13.05.2022

Obstbau: Was ändert sich durch die Umstellung auf Bio?

Zwischen 2016 und 2021 haben sich die Ausgaben der privaten Haushalte für Bio-Lebensmittel und -Getränke mehr als verdoppelt. Das bietet umstellungsbereiten Betrieben beste Möglichkeiten, in die ökologische Obsterzeugung einzusteigen. Bei der Umstellung verändert sich jedoch so einiges.

Alle gängigen Obstkulturen werden in Deutschland auch im Öko-Landbau angebaut. Die Obstart mit der größten Öko-Fläche ist der Apfel (2019: 6.700 Hektar), gefolgt von den Strauchbeeren, die 2019 auf rund 3.000 Hektar standen. Rund ein Drittel aller in Deutschland angebauten Strauchbeeren werden inzwischen ökologisch erzeugt. Bei Äpfeln sind es rund ein Fünftel.

Wer in den Öko-Obstanbau einsteigen will, muss so einiges beachten. Wir erklären, welches die wichtigsten Veränderungen sind.

36 Monate Umstellungszeitraum

Anders als bei den meisten acker- und gemüsebaulichen Kulturen, beträgt die Umstellungszeit zur ökologischen Wirtschaftsweise für alle Dauerkulturen – zu denen fast alle Obstgewächse zählen – 36 Monate. Eine Ausnahme bildet die Erdbeere: Hier umfasst die Umstellungszeit 24 Monate. Stichtag ist immer der Tag der Vertragsunterzeichnung bei der Öko-Kontrollstelle. Alle konventionellen Flächen, die später hinzugepachtet oder zugekauft werden, müssen immer die genannte Umstellungszeit durchlaufen.

Produkte, die zwölf Monate nach Umstellungsbeginn verkauft werden, können mit der Bezeichnung "hergestellt im Rahmen der Umstellung auf die biologische Landwirtschaft" gekennzeichnet werden.

Saat- und Pflanzgut

Vegetatives Vermehrungsmaterial und Saatgut für die ökologische Obsterzeugung – nach der seit 1.1.2022 geltenden EU-Öko-Verordnung unter der Bezeichnung "Pflanzenvermehrungsmaterial" zusammengefasst –, muss grundsätzlich ökologisch erzeugt worden sein. Nur wenn ökologisches Pflanzenvermehrungsmaterial nachweislich nicht verfügbar ist, kann nach Genehmigung durch die Kontrollstelle auch solches aus konventioneller Vermehrung verwendet werden. Als Nachweis über die Verfügbarkeit gilt die Internetdatenbank www.organicXseeds.de.

Pflanzenvermehrungsmaterial aus Umstellung – das heißt, geerntet nach zwölf Monaten Umstellungszeit – vom eigenen Betrieb kann uneingeschränkt verwendet werden. Die Verwendung von zugekauftem Pflanzenvermehrungsmaterial aus Umstellung ist nur dann ohne Genehmigung zulässig, wenn ökologische Ware nicht verfügbar ist.

Jungpflanzen, die in Öko-Betrieben aus konventionellem Ausgangsmaterial erzeugt wurden, dürfen auch nach der seit 1.1.2022 geltenden EU-Öko-Verordnung weiterhin als ökologisches Pflanzenvermehrungsmaterial (samt EU-Bio-Logo) vermarktet werden. In diesem Punkt gab es bis zuletzt Ungewissheit.

Sortenwahl

Wegen der beschränkten Möglichkeiten im Pflanzenschutz sollten im Öko-Obstanbau nach Möglichkeit Sorten zum Einsatz kommen, die wenig anfällig gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten sind. Bei Kirschen ist darüber hinaus auch der Erntezeitpunkt von besonderer Bedeutung, da erst Sorten ab der dritten Reifewoche von den Maden der Kirschfruchtfliege befallen werden.

