13.12.2017

Modernes Apfellager mitten im Berg

Zugegebenermaßen klingt der Ansatz etwas unorthodox, die Umsetzung ist jedoch beeindruckend und im wahrsten Sinne des Wortes „nachhaltig“. Mit ihren 16 Genossenschaften haben Obstbauern aus dem Trentino sich zum Konsortium Melinda zusammengeschlossen und 2010 mit dem Bau eines weltweit wahrscheinlich einzigartigen Lagers für Äpfel, 275 m unter der Oberfläche eines Berges, begonnen. Mit diesem Vorhaben griffen sie eine für unseren Sektor völlig neuartige Idee auf und machten sich die Erfahrungen von Eisproduzenten zu eigen, die ebenfalls die Vorzüge einer gleichbleibend niedrigen Temperatur in der Tiefe eines Berges und die damit verbundene Energieeinsparung beim Kühlen sich schon vor Jahren zu Nutze machten. Im Rahmen einer Fachreise, organisiert durch das Unternehmen De Sangosse, konnte das Projekt vor einigen Monaten besichtigt werden. Doch nun zurück zum Anfang der Geschichte.

Dies ist der Eingang zu einem der wahrscheinlich spektakulärsten Apfellager weltweit, in dem das Konsortium Melinda nach komplettem Ausbau 50 000 t lagern will
Foto: Kühlwetter

 

Auf einer Fläche von ca. 6 500 ha produzieren die über 4 000 Mitglieder der zu Melinda gehörenden Genossenschaften in den Tälern entlang des Flusses Noce ca. 360 000 bis 400 000 t Äpfel jährlich. Mit dieser Menge, die ca. 15 % der jährlichen italienischen Apfelmenge entspricht, ist Melinda ein wichtiger Anbieter im Markt mit über 1 000 Kunden in 33 Ländern. Um für Erzeuger und Kunden einen reibungslosen Ablauf und eine hohe Produktqualität bis ins Verkaufsregal hinein zu gewähren, ist eine straffe Organisation, eine moderne Infrastruktur und ein ausgefeiltes Logistikkonzept erforderlich. So können an fünf Standorten bis zu 1 500 t Äpfel pro Tag verpackt werden, das Konsortium verfügt über eine Kapazität zur Lagerung von über 340 000 Äpfeln in kontrollierter Atmosphäre.

Nach Gründung des Konsortiums 1989 hat das Unternehmen gerade in den letzten Jahren Möglichkeiten für eine Erweiterung des Exports in Augenschein genommen und durch Investitionen in Höhe von 90 Mio. € die erforderliche Infrastruktur geschaffen.

Einer dieser Investitionen galt einem recht außergewöhnlichen Projekt: Der Errichtung eines Kühllagers für Äpfel, 575 m über dem Meeresspiegel und 275 m unter der Erdoberfläche, mitten in einem Berg aus Dolormitgestein. Zur Errichtung des neuen Lagers nutzte Melinda Teile der 15 km langen Tunnel, die in das Felsgestein des Steinbruchs Rio Grande in Mollaro gestemmt worden waren.

Beteiligt an der Verwirklichung dieses Großprojektes mit dem Namen IPOGEO waren u.a. die Unternehmen Longofrigo, ein italienischer Spezialist für die Installation von Industriekühlanlagen sowie das Unternehmen Stefani, das einen industriellen Luftkühler mit Propylenglykol zum Einsatz brachte und für diese Verwendung programmierte. 30 m unterhalb der Lagerräume, die in zwei Ebenen errichtet wurden, liegt ein großes Wasserreservoir mit einer Temperatur von ca. 19 °C. In der Umgebung der Lagerräume herrscht eine über das Jahr vergleichsweise konstante Lufttemperatur von 10 bis 12 °C vor. Zur Temperaturreduzierung in den Lagerräumen wird u.a. das Wasser aus dem Reservoir auf eine Temperatur von 10 °C herabgekühlt und in Leitungen oberhalb der Lagerräume verströmt. Darüber hinaus wird mit Hilfe des Luftkühlers die Temperatur in den Lagerräumen auf ein für die Äpfel angemessenes konstantes Niveau abgesenkt. Von Vorteil ist dabei der geringe Unterschied zwischen der Temperatur des flüssigen Wärmeträgers und der Lufttemperatur.

Das gesamte Kühllager besteht aus drei Teilbereichen. Zwei dieser Bereiche mit insgesamt 23 Kühlzellen und einer Lagerkapazität von ca. 20 000 t Äpfeln sind fertiggestellt. Der erste Bereich ist seit 2014 in Nutzung, der zweite seit 2016. Jede der Kühlzellen ist 11 m hoch, 10 m breit und 25 m tief und bietet Raum für bis zu 2 800 Großkisten. Mit Blick auf die Aspekte Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz erfüllt das Projekt sicher einen Vorbildcharakter. Wenn der komplette Lagerkomplex fertig gestellt ist, sollen fast 30 000 t Lagerkapazität entstehen, die Bausumme beträgt insgesamt ca. 23 Mio. €. Im Vergleich zu konventionellen Lagern konnte die Kühltechnik um ca. 30 % geringer dimensioniert werden, was nicht nur im Bereich der Investition, sondern auch bei Betrieb der Anlage ein deutlicher Vorzug ist. So liegt die Energieeinsparung im Vergleich zu herkömmlichen oberirdischen Lagerhallen bei ca. 65 %, darüber hinaus werden 40 000 kg Kohlendioxid weniger an die Umwelt abgegeben. Tief innen im Berg von Mollaro kostet die Langzeitlagerung von 1 kg Äpfeln ca. 7 Cent.

Vielleicht ist das Apfellager in Mollaro nur eines der positiven Beispiele dafür, welche Möglichkeiten eine geschickte Nutzung von Infrastruktur sowie effizienter Technik in Kombination mit intelligenter Nutzung in Zukunft auch an anderen Stellen noch bieten kann.

Thomas Kühlwetter

 

 


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