08.01.2020

Maximale Qualität statt maximalem Ertrag

Die Erträge in der Apfelernte liegen auf dem Obsthof Bernhard in Kressbronn am Bodensee bei rund 35t/ha. Da wäre viel Spielraum nach oben – doch Familie Bernhard setzt auf außergewöhnliche Sorten und optimale Qualität, was sich bei der genossenschaftlichen Vermarktung wie auch im eigenen Hofladen auszahlt.

Erntezeit - Familie Bernhard setzt hier auf Qualität und weniger auf maximale Erträge
Foto: Brudermann

„Die Entlaubungstechnik wird sich im Obstbau in den nächsten Jahren stark ausbreiten“, ist Hubert Bernhard überzeugt. Gerade in diesem Jahr hat er für den eigenen Betrieb ein Entlaubungsgerät angeschafft und erste – überwiegend positive – Erfahrungen gesammelt. Das Entlaubungsgerät fährt relativ nah an den Baumkronen entlang, mehrere Düsen stoßen einen pulsierenden Luftstrom aus, der die Blätter zerbricht, nur deren Gerippe übrig lässt. Der Weg der Sonnenstrahlen zu den Äpfeln ist frei, was sich günstig auf die Ausfärbung auswirkt, und der Blick der Erntehelfer zu den Äpfeln ist auch frei, was sich günstig auf die Pflückleistung auswirkt. Die entscheidenden Einstellungsmöglichkeiten des Entlaubers sind der Abstand zum Baum, die Pulsfrequenz des Luftstroms und der Zeitpunkt der Anwendung. Der Druck ist mit rund 1 bar konstant. Jede Apfelsorte reagiert unterschiedlich auf den pulsierenden Luftstrom. „In dieser Saison war ich damit beschäftigt, für jede Apfelsorte die optimalen Werte herauszufinden – die Zielrichtung ist, dass je nach Sorte rund 40 % der gesamten Laubfläche entfernt wird und die Äpfel dabei natürlich unbeschadet bleiben“, erklärt Hubert Bernhard. Grob geschätzt verursacht der Entlauber inklusive Arbeitszeit, Energieverbrauch und Abschreibung Kosten in Höhe von rund 400 €/ha. Hubert Bernhards Erfahrung lautet: „Diese Kosten sind allein durch die Zeitersparnis bei der Ernte wieder eingefahren. Zusätzlicher Gewinn entsteht durch die bessere Ausfärbung.“Die Lagereigenschaften der diesjährigen Ernte will Hubert Bernhard besonders im Auge behalten. „Noch gibt es keine Erfahrungswerte, ob sich die Entlaubung und die damit verbundene bessere Ausfärbung auf die Lagerfähigkeit der Äpfel auswirkt“, gibt der Betriebsleiter zu bedenken.Differenzieren, welche Technik passtBei einer Apfel-Produktionsfläche von insgesamt 55 ha lohnt sich ein eigenes Entlaubungsgerät – doch nicht jede technische Innovation, für die Hubert Bernhard sich begeistern kann, ist seiner Betriebsgröße und -struktur angemessen. „Schlepper, die autonom durch die Anlagen fahren, faszinieren mich – doch messen meine Schläge meist nicht mehr als ein Hektar am Stück, da kann ich die Zeit nicht sinnvoll nutzen, die der Schlepper ohne mich zurechtkommt“, nennt er ein Beispiel. Auch die Schädlingserkennung im Bestand via App hat ihren Reiz, doch befindet sich diese Technik noch sehr im Anfangsstadium – etliche Details sind noch ausbaufähig, die Anschaffungskosten sind noch unverhältnismäßig hoch. Auch die Dokumentation von Arbeitsvorgängen erledigt Hubert Bernhard bislang noch im Notizbuch; die Daten werden dann später in den Computer übertragen. „Eine App, mit der ich die Arbeitsvorgänge, Spritzmitteleinsätze und dergleichen direkt auf dem Feld im Smartphone dokumentieren könnte, fände ich ausgesprochen praktisch – doch alle Apps, die mir bisher begegnet sind, waren dermaßen kompliziert, dass ich noch bei Zettel und Bleistift geblieben bin“, gibt er zu.Damit der experimentierfreudige Betriebsleiter sich beim Ausprobieren verschiedener neuer technischer Möglichkeiten nicht auf den Rahmen der eigenen Anbauflächen beschränken muss, ist er seit etlichen Jahren Vorsitzender des Maschinenrings