Unkrautregulierung: Mechanische Bodenpflege des Baumstreifens

Ein bedeutender Unterschied zum konventionellen Obstbau ist, dass der Baumstreifen nicht mit Herbiziden von konkurrierendem Bewuchs freigehalten werden darf. Im ökologischen Obstbau werden daher andere Verfahren angewendet. Am weitesten verbreitet sind mechanische Verfahren. Dabei kommen entweder Flachschare, Kreiselgeräte und auf leichten Böden auch Scheibeneggen zum Einsatz. Beim sogenannten Sandwich-System bleibt sogar ein schmales Band im Zentrum des Baumstreifens unbearbeitet – nur links und rechts davon wird bearbeitet. Das spart Zeit und Geld, denn das zeitraubende und technisch aufwändige Ausschwenken des Arbeitsgeräts entfällt. Der Mittelstreifen wird bei diesem Verfahren mit niedrig wachsenden, bodendeckenden Arten (zum Beispiel Habichtskraut) begrünt, die nicht gemäht werden müssen.

Einen besonders hohen Wirkungsgrad haben thermische Geräte wie Heißschaum-, Abflamm- oder Infrarotgeräte. Sie wirken vor allem gut gegen horstbildende Gräser und im unmittelbaren Stammbereich. Thermische Geräte sind im Obstbau bislang jedoch nur sehr selten zu finden – vermutlich wegen des hohen Energiebedarfs.

Weitere Möglichkeit bestehen im Abdecken des Bodens mit organischem Material (zum Beispiel Rindenmulch) oder Kunststofffolie. Oder der Baumstreifen wird mit konkurrenzschwachen Gräsern und Kräutern begrünt.

Kräuterreiche Fahrgassen

Im ökologischen Obstbau haben sich kräuterreiche Fahrgassen etabliert. Tiefwurzelnde Pflanzen verbessern dabei die Bodenstruktur, Leguminosen sorgen für eine Stickstoffbindung. Durch die Verwendung von blühenden Pflanzen werden zudem blütenbesuchende Nützlinge angelockt – insbesondere dann, wenn alternierend gemulcht wird (zum Beispiel abwechselnd nur jede zweite Fahrgasse) oder entsprechende Blühstreifenmulcher verwendet werden.

Um einen kräuterreichen Fahrgassenbewuchs langfristig zu etablieren und nachteilige Effekte auszuschalten, sollte nicht zu häufig geschnitten werden. Denn häufiges und kurzes Mulchen fördert vor allem den Grasbewuchs und führt zu einer Verdrängung der Kräuter. Da die Wurzeln zahlreicher Kräuter eine beliebte Nahrung für Scher- und Feldmäuse sind, muss besonders im Öko-Obstbau auf eine Mäuseregulierung geachtet werden.

Nährstoffversorgung ohne synthetische Stickstoffdünger

Grundsätzliches Ziel der Düngung im ökologischen Anbau ist die Förderung des Bodenlebens. Die Nährstoffe sind für die Pflanzen selten schnell verfügbar, sondern an organische Substanzen gebunden, die von den im Boden lebenden Organismen erst abgebaut werden müssen. Bei der Bodenpflege muss daher vermehrt darauf geachtet werden, optimale Bedingungen für den Aufbau und den Erhalt des Bodenlebens zu schaffen, um eine möglichst gute Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Nährstoffe zu erreichen.

Kann der Nährstoffbedarf der Pflanzen nicht durch betriebseigene Dünger und Bewirtschaftungsmaßnahmen gedeckt werden, ist der Zukauf von zugelassenen Düngern erlaubt (Anhang II der Durchführungsverordnung 2021/1165). Mineralische Stickstoffdünger sind nicht erlaubt.

Derzeit stehen für den ökologischen Obstbau zahlreiche Handelsdünger tierischen und pflanzlichen Ursprungs zur Verfügung. Deren Stickstoffgehalte liegen zwischen drei und 14 Prozent. Die Umsetzungsgeschwindigkeit hängt sehr stark von der Düngerart ab. Vinasse beispielsweise enthält größtenteils sehr leicht mineralisierbare organische Substanz, sodass der Stickstoff relativ schnell freigesetzt wird. Demgegenüber benötigen beispielsweise Erbsenschrot oder Sonnenblumenkuchen deutlich länger für die Umsetzung.

