10.12.2018

Pflanzenschutz 2030

53. Herbsttagung des deutschen Gemüsebaus in Warnemünde

Die 53. Herbsttagung des deutschen Gemüsebaus bot deutlich mehr als Sandstrand und Dünen
Foto: Aldenhoff

Eines ebenso brisanten wie heiklen Themas hat sich die Bundesfachgruppe Gemüsebau im Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) bei ihrer 53. Herbsttagung in Rostock-Warnemünde angenommen: Pflanzenschutz 2030. Bei neblig-kaltem Herbstwetter trafen sich Deutschlands Gemüsebauer vom 22. bis 24. November 2018 an der Ostsee zu internen Arbeitskreissitzungen, der Delegiertentagung und zu Fachbesichtigungen. Zum öffentlichen Teil konnte Vorsitzender Christian Ufen zahlreiche Berufskollegen, Interessierte und Ehrengäste willkommen heißen.

„Gift im Gemüse? – Von realen Risiken und medialer Verzerrung“ hatte PD Dr. Gaby-Fleur Böl, Abteilungsleiterin Risikokommunikation am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), ihren Vortrag überschrieben. Mit Witz und Charme erläuterte sie, wie ihr Institut, das vor 16 Jahren vorrangig für die Politikberatung eingerichtet wurde, arbeitet und wie die Ergebnisse in der Öffentlichkeit, oft befeuert von den Medien, verzerrt wahrgenommen werden und mitunter zu Panikmache führen. „Das BfR misst viele Stoffe und findet auf immer etwas, aber die Dosis macht das Gift! Die Frage ist immer: wie viel ist drin, wie viel von dem Lebensmittel wird konsumiert und wie viel ist gefährlich.“ Als Beispiel nannte sie den Aufreger „Glyphosat im Bier“, das zwar nachgewiesen wurde, um gesundheitlich bedenkliche Mengen an Glyphosat aufzunehmen, hätte ein Erwachsener aber pro Tag 1 000 l Bier trinken müssen!

Aus wissenschaftlicher Sicht seien Lebensmittel heute qualitativ hochwertiger und sicherer denn je, die Bevölkerung sehe dies aber völlig anders. Medien, die ihre Auflagen verkaufen wollten, und NGO’s auf der Suche nach Spendengeldern sorgten für enorme Verunsicherung und verschobene Wahrheiten. Sogar das BfR selbst, obwohl unabhängiges, allein vom Staat finanziertes Institut, werde angegriffen und als Verharmloser beschimpft, wenn es aufgrund seiner sachlichen Tests ein Risiko als gering einstuft. Die heutigen analytischen Methoden mit enorm hoher Messgenauigkeit (ein Stück Würfelzucker ist im Bodensee nachweisbar) seien Fluch und Segen zugleich, betonte PD Dr. Böl. In den Medien heiße es dann schnell „da ist was drin“, wie viel drin ist und wie viel tatsächlich riskant ist, werde aber häufig nicht gemeldet.

Wenn es um die Angst vor Pflanzenschutzmittelrückständen geht, werde häufig vergessen, dass auch die Natur Gifte parat hat. So beispielsweise Aflatoxine aus Schimmelpilzen, Inhaltsstoffe bestimmter Gewürze oder Phasein in rohen grünen Bohnen. Auch hier macht die Dosis (Gewürze werden in der Regel nur in kleinen Mengen verwendet) oder die Zubereitung (Kochen der Bohnen) das „Gift“ unschädlich. Andererseits betonte die Referentin, dass Obst und Gemüse so viele gesunde Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe enthalten, die sehr wertvoll für unsere Ernährung seien und nicht durch die Einnahme von Vitaminpräparaten ersetzt werden könnten.

Während sich die Verbraucher von allerlei stilisierten Risiken verunsichern lassen, würden andererseits tatsächliche Risiken nicht gesehen: „80 % der Lebensmittelvergiftungen kriegen Sie zuhause durch mangelnde Küchenhygiene!“, gab PD Dr. Böl zu bedenken. Dies gestehen sich die Konsumenten nicht gerne ein.

Pflanzenschutz 2030 aus der Sicht…

…der Politik

„Alle wollen qualitativ hochwertige Lebensmittel zu kleinen Preisen und dabei noch eine unberührte Umwelt“, skizzierte Dr. Jürgen Buchwald, Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Meckenburg-Vorpommern, den Spagat, den die Politik ständig machen muss: einerseits die Erwartungen, Vorbehalte und Ängste der Bevölkerung ernst nehmen und andererseits auf Basis objektiver Gegebenheiten berechenbare Entscheidungen treffen. Ganz ohne Pflanzenschutz wird es auch künftig nicht gehen, so der Staatssekretär, aber dieser müsse noch zielgenauer, ressourcenschonender und verantwortungsvoller werden. Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität müssten verbessert werden, Gewässer müssten noch besser vor Pflanzenschutzmitteln und Düngemitteln geschützt werden und ein Insektenschutzkonzept müsse her. Anwender von Pflanzenschutzmitteln würden zwar bereits heute sehr professionell nach guter fachlicher Praxis arbeiten, aber sie sollten stets weiter fortgebildet werden. Auch moderne Technik könne ihren Beitrag leisten, um Aufwandmengen zu senken und die Effektivität der Pflanzenschutzmittel zu steigern.

