13.08.2018

Netze bewähren sich

Demonstrationsvorhaben „Einnetzen von Obstkulturen zum Schutz gegen die Kirschessigfliege“ lädt zum Informations- und Erfahrungsaustausch auf Praxisbetriebe ein

An den Rändern des Vorgewendes hat Bernhard Sterthoff Leitplanken in den Boden gerammt, über diese ein Verspannung gezogen und daran ein engmaschiges Netz fixiert. Wichtig ist ein dichter Abschluss zum Boden hin. Zur Vermeidung von Wildschäden hat Sterthoff zusätzlich einen Wildfangzaun installiert
Foto: Kühlwetter

Seit die Kirschessigfliege (KEF) sich vor einigen Jahren fast flächendeckend in Deutschland und in angrenzenden Ländern etabliert hat, ist das kleine, auf den ersten Anblick so unscheinbar wirkende Insekt, in den Fokus von Obst- und Weinbauern gerückt, denn die Schäden an Früchten sind bei ungehinderter Ausbreitung enorm und reichen bis hin zum völligen Verlust der Ernte. Die Möglichkeit zur chemischen Bekämpfung, die in biologisch geführten Betrieben ausscheidet, stößt auch in integriert geführten Betrieben aufgrund der engen Generationsfolge des Insektes und daraus resultieren häufig erforderlichen Behandlungstermine an ihre Grenzen. Daher werden im internationalen Verbund führender Forschungseinrichtungen diverse Maßnahmen wie der Einsatz von Nützlingen, die Züchtung steriler Männchen oder seit einigen Jahren das Einnetzen der Kulturflächen mit engmaschigen Geweben getestet.

Um dieses Verfahren auf seine Funktionalität zu überprüfen und technisch zu optimieren sowie interessierten Praktikern einen Einblick in die Verfahrensweise zu bieten, wurde unter der Federführung des Bundeslandwirtschaftsministeriums und der Trägerschaft der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) das Demonstrationsvorhaben „Einnetzen von Obstkulturen zum Schutz gegen die KEF“ ins Leben gerufen. Unterstützt durch die Tätigkeit der Pflanzenschutzdienste der Länder wird das Projekt durch das Julius Kühn-Institut (JKI) mit dem Ziel, den Wissenstransfer zu fördern und die Öffentlichkeit aufzuklären, koordiniert. Insgesamt 20 Praxisbetriebe aus Baden-Württemberg, Niedersachsen und NRW sind beteiligt.

Projektleiterin in NRW ist Dr. Silke Benz, Pflanzenschutzdienst der LWK NRW. Sie hatte am 23. Mai auf den Obst- und Gemüsehof Sterthoff nach Wadersloh und am 13. Juni auf den Betrieb Schmitz-Hübsch nach Bornheim-Merten eingeladen, um über die ersten Ergebnisse zu berichten und Erfahrungen mit den angereisten Praktikern, Beratern und Mitarbeitern von Herstellerfirmen auszutauschen.

Betrieb Sterthoff

Bernhard Sterthoff baut in seinem Betrieb in Wadersloh neben klassischen Ackerbau- und Gemüsekulturen auch Zwetschen und Süßkirschen an. In 2016 erzielte Sterthoff unter einer gut 1 ha großen eingenetzten Fläche Vollertrag bei den Süßkirschen, in diesem Jahr variieren sortenspezifisch die Erntemengen ein wenig. Ein ausschlaggebender Aspekt für die Entscheidung von Bernhard Sterthoff zugunsten der Volleinnetzung war es, durch die physische Barriere mit den 0,8 x 0,8 mm eng gewebten Netzen das Schaderregerpotential durch KEF und andere Schadinsekten und zusätzlich die Gefahr durch möglichen Vogelfraß zu begrenzen. Und dieses Ziel, so versichert Sterthoff beim Termin, wurde voll erreicht.

In seinen Überlegungen spielt die Praktikabilität des Verfahrens und die Ökonomie - neben der Tatsache, dass durch die Einnetzung der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gegen die KEF erheblich reduziert werden kann – eine wichtige Rolle, denn bei einer Investition von ca. 100 000 €/ha für Bäume, Bewässerung, Gerüstkonstruktion und Abdeckung ist die Sicherheit der Produktion ein absolut entscheidender Faktor.

Dichter Abschluss zum Boden wichtig

Um eine möglichst gute Durchlüftung unterhalb der Abdeckung zu erzielen, hat Sterthoff sich für ein Schutzsystem der Firma Voen entschieden. Der Bereich der beiden Vorgewende wurde mit engmaschigen Schutznetzen der Firma Hadi überspannt. An den jeweiligen Frontseiten nutzte Sterthoff ausgediente Leitplanken und rammte diese in den Boden, darüber wurde das Netz gespannt. Bei Projekten zur Volleinnetzung werden die seitlichen Abschlüsse zum Boden hin und der Eingangsbereich immer wieder aufgrund möglicher Undichtigkeiten kritisch beobachtet. Im Eingangsbereich hat Bernhard Sterthoff ein Rolltor installiert, das auf Knopfdruck zügig öffnet und schließt, eine Lösung, die bei Dr. Silke Benz und ihren Beraterkollegen der Landwirtschaftskammer ebenso positiven Anklang fand wie bei den angereisten Berufskollegen.

An den Seiten hat der Betriebsleiter zur Optimierung des Schutzverfahrens neben dem Netz einen zusätzlichen Wildfangzaun installiert, um eine mögliche Beschädigung durch Wildtiere zu vermeiden. Auch dieses Verfahren stieß auf ein positives Echo.

