06.02.2019

Sommer 2018: ein Menetekel?

Der Themadag Uien im Flevopolder ist neben der Sommerveranstaltung in Zeeland einer der beiden Treffpunkte, an denen die Berufskollegen in unserem westlichen Nachbarland zusammen kommen, einmal im Nordosten und einmal im Südwesten der Niederlande. Stand beim Landelijke Uiendag das Thema Trockenheit im 2018 äußerst Dürre-geplagten Zeeland zentral, konnten auch die Organisatoren von Landbouwbeurs ein halbes Jahr später nicht umhin, das Thema auch im von Ernteausfällen eher verschont gebliebenen Flevopolder aufzugreifen.

Und während der Vorsitzende der Holland Onion Association, Gijsbrecht Gunther, normalerweise die Saisonentwicklung im Blick hat, und oftmals angesichts neuer Exportdestinationen ins Schwärmen gerät und nicht zu selten auch einmal einen Schlenker in Richtung Wissenschaft unternimmt und dabei stets die gewesenen und zukünftigen  Zwiebelpreise nicht unkommentiert lässt, hatte er sich Mitte Januar vorgenommen, der Frage nachzugehen, ob denn die Missernte von 2018 eine Art Menetekel für den niederländischen Zwiebelanbau darstellen könnte.

Daran, dass es eine Missernte gegeben hatte, ließ er angesichts von Wetter verschuldeten 40 % weniger Zwiebeln keine Zweifel aufkommen. Darüber, was die Perspektiven für die Mitte Januar in den Lagern verbliebenen 150 000 t Zwiebeln angeht, wollte er angesichts der nicht leicht zu interpretierenden Marktlage nicht spekulieren und so nahm er das Publikum auf eine Reise, die über weltweit erkennbare Trends zurück auf den eigenen Acker führte.

Und da kann das große Thema Klimawandel nicht außen vor bleiben. Und die Frage, ob denn die Reduktion des CO2-Ausstoßes langfristig den gewünschten Effekt hat, wenn der CO2-Gehalt eventuell nur einen verstärkenden Effekt auf eine möglicherweise sowieso eintretende Wärmeperiode hat. Natürlich dürfe man daraus dann nicht den Schluss ziehen, in Untätigkeit zu verharren, ganz im Gegenteil, schließlich müssten die weltweit 150 Mio. t Zwiebeln, die schätzungsweise im Jahr 2050 benötigt werden, ja irgendwo her kommen - und die notwendige Produktionssteigerung von derzeit produzierten 80 Mio. t ja nicht nur über den Züchtungsfortschritt allein erzielt werden kann.

Wasser ist und bleibt auch in Zukunft der weltweit knappste Rohstoff, was man Gunther zufolge auch daran festmachen könne, dass immer wieder behauptet werde, dass zukünftige Kriege um Wasserrechte geführt werden würden. Die Landwirtschaft stehe für rund 70 % des weltweiten Wasserverbrauchs und nicht immer werde mit dieser Ressource effizient umgegangen: Ineffiziente Bewässerungstechniken wie Ebbe-Flut-Systeme oder Regenkanonen und nicht zu vergessen die Verdampfung durch die Pflanzen selbst sorgen für enorme Verluste.

Auf der ganzen Welt gibt es rund 1385 Mio. km3 Wasser. 97,5 % davon sind salzhaltig, was nur 2,5 % übrig lässt für Pflanzen, Mensch und Tier. Allerdings liegen 90 % dieser 2,5 % dann wiederum als nicht unmittelbar verfügbares Eis auf den Polkappen fest, was dann wiederum für alle von Süßwasser abhängigen Kreaturen nur 0,26 % oder 93 000 km3 übrig lässt. Erschwerend kommt nun noch dazu, dass davon nur 0,014 % als Trinkwasser benutzt werden können, da der Großteil in den Wolken oder im Boden sitzt.

Eine der bereits deutlich sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels ist laut Gunther die fortschreitende Desertifikation: in den letzten zehn Jahren wuchs die Sahara um 10 % und auch die sich südlich davon befindende Sahelregion trocknet immer weiter aus, bestes Beispiel dafür ist der Tschadsee, immerhin die Lebensader von 30 Mio. Menschen. Und so haben dann Klimawandel, Wassermangel, Krieg und Flüchtlingsströme mehr miteinander zu tun als allgemein diskutiert wird.

