16.11.2018

Paprika im 7. Jahr

Die gärtnerische Fachkompetenz auf der Reichenau würde wohl ausreichen, um mindestens fünf Inseln zu bewirtschaften. Fünf Gärtner haben sich daher zusammengetan, um sich 20 km von der Insel entfernt eine neue Existenz aufzubauen. Zur Gärtnersiedlung Singen gehören aktuell knapp 13 ha Gewächshausfläche – das Kernprodukt ist Blockpaprika.

Paprika ist das Kernprodukt - eine Strecke von 600 m müssten Ernte und Erntehelfer von einem Ende des Gewächshauses bis zur Aufbereitung zurücklegen
Foto: Brudermann

„2009 haben wir ihm Rahmen der Fruit Logistica erstmals die Idee besprochen“, erinnert sich Matthias Keller. Der heute 54jährige Gärtnermeister war bereits damals im Vorstand der Reichenau-Gemüse eG aktiv. Nach etlichen konspirativen Treffen bildete sich ein festes Team aus fünf Gärtnern, die Mut und Ausdauer für ein Großprojekt mitbrachten. Die Zielrichtung lautete: Auf einem Gelände von rund 20 ha sollten 10-11 ha Anbaufläche unter Glas entstehen. Eine geeignete Fläche zu finden, eine Baugenehmigung zu erwirken und die Finanzierung auf tragfähige Füße zu stellen, brauchte seine Zeit. Zunächst standen fünf Standorte zur Auswahl; verschiedene Gutachten sprachen schließlich für den heute etablierten Standort: Zwischen dem Singener Ortsteil Beuren und dem Autobahnkreuz Hegau werden seit 2012 täglich rund 100 000 Stück Paprika geerntet.

„Eigentlich wollten wir ein möglichst ebenes Grundstück haben – am Ende haben wir dann doch 100 000 m³ Boden bewegt, um die Fläche für den Gewächshausbau vorzubereiten“, erinnert sich Matthias Keller. Das Gelände der Wahl bestand aus 13 Teilstücken, die neun Eigentümern gehörten. Zwei Anwälte wurden sechs Monate lang engagiert, um die Besitzverhältnisse so auszuhandeln, dass am Ende alle zufrieden waren. Veranstaltungen in der näheren Umgebung informierten die Bewohner. Viele und lange Gespräche mit den Behörden führten schließlich zur Genehmigung des Bebauungsplans. 2011 war Baubeginn, 2012 die erste Anbausaison.

Die aktuellen Besitzverhältnisse der Gärtnersiedlung sind in Anbetracht der Größe nur maßvoll komplex: Jeder der fünf beteiligten Gärtner – namentlich Matthias Keller, Mathias Rückert, Thomas Wehrle, Clemens Blum und Tobias Jörg – führt einen eigenständigen Betrieb. Das Haupt-Gewächshaus mit einer Fläche von 11 ha ist in diese fünf Betriebe unterteilt. 2015 ist ein weiteres Gewächshaus mit einer Fläche von 1,8 ha hinzugekommen, das den Gärtnern gemeinsam gehört – zu diesem Zweck haben sie eine GbR gegründet, die als sechster Betrieb vor Ort wirtschaftet. Auf dem Papier gibt es eine weitere GbR der fünf Betriebsleiter – dieser gehört die gemeinsam genutzte technische Ausstattung. Die Aufbereitungshalle, in der die Ernte aller Betriebe für den Handel gepackt wird, ist im Besitz der Reichenau-Gemüse eG. Zum aktuellen Zeitpunkt wird die Ernte zu 100% über die Genossenschaft an EDEKA vermarktet.