Unter dem Schutz der Einnetzung gelang es Bernhard Sterthoff im vergangenen Jahr bis zum Ende der Erntesaison ausgereifte Süßkirschen ohne einen Befall durch KEF zu pflücken, während Berufskollegen im Umfeld ohne den Schutz einer Einnetzung insbesondere am Ende der Saison deutliche Probleme durch Befall mit KEF zu verzeichnen hatten.

Betrieb Schmitz-Hübsch

Roland Schmitz-Hübsch baut in seinem Betrieb neben Äpfeln und Birnen auf einer ca. 2 ha großen Fläche, die durch ein Foliendach der Firma Brändlin geschützt ist, Süßkirschen an. Diese werden vollreif geerntet und über den eigenen Hofladen vermarktet. An den Rändern ist die Anlage durch ein engmaschiges Netz (0,8 x 0,8 mm) gegen das Eindringen von Insekten und Vögeln geschützt. Im Rahmen des Demonstrationsvorhabens wird das Projekt in gleicher Weise durch Dr. Silke Benz betreut, wie im Betrieb von Bernhard Sterthoff. Durch an verschiedenen Stellen installierte Fallen wird die aktuelle Befallssituation durch die KEF, aber auch durch andere Schadinsekten permanent kontrolliert und ausgewertet.

In engem Austausch erfährt der Betriebsleiter, was innerhalb der Einnetzung und außerhalb, im klassischen Freiland los ist und kann selber entscheiden, ob bei steigendem Befallsrisiko möglicherweise eine zusätzliche Behandlung mit einem Pflanzenschutzmittel erforderlich ist. Im vergangenen Jahr konnte Roland Schmitz-Hübsch bis zum Ende der Saison seine Süßkirschen ohne jeglichen Befall durch KEF vermarkten, in diesem Jahr hat er aus Sicherheitsaspekten 14 Tage vor dem Erntebeginn von `Burlat´ einmal Mospilan eingesetzt, denn beim Öffnen des Eingangstores, das auch durch ein engmaschiges Netz geschützt ist, wird die physische Barriere für die KEF und andere Schadinsekten – wenn auch nur für einen kurzen Moment – unterbrochen.

Netz reduziert KEF-Fangzahlen drastisch

„Bisher“, so Roland Schmitz-Hübsch, „haben die Erfahrungen mit der Einnetzung mich absolut überzeugt“. Während im Freiland die Fangzahlen der KEF zum Teil deutlich gestiegen sind, blieben sie innerhalb der geschützten Fläche bei null bzw. auf niedrigem Niveau; ein gleiches Bild wie im Betrieb Sterthoff. Das System ermöglicht neben einem Insektenschutz auch einen Schutz vor Vogelfraß und erlaubt es, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren“.

Diese Aussage kann Dr. Silke Benz nur unterstreichen. In den sechs von ihr betreuten Obstbaubetrieben in Nordrhein-Westfalen, die beteiligt am Demonstrationsvorhaben sind, werden neben Süßkirschen, Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren angebaut. Im Rahmen eines Monitorings untersucht die Mitarbeiterin des Pflanzenschutzdienstes der LWK NRW nicht nur die Wirksamkeit der Einnetzung gegenüber der KEF, sondern auch gegenüber der Kirschfruchtfliege sowie anderen möglichen Schaderregern und Möglichkeiten zum Einsatz von Nützlingen. Regelmäßig werden die Fangzahlen innerhalb und außerhalb der Einnetzung erfasst. Während im Freiland die KEF-Fangzahlen hochschnellen, bleiben sie bei den Süßkirschen innerhalb der Einnetzung oftmals bei null bzw. auf sehr niedrigem Niveau.

Beerenfrüchte sehr gefährdet

„Mit Fortschreiten der Vegetationsperiode steigt die KEF-Population und damit erhöht sich zum Teil auch die Gefahr einer Schädigung der Früchte“. Brombeeren, Blaubeeren und Himbeeren sowie spätreifende Erdbeeren gelten daher in diesem Zeitraum als besonders gefährdet und chemische Bekämpfungsverfahren reichen alleine oftmals nicht mehr aus. Im Resultat führt dies zu einem vorzeitigen Ernteende und zu mitunter deutlichen wirtschaftlichen Einbußen. Unter einer komplett eingenetzten Fläche konnte einer der am Projekt in NRW beteiligten Betriebe im vergangenen Jahr seine Blaubeerernte bis zum Ende der Saison durchführen, während im Freiland schon einige Wochen zuvor eine Ernte der Früchte aufgrund des starken KEF-Befalles nicht mehr möglich war.

Im Rahmen des Demonstrationsvorhabens werden auch die Auswirkungen einer Volleinnetzung auf das Kleinklima innerhalb eines Bestandes untersucht. Im Ergebnis wurde festgestellt, dass durch die Volleinnetzung weder eine bemerkenswerte Veränderung der Temperaturen noch der Luftfeuchtigkeit im Vergleich zu Flächen ohne Volleinnetzung feststellbar war.

Neben den Fragen zur Funktionalität und technischen Umsetzung einer Volleinnetzung wird mit dem Demonstrationsvorhaben aber auch das Ziel verfolgt, die Transparenz zur fördern und eine gesellschaftliche Akzeptanz für die erforderliche Volleinnetzung zu erreichen. Dazu werden den Betrieben Schautafeln zur Verfügung gestellt, die über das Verfahren informieren sowie die Notwendigkeit und Vorzüge einer Volleinnetzung klar herausstellen.

Thomas Kühlwetter


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Ausgabe 12/2018

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

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