10.02.2017

Mir macht der Obstbau Spaß

Dirk Schwichtenberg bewirtschaftet im Meckenheimer Anbaugebiet einen Obstbaubetrieb und zieht in seiner Baumschule ca. 100 000 Apfel-Knipbäume jährlich an.
Foto: Schwichtenberg

 

Wenn junge Menschen in einem Obstbaubetrieb aufwachsen, ist deren Lebensweg häufig vorgezeichnet, denn der Obstbau ist ein Generationenprojekt und sofern die vorhandene Infrastruktur und die Absatzwege eine Zukunft versprechen, wird der Betrieb meist fortgeführt. Für Dirk Schwichtenberg aus Flerzheim bei Meckenheim war die Situation eine ganz andere, als er mit 16 Jahren eine Ausbildung zum Baumschuler in der Meckenheimer Baumschule Herr begann. Er hatte weder einen elterlichen Obstbaubetrieb noch einen Kapitalgeber im Hintergrund, immer jedoch ein klares Ziel und Konzept vor Augen. Heute bewirtschaftet er eine Fläche von ca. 35 ha Kernobst und 6 ha Baumschule.

An die Anfänge und den Start im Obstbau kann Dirk Schwichtenberg sich noch sehr gut erinnern. Nach dem Abschluss der Ausbildung zum Baumschuler arbeitete er für mehrere Jahre in einem Beeren- und einem Kernobstbetrieb in der Region, parallel startete er im Nebenerwerb mit der Anzucht von Apfelbäumen, die damals schon als Knipbäume angezogen werden. „Wenn Kollegen am Sonntag die Freizeit genossen, war für mich häufig noch Arbeitstag, denn schließlich mussten die notwendigen Pflegearbeiten in der Baumschule erledigt werden“. In zwei Winterhalbjahren absolviert Dirk Schwichtenberg die Ausbildung zum Obstbaumeister und wurde anschließend Betriebsleiter für den Obstanbau im Unternehmen Herr.

1998 übernahm der junge Obstbaumeister dann den Obstbaubereich von Herr mit einer Fläche von 20 ha, weitere Flächen wurden von anderen Obstbaukollegen übernommen. Für Dirk Schwichtenberg war dies gleichzusetzen mit einem kompletten Neustart. Schwichtenberg war klar, dass insbesondere im Bereich der Vermarktung ein neues Konzept erarbeitet werden musste, um eine zukunftsfähige Ausrichtung des Unternehmens erreichen zu können.

Was ist heute daraus erwachsen? Enthusiasmus und Improvisationskraft, Mut und ein klarer Blick nach vorne waren erforderlich, um die ersten Jahre zu meistern. Zunächst stand keine eigene Betriebsstätte zur Verfügung, nur die ehemaligen Räumlichkeiten der Firma Herr konnten angemietet werden, Kühlräume waren nicht vorhanden. Während der Ernte wurde oft bis spät in die Nacht sortiert und ein großer Teil der Ware vermarktet.

Nach wenigen Jahren und langen Verhandlungen mit Genehmigungsbehörden konnte Dirk Schwichtenberg eine eigene Betriebsstätte errichten, zunächst nur eine Halle mit Kühlung sowie einer gebrauchten Sortiermaschine. Es folgte das Wohnhaus und nach der Anpachtung weiterer Flächen die Ausdehnung der Anbauflächen auf heute 35 ha Kernobst sowie ca. 6 ha Baumschule. Ein wesentlicher Teil der Früchte wird heute über Landgard vermarktet. Durch die Aktivitäten der Baumschule stand der Betriebsleiter von Beginn an im intensiven Austausch mit vielen Berufskollegen, darunter auch zahlreichen Direktvermarktern, zu deren Belieferung er einen Handelsbetrieb für die Vermarktung von Früchten ausgliederte.

