08.05.2015

Ran an den Markt!

Gärtnerei Blu-Blumen GbR

In langen Reihen stehen die Karren mit frisch aufbereiteter Ware für die Kommissionierung bereit

von Sabine Aldenhoff

„Time ist money“, das wusste Benjamin Franklin schon Mitte des 18. Jahrhunderts. Daran hat sich bis heute nichts geändert, bis darauf, dass die Märkte deutlich schneller geworden sind. Auch André und Mario Segler von der Spezialitätengärtnerei Blu-Blumen GbR mit Stammsitz im westfälischen Langenberg wollten näher an den Markt. Der Strukturwandel am Niederrhein bot ihnen die Chance: sie übernahmen vor zwei Jahren einen aufgegebenen Betrieb mit großer Gewächshausfläche.

Zwar dirigieren die Brüder nach wie vor alle Abläufe vom Stammsitz im westfälischen Langenberg aus, ihre Logistikplattform und Teile der Produktion befinden sich jetzt aber in Grefrath am Niederrhein und damit in unmittelbarer Nähe der großen gartenbaulichen Handelszentren. Die Blu-Blumen GbR ist auf essbare, gesundheitlich wertvolle Kräuter und Pflanzen spezialisiert, die in über 100 verschiedenen Arten kultiviert werden (wir stellten den Betrieb im Heft 12/2012 vor).

Produziert wurde bisher in Langenberg sowie in einem Zweitbetrieb in Bielefeld. Schon vor einigen Jahren pachteten die Seglers 3 000 m² Unterglasfläche am Niederrhein, um von da aus ihre Ware an die verschiedenen Großhändler zu verteilen. Diese Dependance war nun zu klein geworden. „Das Geschäft wird immer kurzfristiger, wir müssen binnen Stunden liefern können“, erläutert André Segler den Schritt hin zu einem schlagkräftigeren Produktionsstandort am Niederrhein. Unterstützung bei der Suche eines geeigneten Betriebes bekamen die Unternehmer vom niederländischen Beratungsbüro Looije Agro Technics bv, das auf weltweite Projekte von Neu- und Umbauten von Gewächshausflächen spezialisiert ist. Mit deren Architekten war die Planung für einen Neubau bereits durchgerechnet, als sie per Zufall auf den ehemaligen Rosenbetrieb in Grefrath aufmerksam wurden, der zum Verkauf stand. Die 2,5 ha Unterglasflächen, 1 ha Folienhaus plus 1 ha Freilandstellflächen wollten sie für ihre Zwecke umbauen. Im Juli 2013 konnten sie damit beginnen und bereits am 1. September des gleichen Jahres wurden die ersten Pflanzen in Grefrath getopft.

In den zwei Monaten ist viel passiert: Die Fa. Looije Agro Technics bv hat den Umbau organisiert und die Firmen besorgt für Ausbau, Entsorgung und Weiterverkauf der nicht benötigten Inneneinrichtung sowie für die Installation der für die Kräuterproduktion benötigten Anlagen. Das wichtigste war zunächst, die „Chemie“ aus dem Betrieb herauszubekommen, denn die Kräuter sind sensible Pflanzen, die auch Rückstände von längst erfolgten Pflanzenschutzmaßnahmen noch aufnehmen können. Da hier auf keinen Fall etwas riskiert werden sollte, wurden beispielsweise sämtliche Schattiergewebe entfernt. Die ca. 2 300 Tischbeläge aus Kunststoff gingen zu einer spezialisierten Recyclingfirma in die Niederlande. In Dänemark wurden neue Tischbeläge maßgerecht angefertigt und geliefert.

Die vorhandenen rund 3 000 Assimilationslampen werden für den Kräuteranbau nicht benötigt. Sie wurden demontiert und entsorgt. Die teilweise armdicken Stromkabel waren ein begehrter Rohstoff und brachten einen Erlös. Eine Reinigungsfirma säuberte mit Hochdruckreinigern die gesamte Glasfläche von innen und außen. Sämtliche Versorgungsleitungen wurden gereinigt und immer wieder mit Analysen auf Rückstandsfreiheit überprüft. Wassertanks wurden mit neuer Folie ausgelegt.

Die bereits vorhandene Mobiltischanlage wurde auf die Bedürfnisse der Fa. Blu-Blumen angepasst, indem beispielsweise manuelle Transportbahnen für die Tische eingefügt wurden. Ein Tischroboter blieb im Einsatz für den automatischen Transport der Tische zur Arbeitshalle beispielsweise für das Rücken und Stutzen. Für die Bewässerung werden entweder Gießwagen oder die Anstaubewässerung genutzt, je nach Kultur.