Die von Berg- und Talfahrten geprägte Planungsphase hat die Gärtner zusammengeschweißt – sie arbeiten bis heute eng zusammen. Den Schlüssel für das gute Miteinander sieht Matthias Keller in einer Stärken- und Schwächen-Analyse, der sich jeder der fünf Gärtner im Rahmen einer Unternehmensberatung gestellt hat. Matthias Keller berichtet: „Für jeden von uns gab es einen Ankreuztest und ein Gespräch – danach hatte jeder eine größere Klarheit darüber, was wir gern tun und gut können, und was uns weniger liegt.“ Auf dieser Basis teilten sich die Gärtner wichtige Aufgaben auf:

  • Mathias Rückert ist der Technikexperte – er wartet Klima- und Bewässerungscomputer.
  • Thomas Wehrle ist das Organisationstalent – er übernimmt die Personalplanung.
  • Clemens Blum weist die Mitarbeiter in die Pflegearbeiten ein und trägt die Verantwortung für die Ernteprognosen
  • Tobias Jörg koordiniert Nützlingseinsatz und chemischen Pflanzenschutz und achtet darauf, dass das Klima im Gewächshaus bestmöglich zur Gesundheit der Pflanzen beiträgt.
  • Matthias Keller springt überall ein, wo jemand fehlt, ist Ansprechpartner für Probleme, und mit einem Teil seiner Gedanken ist er stets schon mit der Zukunft des Projektes beschäftigt.

Neben den übergeordneten Aufgaben ist jeder Gärtner für seinen eigenen Betrieb zuständig sowie anteilig für die Bewirtschaftung der GbR-Fläche. Das tägliche Frühstück vor Ort ist für die fünf Gärtner ein wichtiger Treffpunkt, um alltägliche Absprachen zu treffen. Wöchentlich findet ein Meeting statt, bei dem auch die angestellten Teamleiter dabei sind. Und schließlich ist den Gärtnern wichtig: „Wenn die Stimmung unter uns kippt und wir uns schwer tun, Konflikte zu lösen, ziehen wir einen Unternehmensberater hinzu.“ Ein wichtiges Thema in der Unternehmensberatung ist immer wieder die Arbeitsbelastung. „Im ersten Anbaujahr sind wir eigentlich alle über unsere Grenzen gegangen“, resümiert Matthias Keller. Heute arbeiten die Gärtner verstärkt mit verantwortlichem Personal und sind selbst konsequent im Winter nur 4 Tage, im Sommer 4,5 Tage in der Woche im Einsatz.

In den Gewächshäusern herrscht ganzjährig Betrieb. „Von Weihnachten bis Ende Januar stehen die Häuser leer, und gerade in dieser Zeit ist die Arbeitsbelastung für uns am größten,“ erklärt Matthias Keller. Nach dem letzten Erntedurchgang werden alle Pflanzen entfernt, die Gewächshäuser sterilisiert und auf die Ankunft der Jungpflanzen vorbereitet. Anfang Februar sind dann 60 Mann drei Tage lang beschäftigt, um 20 LKWs voller Jungpflanzen zu versorgen. Die Erntezeit reicht von Ende April bis November. In dieser Zeit werden im Durchschnitt täglich rund 100 000 Stück Blockpaprika geerntet, nebst überschaubarer Mengen an Spitzpaprika und Auberginen.

80 Mitarbeiter sind in der Produktion beschäftigt. 60 % von ihnen sind ganzjährig angestellt; 20 % sind 10-Monats-Kräfte, die im Sommer zwei Monate in ihre Heimat reisen und 20 % sind Saisonkräfte, die während der Haupturlaubszeit der festen Mitarbeiter zum Einsatz kommen.

„Nur je acht Mitarbeiter sind den fünf Einzelbetrieben zugeordnet“, erklärt Matthias Keller. 40 Mitarbeiter teilen sich auf GbR und Genossenschaft auf, was für das Gesamtsystem erhebliche Vorteile bringt: Ein Mitarbeiter vom Betrieb Blum kann aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht ohne Weiteres im Betrieb Keller einspringen, während die GbR-Angestellten problemlos und frei dort eingeteilt werden können, wo sie gebraucht werden.