Kommt es an den Bäumen zu eindeutigen Mangelsymptomen von Spurenelementen, so können nach Rücksprache mit der Kontrollstelle bestimmte mineralische Spurenelementdünger aufs Blatt ausgebracht werden. Das gleiche gilt für Magnesiumsulfat (Bittersalz) bei Magnesiummangel und Calciumchlorid bei der Gefahr von Stippe.

Ausdünnen

Vor allem im Apfelanbau ist die Ausdünnung eine wichtige Maßnahme, um wiederkehrend hohe Erträge und hohe Fruchtqualitäten zu erzielen. Chemisch-synthetische Mittel zur Ausdünnung sind im Öko-Obstbau verboten. Einzig Schwefelkalk, eine Substanz, die im Öko-Obstbau auch als Fungizid verwendet wird, ist zulässig. Die ausdünnende Wirkung von Schwefelkalk beruht auf der Verätzung der Blütenorgane und einer starken Hemmung der Pollenkeimung. Alternativen sind eine mechanische Ausdünnung mit der Fadenmaschine oder die Ausdünnung per Hand.

Versuche haben ergeben, dass Spritzbehandlungen mit ölhaltigen Substanzen bei Apfelbäumen einen Photosynthese-Schock verursachen und damit den Junifruchtfall fördern. Die Wirkungen sind jedoch sortenspezifisch sehr unterschiedlich.

Pflanzengesundheit und Pflanzenschutz

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind im ökologischen Obstbau generell verboten. Bei der Krankheits- und Schädlingsregulierung kommt daher den vorbeugenden Maßnahmen eine besondere Rolle zu. Allem voran steht die Verwendung von gesundem Pflanzgut und Sorten, die wenig anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen sind. Darüber hinaus lässt sich mit pflanzenbaulichen Maßnahmen die Widerstandskraft der Pflanzen stärken und der Infektionsdruck senken: Besonders wichtig sind ein gut durchlüfteter, belebter Boden mit gutem Mikroorganismenbesatz und eine ausgeglichene Wasser- und Nährstoffversorgung.

Ein spezieller Bereich im Öko-Obstbau ist die Förderung natürlicher Gegenspieler. Durch das Schaffen geeigneter Lebensräume wie kräuterreiche Fahrgassen, Hecken oder Wildkrautstreifen kann die Ansiedlung von Nützlingen in Obstanlagen wesentlich gefördert und so ein Beitrag zur Begrenzung der Schädlingspopulationen geleistet werden. Auch die Bereitstellung von künstlichen Refugien wie Nistkästen, Überwinterungsquartiere oder Sitzstangen für Greifvögel tragen positiv dazu bei.

Auch biologische Pflanzenschutzmaßnahmen – zum Beispiel der gezielte Einsatz von Bakterien, Viren und tierischen Nützlingen – sowie biotechnische Verfahren (Pheromone, Falle etc.) spielen im Bio-Obstbau eine Rolle.

Für den Notfall sind im Öko-Obstbau Kupfer- und Schwefelpräparate sowie eine begrenzte Auswahl anderer Pflanzenschutzmittel zugelassen (Anhang I der Durchführungsverordnung 2021/1165). Ihre Wirkung ist aber nicht so durchschlagend wie die chemisch-synthetischer Mittel.

Vermarktung

Bei Bio-Obst liegt der Schwerpunkt auf der Vermarktung von Frischwaren. Es werden aber auch verarbeitete Produkte angeboten. Sollen die Produkte weiterverarbeitet werden, muss schon beim Anbau auf geeignete Sorten geachtet werden.

Generell ist auf eine korrekte Öko-Kennzeichnung zu achten. Außerdem muss auch Öko-Obst gemäß der EU-Vermarktungsnormen sortiert und kennzeichnet werden.

Weil im ökologischen Anbau auf mineralische Düngung und synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet wird, sowie nach der Ernte bzw. während der Lagerung keine Konservierungsmittel zum Einsatz kommen, kann bei Öko-Obst nicht immer das gleiche Erscheinungsbild erzielt werden wie im konventionellen Bereich. Viele ökologisch erzeugte Produkte werden deshalb vorsichtshalber mit der Güteklasse II gekennzeichnet. Diese Einstufung hat aber nichts mit einer geringeren Qualität zu tun.

 

 

 

 

Quelle: Ökolandbau.de