Ein neues Mitarbeiterteam

Bereits zum 1.7.2015, dem Start des Umbaus, waren zwei Mitarbeiter vor Ort, darunter der künftige Betriebsleiter in Grefrath. Zwei Monate später, als die ersten Pflanzen getopft wurden, gesellten sich nach und nach weitere Mitarbeiter hinzu. Allein vier junge Leute, die zuvor in Langenberg beschäftigt waren, sind an den Niederrhein gezogen. Auch die vier Mitarbeiter der ehemaligen Logistikplattform in Kevelaer kamen nach Grefrath. Neben dem Gärtnermeister, der den Betrieb leitet, ist ein Gartenbauingenieur tätig, der täglich alle Kulturen auf Bedarf an Wasser, Düngung und biologischem Pflanzenschutz kontrolliert. Außerdem sind sechs gelernte Gärtner und eine Auszubildende beschäftigt. Betriebsinhaber Mario Segler ist ein- bis zweimal in der Woche vor Ort. Insgesamt arbeitet ein Dutzend Festangestellte im neuen Betrieb sowie in der Saison bis zu zehn Aushilfen.

So war zu Beginn in Grefrath alles neu, das Personal musste sich erst mal zusammenfinden und die Abläufe im neuen Betrieb mussten sich einspielen. Bereits nach der ersten Kultursaison konnten André und Mario Segler zufrieden feststellen, dass der Neustart gut geklappt hat, dass alle Arbeitsabläufe reibungslos funktionieren und keine gravierenden Kulturfehler gemacht wurden.

Der Weg der Pflanze durch den Betrieb

Getopft wird im August bis Oktober und im Januar für den Frühjahrsverkauf, sowie im Frühjahr für den Sommerabsatz. Die Hauptverkaufssaison der Kräuter erstreckt sich von Ende Februar bis Anfang Juli. Im Sommer dominieren Naschgemüse wie Chili mit reifen Früchten und Zwerg-Tomaten den Verkauf.

Während der Kulturzeit durchlaufen die Pflanzen einmal die Gewächshausfläche. Leere Tische kommen in die Tischwaschanlage, bevor sie wieder ins Mobiltischsystem wandern. Getopft wird an zwei Topfmaschinen. Das Substrat wird lose in einen Erdbunker angeliefert und von dort über hoch liegende Förderbänder automatisch den Topfmaschinen zugeführt. Eine Etikettensteckmaschine bestückt die Töpfe direkt beim Topfen. Eine weitere Maschine nach dem Rücken; das ist abhängig von der Pflanzenart. Für Sorten, die noch gestutzt werden müssen, wird das Etikett nach der Stutzmaschine automatisch gesteckt. Auch das Angießen der frisch getopften Pflanzen erfolgt automatisch. Zwei Javo-Topfabsetzer setzen die Töpfchen dann vom Förderband auf den Kulturtisch. Sobald der Tisch voll ist, wird er in eine warme Gewächshausabteilung befördert. Mit dem Heranwachsen werden die Tische im Gewächshaus immer weiter bewegt, in kühlere Abteilungen. Auch eine Schattenhalle neben dem Gewächshaus mit Mobiltischbahn wird für bestimmte Arten zum Abhärten genutzt. Zum Rücken und eventuellen Stutzen werden die Mobiltische in die Arbeitshalle gebracht und dort maschinell versorgt.

Wenn der Verkaufstermin näher rückt, werden die Töpfe am Tisch in Paletten gesetzt, wobei zu kleine Ware aussortiert und zurück ins Gewächshaus geschickt wird. In den so genannten Puffergewächshäusern stehen die Tische dann ca. einen Tag in den vorgepackten Paletten, bis die Ware für die Kommissionierung geholt wird.

Logistik der drei Standorte

Produziert wird die Blu-Blumen-Ware an den drei Standorten Langenfeld, Bielefeld und Grefrath. Jeder der drei Betriebe hat seine technische Ausstattung und dem entsprechend werden die Kulturen zugeordnet. Die gesamte Jungpflanzenproduktion findet im Stammbetrieb in Langenberg statt. Auch Arten in kleinen Stückzahlen werden hier kultiviert, ebenso wie Arten, die dazu neigen, in den Nachbartopf zu wachsen. Diese sind für den stark automatisierten Betrieb in Grefrath nicht geeignet; in Langenberg wird manuell gerückt. Da Bielefeld am weitesten vom Markt entfernt ist, werden hier Arten kultiviert, die unempfindlich sind und auch mal zwei Tage auf einer Karre stehen können, wie etwa Obstgehölze.

Die gesamte verkaufsfertige Ware aus den drei Betrieben läuft in Grefrath zusammen und wird hier kommissioniert. Da es über 100 verschiedene Arten sind, werden in der dafür vorgesehenen Halle die Paletten nach dem ABC sortiert auf CC-Karren aufgestellt. Wegen der speziellen Sorten und des umfangreichen Sortiments werden überwiegend kleine Mengen in großer Sortimentsbreite bestellt. Auch der Packzettel ist nach dem ABC sortiert. So können die Mitarbeiter an den CC-Reihen entlang gehen und die Kundenbestellungen zusammenstellen. Der Warenbestand in der Kommissionierungshalle wird von Langenberg aus verwaltet. Morgens werden die so genannten ABC-Karren aus den Pufferhäusern heraus bestückt, damit rasch reagiert werden kann, sobald Bestellungen herein kommen.