…der Wissenschaft

„Wir brauchen chemischen Pflanzenschutz und Umweltschutz“, konstatierte Prof. Dr. rer. nat. Andreas Schäffer, RWTH Aachen und Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschafen), der zwar unumwunden zugab, dass die Vorteile des chemischen Pflanzenschutzes offensichtlich seien, andererseits den Gärtnern aber vorrechnete, wie dramatisch die Vogel- und Insektenbestände in der EU innerhalb der letzten rund dreißig Jahre zurück gegangen seien. Die Gründe dafür seien zwar nicht allein in den durch Pflanzenschutz in die Umwelt gelangten Chemikalien zu finden, aber diese spielten eine große Rolle. Wissenschaftliche Studien zeigten überdies, dass sich Chemikalien in Flüssen und Böden anreicherten und über Jahrzehnte nachweisbar seien, auch wenn die dazugehörigen Pflanzenschutzmittel längst nicht mehr erlaubt seien. Für die Zukunft müsse daher die Praxis des Pflanzenschutzmitteleinsatzes weiter verbessert werden; Umweltrisikobewertungen dürften nicht nur den Einzelstoff berücksichtigen, sondern auch die praxisüblichen Mischungen; multipler Stress wie Trockenperioden oder Bodenverdichtung müsse bei Verbleibs- und Effektuntersuchungen von Pflanzenschutzmitteln mehr berücksichtigt werden; wichtige Organismenarten müssten bei der Risikobewertung mehr berücksichtigt werden (z.B. Amphibien); Abdrift reduzierende Strukture wie Hecken oder bepflanzte Randstreifen sollten wieder hergestellt werden.

…des Umweltbundesamtes

Agrarflächen machen einen Großteil der Landschaft aus, daher sei es gesamtökologisch bedeutsam, wie diese Flächen bewirtschaftet werden, denn Anbauflächen seien eben auch Lebensräume, betonte Dr. Jörn Wogram vom Umweltbundesamt. Der Umstand, dass ein Pflanzenschutzmittel zugelassen ist und sachgemäß ausgebracht wird, mache es für die Umwelt noch nicht ungefährlich. Das Umweltbundesamt empfiehlt daher für die Zukunft zwei Auswege: einerseits die Extensivierung der Landwirtschaft und andererseits die Segregation (Abtrennung) dort, wo sie weiterhin intensiv betrieben werden soll. Ersatzhabitate und Gewässerschonstreifen seien dann zu schaffen: „Bezogen auf die gesamte Ackerfläche eines Betriebes sind mindestens 10 % Biodiversitätsflächen einer mittleren ökologischen Qualität (z.B. mehrjährige Brache) erforderlich.“ Die Integrierte Produktion erfülle ihr Versprechen, den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren, derzeit nicht, denn oft sei es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoller, ein Pflanzenschutzmittel einzusetzen, als das Risiko von Ernteverlusten einzugehen, so Dr. Wogram. Aus seiner Sicht ist von staatlicher Seite die Kontrolldichte im Pflanzenschutz zu gering und Pflanzenschutzmittel müssten fortlaufend einem umfassenderen Umweltmonitoring unterzogen werden. Andererseits räumte der Herr vom Umweltbundesamt ein, dass Landwirtschaft auch künftig wirtschaftlich bleiben müsse. Er schlug den Gärtnern vor, die Probleme gemeinsam zu sehen und anzugehen.

…der Industrie

Matthias Kastriotis, Leiter Politik und Kommunikation Agricultural von Fa. BASF, bezeichnete vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung die Chemie als Wegbereiter für die Erfüllung heutiger und künftiger Bedürfnisse. Die BASF entwickle darüber hinaus gerade neue Strategien wie Smart Farming, nichtchemische Unkrautbekämpfung per Roboter, Biofungizide, Lösungen zum Anwenderschutz wie Ezi-ConnectTM zum Befüllen von Spritztanks, NatShield - automatische Teilbreitenabschaltung sowie neuartige Wirkstoffe wie beispielsweise im Fungizid Revysol®.

…des amtlichen Pflanzenschutzdienstes

Eine, wie er betonte, „spekulative“ Prognose zum Pflanzenschutz 2030 im Gemüsebau gab Dr. Erich Jörg vom Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz ab. Alle Aspekte aufzuführen, würde im Rahmen dieses Artikels zu weit führen, daher seien nur ein paar Schlaglichter zitiert: „Mit dem Wegfall von Insektiziden wird der Einsatz von Kulturschutznetzen zunehmen. … Feldhygiene wird künftig stark an Bedeutung gewinnen. … Mechanische und physikalische Verfahren sowie Robotik werden gerade bei der Unkrautbekämpfung stark zunehmen. … Biologische und biotechnische Verfahren werden derzeit intensiv erforscht. … Applikationsqualität wird dank verbesserter Technik steigen.“

Mit der Themenwahl „Pflanzenschutz 2030“ hatte die Bundesfachgruppe Gemüsebau offenbar das richtige heiße Eisen angefasst. Die Beleuchtung aus verschiedenen Blickwinkeln sorgte für angeregte Diskussionen und vielleicht auch ein Stück weit für Verständnis der jeweiligen Positionen. Deutschlands Gemüsebauer haben sich in Rostock jedenfalls intensiv mit ihrer Zukunft auseinander gesetzt.

Sabine Aldenhoff


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