steigern gleichzeitig die Energieeffizienz von Gebäuden.

Die Folgen für Schaderreger...

Anschließend ging Dr. Ute Vogler, Leiterin des Fachinstituts für Gartenbau und Forst am Julius Kühn-Institut (JKI), auf die Folgen des Klimawandels für das Schaderregerauftreten und den Pflanzenschutz ein. Die Schadorganismen verbreiten sich zunehmend in geografisch neue Gebiete, passen sich an neue klimatische Bedingungen an und finden auf Grund der verlängerten Vegetationsperiode im Jahr beste Entwicklungsbedingungen, welche wiederum deren Populationsdynamik erhöht. Beispielsweise treten Gemüsefliegen wie die Möhrenfliege in der Schweiz seit Anfang der 1990er-Jahre mit drei statt zwei Generationen auf. Einige Schädlinge wie die Kohlmottenschildlaus, der Rapsglanzkäfer und die Kleine Kohlfliege sind in vielen Kulturen nicht mehr ausreichend kontrollierbar. Besonders Regionen mit einer hohen Anbaukonzentration für Gemüsekulturen weisen einen erhöhten Befallsdruck auf.

... und den Pflanzenschutz

Bisherige Pflanzenschutzstrategien sind unter den zunehmend schwierigen Rahmenbedingungen kaum noch umsetzbar. Hierunter fallen die Restriktionen für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und das zunehmende Auftreten von Krankheiten mit resistenten Pathotypen wie z.B. bei der Samtfleckenkrankheit an Tomaten. Hinzu kommt, dass Hitze, Trockenheit und Starkregen zu veränderten Anwendungszeiträumen für Pflanzenschutzmittel sowie einer veränderten Mittelwirksamkeit führen. Beispielsweise können Regenereignisse die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln durch Abwaschung vermindern. Zusätzlich senken hohe Temperaturen die Wirksamkeit der Mittel mit niedriger Temperaturstabilität und die Wirkstoffe, deren obere Wirkungsgrenze bei 35 °C liegt, z.B. Öle, erfassen die versteckt sitzenden Schädlinge an den Blattunterseiten oft nicht vollständig.

Um die Praktiker bei der Adaption ihrer Anbauverfahren an den Klimawandel zu unterstützen, erarbeitet das Julius Kühn-Institut in mehreren Projekten Pflanzenschutzstrategien zur Klimaanpassung. Im Jahr 2018 wurde am JKI - Fachinstitut für Strategien und Folgenabschätzung eine Stabstelle für Klimaanpassung eingerichtet, welche die Forschungsaktivitäten innerhalb des JKI's sowie mit anderen Forschungsinstitutionen, Behörden und Akteuren vernetzt.

Online-System und Anbauoptimierung

Dr. Vogler stellte anschließend einige dieser Klimaprojekte vor. Das Verbundprojekt "EMRA - Wissen was kommt, bevor es kommt" entwickelt in Zusammenarbeit mit Testbetrieben aus dem Ackerbau und Apfelanbau ein Online-System zum Extremwettermonitoring und zur Risikoabschätzung, welches Landwirte und Berater beim Management von Extremwetterereignissen unterstützen soll.
Ein weiteres Verbundprojekt, “OptAKlim - Optimierung von Anbaustrategien zur Klimaanpassung”, erarbeitet in enger Vernetzung mit der Praxis praktikable Lösungen, um Anbauverfahren und -strategien an den Klimawandel anzupassen und die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Hierbei werden Synergien und Zielkonflikte zu anderen Nachhaltigkeitszielen berücksichtigt und die Analysen auf Landschaftsebene, in drei Modellregionen durchgeführt.

Doch auch in die Optimierung vorhandener alternativer Pflanzenschutzmaßnahmen wird weitere Forschungsarbeit gesteckt. Dazu gehört die Optimierung von einzelnen Bekämpfungsmaßnahmen wie der Einsatz von Kulturschutznetzen und die Optimierung von Untersaaten im Freilandgemüsebau. In einem europäischen Verbundprojekt werden einzelne Komponenten zur Bekämpfung von Gemüsefliegen untersucht. Dabei werden Maßnahmen wie der Einsatz von Fangpflanzen, Duftstoffen zur Schädlingsverwirrung und biologischen Pflanzenschutzmitteln auf Basis entomopathogener Nematoden und Pilzen getestet und miteinander kombiniert, um einen ganzheitlichen Bekämpfungsansatz zu entwickeln.

Auch Gewächshauskulturen betroffen

Doch nicht nur Freilandkulturen sind von Klimaveränderungen und ihren Auswirkungen betroffen. Im Anbau von Gewächshauskulturen treten neue Schädlinge auf, wie zum Beispiel die Tomatenrostmilbe. Dieser nur schwer erkennbare Schädling ist in der Regel dann sichtbar, wenn der Schaden bereits vorhanden ist. Hier wird eine Monitoringmethode entwickelt, die es erlaubt, den Schädling bereits früher im Bestand zu erkennen. Neben der Entwicklung von Monitoringmethoden spielt auch die Entwicklung neuer Wirkstoffe eine große Rolle. Zur Bekämpfung der Tomatenminiermotte war das JKI Fachinstitut für Biologischen Pflanzenschutz an der Entwicklung eines Viruspräparates beteiligt.  
Dr. Ute Vogler fasste zusammen, dass das Schädlingsmonitoring und vorbeugende Pflanzenschutzmaßnahmen zukünftig noch mehr an Bedeutung gewinnen werden. Hierzu zählen zum Beispiel die Sortenwahl, der Einsatz von Untersaaten, Gründüngung und schonende Bodenbearbeitung zum Erhalt der Bodenqualität sowie eine angepasste Fruchtfolge und die Einhaltung von Anbaupausen, auch im Gewächshaus.