Derzeit verwüsten wir rund 3500 km2 im Jahr im wortwörtlichen Sinne, also rund ein Zehntel der Fläche der Niederlande. In den Siebziger Jahren waren dies noch 1560 km2. Und gleichzeitig schmilzt das Eis auf den Polkappen, und auch der Permafrost in Sibirien befindet sich auf dem Rückzug, was zur Freisetzung von Methan und CO2 führt und auf hunderten von Kilometern einen nicht landwirtschaftlich nutzbaren Sumpf hinterlasse mit Problemen auch für die Gasförderungsinfrastruktur, so Gunther mit Blick Richtung Osten.

Damit schlug dann endlich die Stunde des weltweit am meisten gegessenen Gemüses, der Zwiebel. Denn auch die Zwiebel, ist, wie nicht zuletzt ja der Sommer 2018 in vielen Regionen deutlich gezeigt hat, gefühlig für Wärme und Trockenheit. Wobei die Zwiebeln durch die dicke Wachsschicht gegen Trockenheit von Natur eigentlich ganz gut gefeit sind. Allerdings bringe der ganze Verdampfungsschutz nichts, wenn sich kein Wasser im Oberboden befindet, da die Zwiebel kein Tiefwurzler ist und schon bei Wasser in nur 18 cm Bodentiefe Schwierigkeiten hat, sich zu versorgen.

Was das Ausbleiben regelmäßiger Niederschläge mit sich bringt, lässt sich dann leicht ausrechnen, so Gunther weiter: Pro mm nicht verdampftem Wasser bleiben 200 kg auf dem Feld. Bei 300 mm ausgebliebenen Niederschlägen wären das dann schon 60 t Ernteverlust, wenn nicht beregnet wird. Der gesamte Ertrag also. Der Sommer 2018 habe mit mehr als 1000 untergepflügten Hektar gezeigt, dass an diesen Modellrechnungen durchaus etwas dran sei. Davon abgesehen ist ungeklärt, ob denn Beregnung dann immer das Allheilmittel ist: Schließlich träfe dann immer Wasser in großen Mengen auf ein trockenes, Stress-geplagtes Gewächs. Die Farbe bleibe dann auf der Strecke und nach Bakterienkrankheiten müsse man nicht lange suchen.

Extreme Hitze leite dann bei Zwiebeln einen Qualitäts-abträglichen künstlichen Alterungsprozess ein, vergleichbar mit den Symptomen von Salzstress. Und dann gibt es ja noch Trockenheits-bedingte Folgeprobleme wie kaum durchführbare Pflanzenschutzmaßnahmen - und dies alles vor dem Hintergrund, dass das veränderte Klima dann auch bestimmte Krankheiten und Schädlinge begünstigt. Die Thripsproblematik zeige dies deutlich, auch, was das stets kleiner werdende chemische Waffenarsenal für Auswirkungen hat.

Dann gebe es andererseits auch immer häufiger Starkregenereignisse, was in der Rückschau oft übersehen werde. Und dieser Starkregen führe dann zur Verschlämmung des Bodens, was dann wiederum den Stress in den Zwiebelwurzeln erhöhe, wodurch diese anfälliger für Bodenkrankheiten würden. In der Konsequenz verschlimmere dies dann die Symptomlage bis zum Absterben der Zwiebeln. Der Ratschlag an die Zwiebelzüchtung sei deshalb: der Wurzel, der Wurzel, der Wurzel sowie dem Wasserhaushalt der Pflanze verstärkt Rechnung tragen.

Eine andere Antwort auf die Herausforderungen könnte sein, das Risiko zu geographisch zu verteilen, indem neue Anbaugebiete erschlossen werden. Zwangsläufig führe dies dann zu einer Erhöhung der Transportkosten. Aber auch auf dem Acker selbst liegen noch jede Menge Möglichkeiten: der Gehalt organischer Substanz im Boden, der Kleigehalt und auch die positiven Auswirkungen von Mykorrhiza auf sowohl Wasseraufnahme, Bodenkrankheiten und Kaliumgehalt sind noch nicht überall durchgedrungen und auch nicht zur vollen Gänze erforscht.