Und es lässt sich manch anderer Aspekt entdecken, der die Produktion auf großer Fläche effektiver macht. Matthias Keller geht von einer Ersparnis von 25-30 % der Baukosten aus, weil ein Gewächshaus gebaut wurde und nicht fünf separate. Rund 30 Tage im Jahr werden Pflanzenschutz- und Nützlingsberater engagiert, die in einer Paprika-Kultur von 11 ha Fläche deutlich effektiver arbeiten als auf kleineren Einzelbetrieben. Jeder Gärtner bewirtschaftet eine überschaubare Fläche von gut 2 ha - beim Einkauf von Pflanzgut und Verpackungsmaterial bestellt die GbR gemeinsam zu entsprechend günstigen Konditionen. Das einzige, was die Effektivität schmälert, sind die beachtlichen Strecken, die Mitarbeiter und Gemüse zurücklegen müssen. Nicht weniger als 600 m sind es vom letzten Gewächshausschiff zur Aufbereitungshalle, wo sich auch die sanitären Anlagen befinden. Damit eine Pinkelpause in einem überschaubaren Zeitfenster bleibt, stehen selbstgebaute Roller zur Verfügung. Matthias Keller berichtet: „Die Roller haben Vollgummireifen und sind wartungsfrei. Anfangs hatten wir auch viele Fahrräder, doch dafür braucht es dann auch immer einen Verantwortlichen, der guckt, dass sie zumindest aufgepumpt sind und die Bremsen funktionieren.“ Das Gemüse wird in den Reihen auf Schienen transportiert, die zugleich Heizungsrohre sind; im Hauptgang kommen elektrisch betriebene Wagen zum Einsatz.

Schließlich ist für Matthias Keller das Teilen der Verantwortung unter den fünf Profis ein großes Plus. „Ich kann im Sommer drei Wochen in Urlaub fahren – in welchem anderen Gemüsebaubetrieb könnte ich das?“, veranschaulicht er und stellt dabei fest: „Bei uns allen steht die Work-Life-Balance auf der Prioritätenliste über dem Wunsch, alles allein zu machen und zu entscheiden.“ Zwischen 35 und 58 Jahre sind die Beteiligten alt. Matthias Keller hat mit seinen 54 Jahren bereits einen schrittweisen Rückzug im Visier, der bei den jüngeren Gärtnern noch in weiter Ferne liegt.

Auch wenn die Betriebe alle in einem einzigen Gewächshaus angesiedelt sind, so sind es doch fünf Familienbetriebe mit fünf Generationenwechseln, die mehr oder weniger bald anstehen. Mit David Wehrle und Mathias Kellers Sohn Max Meißner sind bereits zwei Juniors mit an Bord, momentan sind beide im elterlichen Betrieb angestellt. Max Meißner hatte nach einem Studium der Betriebswirtschaft zunächst andere berufliche Pläne, entdeckte dann aber doch seine Begeisterung für die Gärtnersiedlung. Der Vater legte ihm verschiedene Praktika in renommierten Gemüsebetrieben nahe, bevor er ihn einstellte. „Es ist wichtig, dass er die Produktion kennt – und doch halte ich das betriebswirtschaftliche Denken in unserer Branche für noch wichtiger“, betont der Senior.

Während das Alltagsgeschäft läuft, entstehen in den Köpfen der Gärtner beständig neue Visionen.

Aktuell entsteht neben den Gewächshäusern ein Wohnhaus für bis zu 46 Mitarbeiter. Eine Fläche von 2,4 ha, direkt neben dem bestehenden Betrieb gelegen, steht bereits in den Startlöchern. „Sobald sich ein verlässlicher Abnehmer für zusätzliche Ware auftut, können wir mit dem Bau beginnen“, erklärt Matthias Keller. Rund zwei Jahre Vorlaufzeit braucht es, allein um mit Behörden und Besitzern einer neuen Fläche einig zu werden. Wer weitere Marktanteile erobern will, tut also gut daran, rechtzeitig zu planen. „Wenn wir eine Händleranfrage bekommen und dann erst anfangen, ein zusammenhängendes Grundstück zusammenzukaufen, können wir für unsere erste Ernte einen neuen Händler suchen“, weiß Matthias Keller. Ein Jahr Vorlaufzeit vom Baubeginn bis zur ersten Ernte braucht das Team für die neuen 2,4 ha noch immer, doch ist diese auch für den schnelllebigen Handel akzeptabel.