Die Folgen für die Bewässerung...

Zum Thema „Folgen des Klimawandels auf die Bewässerung im Freilandgemüsebau“ stellte Dr. Jana Zinkernagel von der HS Geisenheim University Szenarien der Wasserversorgung im Freilandgemüsebau vor. Ausgehend von verschiedenen Simulationsmodellen lassen sich für die Niederschlagsverteilung der nächsten 30 Jahre Wettertrends erkennen. Demnach werden Sommerniederschläge abnehmen, während Winterniederschläge und Trockenperioden zunehmen werden. Die Ausprägung dieser Trends unterliegt bundesweit regionalen Schwankungen und auch die kulturspezifischen Folgen sind unterschiedlich. Frühe Aussaaten wie beispielsweise im Zwiebelanbau könnten jedoch von den Winterniederschlägen profitieren. Bei vielen anderen Gemüsekulturen kann Wassermangel jedoch zu Ertragsreduktionen bis hin zu Totalausfällen führen. Laut Dr. Zinkernagel muss die Ressourcennutzung zukünftig noch effizienter werden, indem Bewässerungsmengen, Bewässerungszeitpunkte und Ausbringungsverfahren angepasst werden. Desweiteren müssen die Wasserrechte geklärt werden: Reicht die gesetzlich vorgegebene Verfügbarkeit von Bewässerungsmengen aus? Wer hat nach den Privathaushalten Vorrecht auf die limitierten Wasservorräte, die Industrie oder die Landwirtschaft? Wo steht der Gartenbau in der Prioritätenliste für Wassernutzung?

... und in entfernten Anzuchtgebieten

Im Anschluss berichtete Thomas Bousart vom Züchtungsunternehmen Dümmen Orange von den Klimafolgen an den Produktionsstandorten für Chrysanthemen und Weihnachtssternen, welche in Zentralafrika liegen. Diese Länder sind deutlich vom Klimawandel betroffen. Dies äußert sich durch einen erhöhten Schädlingsdruck, ausbleibende Regenfälle und Schwierigkeiten in der Wasserversorgung. Insbesondere die Schädlingsproblematik kann durch die globalen Handelsströme Schwierigkeiten in der gesamten Wertschöpfungskette bereiten, wie der Fall der Weißen Fliege im Gewächshaus zeigt. Seit 2006 kommt der Schädling in Europa vor. Mittlerweile existieren multiresistente Rassen, welche von Pflanzenschutzmitteln nicht mehr erfasst werden.
Globale Warenströme bleiben erhalten

Ableitend davon lassen sich bereits jetzt Transformationsprozesse in der gesamten Zierpflanzenbranche absehen. Die globalen Warenströme und ganze Wertschöpfungsketten werden sich laut Bousart auf lange Sicht verändern. Noch sei dieser Trend nicht merklich nachweisbar, doch die Konsumenten entwickeln schon jetzt ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Besonders die jüngere Generation von Konsumenten ist gut informiert und wird ein Umdenken hin zur nachhaltigen Zierpflanzenproduktion anstoßen und Aspekte wie CO2-Bilanzen, Pflanzenschutzmitteleinsatz, Verpackungen, Umweltschutz, fairen Handel und Wasserknappheit in ihren Kaufentscheidungen berücksichtigen.

Zu den aktuell von Dümmen Orange fokussierten unternehmerischen Zielen zählen die Einsparung von bis zu 70 % Pflanzenschutzmittel bei der Produktion von Chrysanthemen und Weihnachtssternen, der Einsatz innovativer Bewurzelungsstrategien sowie effizientere GVO-freie Züchtungsverfahren, welche in dem für 2020 geplanten "Breeding Technology Center" umgesetzt werden sollen. Ziel ist es, in den nächsten zehn Jahren neue Produkte auf den Markt zu bringen, welche Resistenzeigenschaften (z.B. Rostresistenz von Chrysanthemen) und höhere Ertragsleistungen aufweisen. Desweiteren wird an einer nachhaltigeren Produktionsweise gefeilt und das Sortiment durch u.a. Sukkulenten erweitert.
Die Branche wird sich neu erfinden müssen, um den Ansprüchen der jüngeren Generationen entsprechen zu können. Dachbegrünungskonzepte und urbane Gärten werden laut Bousart die Zukunft sein. Solche Themen weiter voranzutreiben wird Aufgabe der Verbände sein.

Nach der anschließenden Podiumsdiskussion fasste ZVG-Präsident Jürgen Merz die Kernaussagen zusammen und schloss die Vortragsveranstaltung mit einem persönlichen Statement. Laut Jürgen Merz muss sich der Gartenbau auf Klimaveränderungen einstellen. In Anpassung an den Klimawandel sollte vor allem die Züchtung eine herausragende Rolle spielen. Außerdem betonte er, dass dem urbanen Gartenbau zukünftig ein höherer Stellenwert beigemessen werden sollte, indem beispielsweise Versiegelungsflächen durch urbanes Grün kompensiert werden.

Madeleine Paap, JKI - Institut für Strategien und Folgenabschätzung; Dr. Ute Vogler, JKI – Institut für Pflanzenschutz in Gartenbau und Forst


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Ausgabe 08/2019

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

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