Und so ist und bleibt dann aber sowohl Drainage, ausreichende gute Wasserabfuhr, als auch die Verfügbarkeit von Süßwasser ein wichtiger Punkt. Nachhaltiges Wassermanagement ist damit das Thema der Stunde, mit Betonung auf dem Management einer äußerst  knappen Ressource. „Wasserinklusives Denken“ ist ein Term den Gunther in Dronten ins Rennen warf. Nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Lebensmittelindustrie wird Süßwasser dringend benötigt. Während die Regierung auf Anpassungsstrategien setzt und die NGOs Flächen vernässen und damit Biodiversität fördern wollen, und mit Blick auf den Tourismus Augenfälliges gefragt ist, kann die Zukunft einmal mehr nur in einem Miteinander liegen, so Gunther. Und dem Versuch, einander zu verstehen, anstatt nur zu verstehen, was der andere will, um dann darauf zu reagieren. Und dann ist Platz für alle, auch für Bodendenkmäler, Bäche und Rückzugsgebiete.

Weltweit ist die Süßwasserversorgung einer der Dreh- und Angelpunkte. Und auch wenn 2018 für manche ein katastrophales Jahr war, so kamen die Niederländer im internationalen Vergleich noch relativ gut davon, so Gunther weiter. Begibt man sich in Äquatornähe, sieht die Welt schnell anders aus: dort hat der Klimawandel noch viel deutlicher Spuren hinterlassen: Hunger, Armut, Überschwemmungen und Menschen auf der Flucht sind die Folge. Allesamt Dinge, die jetzt noch weit weg scheinen, mit denen wir aber bald konfrontiert werden.

„Als Handelsland sind wir derzeit nicht in der Lage, bestimmte Märkte zu bedienen. Das liegt auch an den momentan hohen Preisen, an den verfügbaren Sortierungen oder auch daran, dass so mancherorts die Zwiebeln schon zur Neige gegangen sind“, fasste Gunther Mitte Januar die Marktlage zusammen. Die Frage, die sich dann zwangsläufig stellt, ist, ob andere Länder einspringen, um diese Exportdestinationen mit Zwiebeln zu versorgen, und ob diese Versorgung dann eventuell auch strukturell wird.

Eine Anzahl Sortierbetriebe in den Niederlanden hat bereits Anfang des Jahres Kurzarbeit angefragt, es gibt keine Zwiebeln und deshalb auch keine Arbeit mehr – und da das Geschäftsmodell im Zwiebelbereich im Regelfall höchst spezialisiert ist, gibt es auch keine Alternativen. Gunther stellte die offene Frage, ob dies ein Zustand ist, an den wir uns für die Zukunft vielleicht gewöhnen müssen. Und damit vielleicht sinnbildlich ist für die Rechnung, die uns der Klimawandel präsentiert?

Gunther wollte seine Ausführungen aber nicht als Schwarzseher beenden, sondern stellte abschließend die Chancen, die die Situation bietet, in den Vordergrund. Eine Mentalitätsfrage, wie er fand. Und da müsse man dann an technologische Innovationen und sektorübergreifendes Handeln denken. Die Bedürfnisse des anderen erkennen, um auch selbst weiter zu kommen, da man allein auf weiter Flur chancenlos ist. Und ob die Missernte 2018 ein Menetekel war? Gunther ließ mit einem eindeutigen „Ja“ keine Zweifel daran aufkommen, schließlich stellen die letzten zehn Jahre eine bemerkenswerte Sammlung von Wetterrekorden dar.

Und ob wir diese Entwicklung zurückdrehen können? Gunther verwies auf die Möglichkeiten effektiver Klimapolitik und effizienter Anbaustrategien, die zu geringerem CO2-Ausstoß führen in einem permanenten Anpassungsprozess. Abschließend verglich er die Aufgabe, die vor uns liegt, mit der Trockenlegung der Polder zur Schaffung fruchtbaren Ackerlandes  - „genauso müssen wir nun zusammen an einen gemeinsamen Deltaplan arbeiten um die starke Exportposition der niederländischen“ und damit auch der einen und anderen in Deutschland produzierten „Zwiebel zu behalten“.

Tim Jacobsen


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