Tettnang. Hier ist die Zusammenarbeit eng zwischen Vorstand, Geschäftsführung und diversen Agrartechnik-Anbietern. Innovationen, bei denen noch fraglich ist, ob sie sich für eine gemeinschaftliche Nutzung im Rahmen des Maschinenrings eignen, probiert Hubert Bernhard gern auf dem eigenen Betrieb aus. Er berichtet: „Bei neuen Geräten darf man sich nicht so schnell entmutigen lassen. Man muss sich gründlich in die Bedienungsanleitung einlesen; man braucht ein technisches Grundverständnis und eine Freude daran, verschiedene Einstellungen auszuprobieren – nur dann kann man eine fundierte Einschätzung geben, unter welchen Voraussetzungen sich ein neues Gerät sinnvoll einsetzen lässt.“ Geräte selber testenVerschiedene Spritzgeräte mit unterschiedlichen Systemen zur Abdriftminderung und automatischer Ausschaltautomatik bei Lücken im Bestand hat er auf seinen Flächen getestet, sowie auch verschiedene Geräte für den mechanischen Baumschnitt. Hierfür kommen drei verschiedene Systeme in Frage – Messerbalken, Schlagmesser und Kreissägen. Hubert Bernhard ist überzeugt, dass Schlagmesser für seine Bestände am besten geeignet sind. Er begründet: „Bei diesem System gibt es kaum Verschleiß und da die Schlagmesser keine geraden Schnittkanten hinterlassen, treiben die Bäume nach dem Schnitt weniger stark aus.“Die Freude am Ausprobieren, der Erkenntnisgewinn für den eigenen Betrieb und der Nutzen für alle Mitglieder des Maschinenrings ergänzen sich. Nicht zuletzt profitieren auch die Technik-Hersteller, die nach der Rückmeldung eines Praktikers einem Prototypen noch den letzten Schliff geben können, bevor die Serienproduktion startet.Junge Generation mit im Betrieb„Mich hat die Arbeit im Obstbau schon immer sehr interessiert“, erzählt Sina Bernhard. Die 19jährige Tochter des Betriebsleiters hat in diesem Jahr ihre Ausbildung zur Gärtnerin (Fachrichtung Obstbau) abgeschlossen und ist seit August 2019 fest am elterlichen Betrieb angestellt. „Es ist noch ganz frisch, dass Sina mitarbeitet. Wie wir die Aufgabenbereiche genau aufteilen, steht noch gar nicht fest“, sagt Hubert Bernhard. Was sich jedoch schon jetzt eindeutig abzeichnet: Betriebsleiterin Sybille Bernhard hat in Büro und Hofladen ihre Kernkompetenz, Sina und Hubert Bernhard sind diejenigen, die mit Begeisterung in den Obstanlagen unterwegs sind. Und Lena Bernhard (21) hat sich beruflich anders orientiert, sie absolviert derzeit eine Ausbildung am Landratsamt.„Ich hatte sehr spannende Ausbildungsbetriebe – ein Jahr war ich beim Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee, ein Jahr auf einem Obstbaubetrieb. Da mein Vater so gut wie jede technische Neuerung früher oder später ausprobiert hat, gab es kaum etwas, das ich auswärts gesehen und daheim einbringen konnte,“ berichtet Sina Bernhard, „doch ich fand es sehr spannend, verschiedene Betriebe kennenzulernen und zu sehen: Es kann auch ganz anders funktionieren als bei uns daheim, beispielsweise ohne Hagelschutznetze, mit höherem Anbaurisiko, aber dafür wenig Investitionen.“Große Fläche unter HagelschutzAuf dem Obsthof Bernhard ist die gesamte Obstfläche von rund 50 ha unter Hagelschutznetzen. Größtenteils ist auch eine Tropfbewässerung installiert, welche die Bäume vor Trockenheit, aber nicht vor Spätfrost schützen kann. Die Schläuche sind unterirdisch verlegt, damit sie bei der mechanischen Unkrautbekämpfung nicht stören.Die Böden am Standort in Kressbronn sind leicht, teils mit hohem Kiesanteil; überwiegend handelt es sich um Nachbauflächen. „In aller Regel ist der Nachbau bei uns kein Problem“, weiß Sina Bernhard, „die leichten Böden und die optimale Wasserversorgung durch 1 200 ml Niederschlag im Jahr und die ergänzende Tropfbewässerung fördern das Wachstum. Auf Nachbauflächen pflanzen wir zudem in zuvor angelegte Komposthügel, diese verbessern die Startbedingungen für die jungen Bäume.