„Für uns ist es wichtig, dass wir im Anbau nicht nur gute Qualitäten, sondern auch gute Erträge erzielen“, betont Dirk Schwichtenberg. Angebaut wird ausschließlich Kernobst, bei den Äpfeln reicht das Sortenspektrum von `Delbarestival´ über `Gala´, `Elstar´, `Rubinette´, `Wellant´, `Boskoop´, `Jonagold´ und `Pinova´ bis hin zu `Braeburn´. In den letzten Jahren wurden die Vorzüge der höheren Baumformen kennengelernt, mit denen der Obstbauer im Jahr 2015, inklusiv der zweijährigen Anlagen, ein Durchschnittsertrag von 59 t/ha erzielte. Solche Erträge sind nicht in jedem Jahr möglich. Aber „wir versuchen, dass, was wir machen, auch gut zu machen“.

Mit dem Übergang zu höheren Baumformen hat Dirk Schwichtenberg zwei Selbstfahrer zur Optimierung der Ernteabläufe angeschafft. Nach dem Pflücken werden die Früchte nur noch auf ein Band abgelegt, den weiteren Transport und die Ablage in den Großkisten übernimmt die Technik. Der Betriebsleiter hat die Erfahrung gemacht, dass ein bis zwei Jahre vergehen, bis eine solche Technik optimal eingesetzt ist. Nach der Ernte werden die Maschinen als Arbeitsbühnen zur Erledigung von Pflegearbeiten und beim Schnitt eingesetzt. Zur Sicherung regelmäßiger Erträge können 24 ha der betrieblichen Obstbauflächen durch Frostschutzberegnung und Windmaschinen vor Frostschäden geschützt werden.

In Zusammenhang mit der Umstellung auf die höheren Baumformen und die Einbindung neuer Techniken, erkannte Dirk Schwichtenberg, wie wichtig es ist, auch die personelle Struktur des Unternehmens anzupassen und sehr gute Mitarbeiter ganzjährig zu beschäftigen. „Der gesamte Betriebsablauf ist dadurch wesentlich entspannter und ich habe die Freiheit, mich intensiver auch um andere Dinge als die eigentliche Urproduktion zu kümmern“, sagt Dirk Schwichtenberg.

Das Herz des Betriebsleiters schlägt aber weiterhin für die Produktion und während der Saison ist er Tag für Tag in den Obstanlagen, kontrolliert das Schaderregeraufkommen und das Fruchtwachstum, führt Pflanzenschutz- oder Pflegemaßnahmen durch und achtet darauf, dass alle erforderlichen Maßnahmen konsequent und zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt werden.

Trotz aller modernen Techniken, die im Betrieb eingesetzt werden, hat der Obstbauer aus Flerzheim bislang auf die Errichtung von Hagelnetzen verzichtet. Der Betrieb ist nicht arrondiert und die Anbauflächen liegen in einem Umkreis von bis zu 10 km Entfernung zur Hofstelle. Die Ertragsanlagen sind gut versichert, da der Beitrag von allen Flächen, deren Erntemenge über Landgard vermarktet wird, durch die Erzeugerorganisation gefördert wird. Weiter räumt Dirk Schwichtenberg ein, dass die Hagelnetze auch den Einsatz einiger Techniken einschränken und Erträge sowie Qualitäten beeinflussen. Also arbeitet er – zumindest bislang noch – ohne Hagelnetze.

Welche Veränderungen hat es bei den Sorten und Mutanten in den zurückliegenden Jahren gegeben. Hauptsorte im Anbaugebiet ist nach wie vor `Elstar´: „`Elstar´ aus der Region überzeugt im Geschmack und lässt sich dank Smart Fresh gut lagern“. Zur Vermeidung von Alternanz setzt der Betrieb konsequent auf die verschiedenen Maßnahmen zur chemischen Fruchtausdünnung, die Alternanz bleibt so im Rahmen. Nach `Elstar´ folgen als weitere Hauptsorten `Braeburn´, `Gala´, `Boskoop´ und `Pinova´. Bislang sind Clubsorten im Anbau des Betriebes ebenso wie in der Baumschule noch kein großes Thema, ob dies in naher oder weiterer Zukunft so bleiben wird, ist gegenwärtig kaum abschätzbar.