„Da wir fünf Gärtner sind, gibt es bei Abstimmungen nie ein Unentschieden“, weiß Matthias Keller. Kleinere Entscheidungen fallen tatsächlich nach dem Mehrheitsprinzip. Größere Investitionen wie das neue Mitarbeiterwohnhaus oder neue Gewächshäuser werden nur im Konsens geplant. Auch wenn es dann bisweilen viele Gespräche braucht – ab einer gewissen Investitionssumme ist es unerlässlich, dass alle voll und ganz dahinter stehen. Zumal alle fünf Gärtner bereits zum Projektstart ein beachtliches privates Risiko eingegangen sind. „Wir mussten alle unser privates Hab und Gut als Sicherheit in die Waagschale werfen, sonst hätte die Bank uns nicht unterstützt,“ verrät Matthias Keller. Stück für Stück arbeiten die Beteiligten daran, ihr Privatvermögen wieder auf die sichere Seite zu bringen.

Die Vermarktung läuft derzeit zu 100 % über die Reichenau-Gemüse eG an die Zentrale der EDEKA Südwest. Von hier werden die Produkte vorrangig in Südwestdeutschland und bei Bedarf auch bundesweit verteilt. „Da nächstes Jahr eine Paprikaproduktion in ähnlicher Größenordnung wie die unsere in Bayern startet, ist zunächst von einer reduzierten Nachfrage auszugehen“, vermutet Matthias Keller. Es laufen bereits Gespräche mit dem Einzelhandel, ob bei einer Verbreiterung der Produktpalette die Menge stabil bleiben kann. Momentan besteht die Gesamtfläche der Gärtnersiedlung von 12,8 ha zu 11 ha aus Blockpaprika, 1 ha Spitzpaprika und 0,8 ha Auberginen. Eine Umverteilung der Anbaufläche zugunsten neuer Kulturen könnte die Marktsituation entlasten – die unschlagbare Effektivität einer fast reinen Paprikaproduktion gibt es dann jedoch nicht mehr. „Wenn die Preise stimmen, würden wir voraussichtlich dennoch einen Schritt in Richtung Diversifikation gehen“, verrät Matthias Keller. Für eine Vergrößerung der Anbaufläche bräuchte es aller Wahrscheinlichkeit nach einen weiteren Großkunden. Und/ oder der Einzelhandel setzt verstärkt auf heimische Ware. Denn was den Eigenversorgungsgrad in der Republik angeht, gibt es durchaus noch Luft nach oben. Zu Baubeginn der Gärtnersiedlung war dieser quasi zu vernachlässigen; heute liegt er bei 7 %.

Die Investitionssumme für die Gärtnersiedlung bewegt sich im siebenstelligen Bereich – laut Berechnung müssen Anbau und Vermarktung rund 20 Jahre rund laufen, um diese wieder einzufahren. Anders als bei festen Gebäuden ist bei den Glashäusern samt Infrastruktur davon auszugehen, dass die Abschreibung auf dem Papier auch der realen Abnutzung entspricht. Welche Ziele hat die mutige Fünfer-Crew für die Zukunft? Matthias Keller antwortet: „Wir gehören aktuell zu den größten und modernsten Gemüseerzeugern der Republik. Unser Ziel ist, auch in zehn und in zwanzig Jahren noch ganz vorne dabei zu sein und in der „ersten Bundesliga“ mitspielen.“

Katja Brudermann


Neuerscheinung

Industrie-News



Informatives



Ausgabe 12/2018

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

Service

Quicklinks