“ Hubert Bernhard ergänzt: „ Die gut durchlüfteten und dabei dennoch gut mit Wasser versorgten Böden fördern das vegetative Wachstum der Bäume manchmal fast mehr, als uns lieb ist.“ Der DaVor-BaumBewährt hat sich auf dem Obsthof Bernhard der DaVor-Baum – eine Erziehungstechnik, bei der der Haupttrieb im 2. Jahr zunächst waagerecht fixiert wird. Im 3. Jahr werden fünf bis sechs Seitentriebe senkrecht nach oben gezogen; hier beginnen dann die Fruchtansätze. Jeder Seitentrieb wird in einer Höhe von 2,20 m gekappt, während andere Erziehungsformen bis 3,20 m hoch werden. Gepflanzt werden die Bäume in der Reihe mit 1,30 m Abstand, zwischen den Reihen beträgt der Abstand 3m. „An Standorten, wo das vegetative Wachstum eher zögerlich ist, würde ich den DaVor-Baum nicht empfehlen – für unsere Böden ist er optimal“, betont Hubert Bernhard.Gute Erfahrungen mit ClubsortenDie Auswahl der Sorten erfolgt in enger Absprache mit der Genossenschaft. Das wichtigste „Geheimrezept“ für Familie Bernhard lautet momentan: „Sorten vermeiden, die in Polen angebaut werden – Polen ist derzeit der härteste Konkurrent für uns.“ Mit Clubsorten wie Kanzi® und Fuji® hat der Betrieb gute Erfahrungen gemacht. Bei diesen wie auch bei anderen zweifarbigen Sorten lässt der Betriebsleiter keinen Arbeitsschritt aus, der die Ausfärbung der Äpfel verbessert – beginnend beim maschinellen Winterschnitt, über die mechanische Blütenausdünnung im Frühjahr bis zur Entlaubung vor der Ernte. Ob sich zusätzlich ein Sommerschnitt lohnt, wird im Einzelfall abgewägt. „Unsere Erträge liegen eher bei 35 t als bei 100 t/ha – optimale Qualität bei passabler Erntemenge zahlt sich für uns betriebswirtschaftlich am besten aus“, betont Hubert Bernhard.„Der Obstbau bleibt nie stehen“Für Sina Bernhard ist der elterliche Betrieb ihr persönlicher Traum-Arbeitsplatz. Sie betont: „Ich mag das Vielseitige, das viele Draußensein, und vor allem, dass man bei der Ernte das Ergebnis sieht von dem, was man das ganze Jahr über gehegt und gepflegt hat. Das Tolle am Obstbau ist: Er bleibt nie stehen. Jeder Tag bringt etwas anderes, man muss immer mitdenken und sich was Neues einfallen lassen.“ Die Kehrseite ihrer Begeisterung ist der 19jährigen dabei durchaus bewusst: „Ich habe keinen Plan B“, stellt sie fest. 90 % der bewirtschafteten Flächen liegen in Naturschutzgebieten – sollte das Volksbegehren Artenschutz in Baden-Württemberg umgesetzt werden, hat der Obsthof Bernhard kaum eine Zukunftsperspektive. Deshalb engagiert sich die junge Betriebsnachfolgerin stark für eine Änderung des aktuellen Gesetzesentwurfs – damit Obstbaubetriebe trotz Artenschutz noch gut wirtschaften können. Positives Feedback von VerbrauchernBei regionalen Veranstaltungen steht sie mit gleichaltrigen Berufskollegen an Infoständen und sucht das Gespräch mit den Verbrauchern. Ihre Erfahrung dabei: „Wir bekommen viel positives Feedback dafür, dass wir als junge Obstbauern engagiert auftreten. Genauso gibt es aber auch Verbraucher, die nur ihren Standpunkt vertreten und gar nicht auf unsere Argumente eingehen wollen. Solche Gespräche breche ich dann auch manchmal ab - wenn ich merke, dass es sinnlos wird.“Man darf sich also gemeinsam mit Sina Bernhard und allen anderen Obstproduzenten wünschen, dass die Vernunft siegt – damit die Produktion von Lebensmitteln neben dem Erhalt der Artenvielfalt und vielen anderen wichtigen Themen einen würdigen Platz in unserer Gesellschaft behält.

Katja Brudermann


All Hentai games https://dtsmusic.top/ Foot Fetish