In der Baumschule vermehrt Dirk Schwichtenberg jährlich ca. 100 000 Apfelbäume - aus Handveredlungen aufgeschult - zu Knipbäumen, bislang ausschließlich auf der Unterlage M9. „Wichtig ist, dass die einjährigen Bäume schon in der Baumschule gleichmäßig wachsen, denn nur dann erreichen auch die Knipbäume im Folgejahr eine homogene Qualität. Die jungen Bäume stehen in der Baumschule komplett auf Neuland, neue Flächen werden von einem Nachbarn, der Ackerbau betreibt, zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1992 startete Dirk Schwichtenberg erstmals mit Aufschulung von Apfelbäumen. Die im Laufe von 25 Jahren im Obstanbau gesammelten Erfahrungen haben zur Steigerung der Professionalität und Baumqualität einen wesentlichen Beitrag geleistet.

Wie im Anbau, dominiert die Sorte `Elstar´ auch in der Baumschule. Im vergangenen Herbst konnte Dirk Schwichtenberg erstmals die `Elstar´-Mutante Elmoo als Knipbaum anbieten. „Der Anteil der Rotfärbung ist bei dieser Mutante besser im Vergleich zur Mutante Elshof. `Elstar-Elmoo´ kann in zwei Durchgängen geerntet werden und die Früchte sind auch im Bauminnenbereich typisch rot gefärbt. Habitus, Baumwuchs und Fruchtgröße von `Elstar-Elmoo´ sind `Elstar´-typisch.

Die ältesten Bäume der Mutante Elmoo sind in der Zwischenzeit acht Jahre alt. Entdeckt wurde die Mutante von einem belgischen Obstbauern, der sie inzwischen auf einer Fläche von einigen Hektar anbaut.

„Wir müssen für die Praxis Verbesserungen schaffen“ – so ist Dirk Schwichtenberg zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Mutante Zukunft hat und er sich die europaweiten Rechte Elmoos sicherte. Gegenwärtig läuft der Prozess der Virusfreimachung für diese Mutante. Der Obstbauer und Baumschuler besitzt auch eine Lizenz zur Vermehrung der `Elstar´-Mutante Elrosa, die ebenfalls in zwei Pflückdurchgängen zu ernten ist. Zum weiteren Baumschulsortiment gehören Sorten wie `Delbare´, `Delcorf´, `Gala´, `Boskoop´, `Topaz´, `Jonagored´, die jeweils in ihren wichtigen Mutanten verfügbar sind.

Für Dirk Schwichtenberg ist die Rückmeldung seiner Obstbaumkollegen über die Qualität der gelieferten Bäume ein ganz wichtiger Faktor. Wichtig für ihn ist aber auch, intensiv über den Tellerrand zu schauen und zu erkennen, welche Entwicklungen das Umfeld verändern. So hat er sich gemeinsam mit Obstbaukollegen in Frankreich Geneva-Unterlagen angeschaut.

Vielleicht könnten diese den Standard der M9-Unterlagen einmal in Zukunft ergänzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt für den Obstbaumeister ist aber auch die Offenheit im Dialog mit Obstbaukollegen. So hat er oft Besuchergruppen auf dem Hof und tauscht intensiv Erfahrungen mit Kollegen aus.

Auch wenn „Obstbauer oder Obstbaumschuler zu sein, fasst wie Roulette im Freien ist und man in unserem Bereich ein Stück verrückt sein muss“, hat Dirk Schwichtenberg nie die Liebe zu seinem Beruf verloren. „Mir macht der Obstbau Spaß“. Und für die Nachfolge im Betrieb ist auch gesorgt, Sohn Leon absolviert gerade die Ausbildung zum Obstbauern in einem Betrieb der Region.

Thomas Kühlwetter