12.04.2018

Steinobsttag in Oelde

Einen windfreien Tag mit Sonnenschein hatten sich die Veranstalter für ihren Steinobsttag mit Schnittkurs ausgesucht, wofür man in diesem März schon einigermaßen viel Glück haben musste. Gut 65 Teilnehmer aus Nah und Fern hatten auf Einladung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und des Landesverbandes Obstbau Westfalen-Lippe e.V. am 6. März auf den Betrieb von Thomas Steinhoff gefunden, um das Programm mit einem Schnittkurs in den Süßkirschenanlagen zu beginnen. Tipps und Tricks zum erfolgreichen und ertragssichernden Schnitt in Jung- und Ertragsanlagen gab Martin Balmer vom DLR Rheinpfalz.

Glück mit dem Wetter hatten die rund 65 Teilnehmer des Schnittkurses unter der Überdachung Marke Eigenbau des gastgebenden Betriebes Steinhoff
Foto: Aldenhoff

 

Für das nachmittägliche Vortragsprogramm zog die Karawane nach ausführlichen Demonstrationen und Diskussionen der Schnitttechniken in das Hotel Hartmann in Oelde. Hier ging es um Anbausysteme, Sorten, Frostabwehr und Aktuelles vom Pflanzenschutzdienst.

Süßkirschen: Anbausysteme und Sorten

Kirschen werden weiterhin gepflanzt, sogar mit einer leichten Flächenzunahme, wie Berater und Versuchsbetreuer Martin Balmer mitteilte. Der Knipbaum sei dabei Standard. In Deutschland seien 12,5 % der Tafelkirschen bisher überdacht. Als gute Gründe für niedrige Bäume nannte er: ansteigende Erntekosten, Mangel an Fachpersonal, Möglichkeit der Mechanisierung, Möglichkeit der Überdachung, höhere Schlagkraft und die vereinfachte Applikation von Pflanzenschutzmitteln oder Blattdünger. Bevorzugte Erziehungsform ist die Spindel. Wenn man sich in Europa mal umsieht, dann sind aber durchaus auch andere Formen Standard. Um deren Vor- und Nachteile zu erforschen, hat Balmer in Oppenheim und Koblenz Versuchsanpflanzungen mit verschiedenen Erziehungssystemen in den Sorten `Samba´, `Sweetheart´ und `Korvik´ gemacht. Neben dem Standard Spindel wurden die Fruchtwand, der Kym-Green-Bush, das UFO-System, der Spanish Bush und die Flachkrone getestet.

Für die Fruchtwand werden die Bäume mit Reihenabstand 4,5 m und in der Reihe 1 m gepflanzt. In den ersten zwei Jahren werden sie moderat von Hand geschnitten, dann nur noch mechanisch. Der Kym-Green-Bush (KGB) hat eine Stammhöhe von 60 cm und mehrere Tragäste ohne Leittrieb. Für das UFO-System (Upright Fruiting Offshoots) werden die Bäume mit einem Abstand in der Reihe von 3 m schräg eingepflanzt. Vom schrägen, fast waagerecht liegenden Haupttrieb werden nur die nach oben abgehenden, senkrechten Seitentriebe belassen und an Drähten als Hecke gezogen.

Der Spanish Bush soll möglichst tief verzweigen und wird deshalb für etwa 15 Leittriebe mehrfach tief zurückgeschnitten. Später wird er mit einem waagrecht stehenden Messerbalken mechanisch auf etwa 1,8 m Höhe gehalten. Für die Flach- oder Tellerkrone wird ein gut verzweigter Baum gepflanzt – angestrebt werden bis zu acht schräg aufrechte Seitenäste von maximal 2 m Höhe. Geschnitten wird ausschließlich von Hand.

Als Erfahrungen aus dem im Jahr 2009 bzw. 2012 gepflanzten Versuchen konnte der Referent berichten: „Bei konsequenter Höhenbegrenzung und sorgfältigem Handschnitt ist die Spindel weiter eine gute Option in Bezug auf Qualität und Pflückleistung. Die Fruchtwand ist nur in Kombination mit einem manuellen Korrekturschnitt möglicherweise interessant. Ohne diesen stellt sie hinsichtlich Fruchtgrößen, Pflückleistung und Wirtschaftlichkeit keine Alternative dar. Der Kym-Green-Bush ließ sich in den ersten Jahren sehr bequem vom Boden ernten, indem die Tragäste heruntergebogen wurden. Später war allerdings eine Leiter nötig und eine selektive Erneuerung der Tragäste war nahezu unmöglich.

Gleiches gilt auch für das UFO-System, welches überdies Fingerspitzengefühl in der Erziehung erfordert und ertragsmäßig nicht überzeugen konnte. Als ruhig und fruchtbar erwies sich der Spanish Bush mit den höchsten Erträgen, aber Fruchtgröße und Pflückleistung waren nicht optimal. Die Flachkrone konnte mit der besten Pflückleistung bei guten Erträgen überzeugen.“

Für Spindelanlagen hatte Balmer noch einen besonderen Tipp: den mechanischen Sommerschnitt als „Vorschnitt“ mit einem Laubschneider. Auch bei großen Flächen werde so ein Sommerschnitt organisatorisch möglich (Arbeitsaufwand 1-2 h/ha) und führe zu einer Baumberuhigung und Verbesserung der Knospenqualität im Bauminneren. Eine Höhenbegrenzung sei im Sommer günstiger als im Winter und der Arbeitsaufwand des Winterschnitts verringere sich, sodass man sich im Winter auf den Qualitätsschnitt konzentrieren könne.

In jüngeren Versuchen wird mit weiteren Anbausystemen wie der Super Schlanken Achse (SSA) und dem Zweitrieber sowie im Folientunnel mit UFO und Zweitriebern experimentiert.

Sorten müssen regenfest sein

Bei Sortenfragen stehen vor allem regenfeste Sorten im Vordergrund, da in Rheinland-Pfalz, dem Beratungsgebiet von Balmer, über 80 % der Flächen nicht überdacht sind. Als regenfest kann er `Christiana´, `Vanda´, `Satin´ und `Regina´ empfehlen. Unter Schutz sollten `Carmen´ und `Tamara´. Von mittlerer Platzanfälligkeit sind `Bellise´, `Samba´, `Grace Star´ und `Kordia´.

Auch einige neue Sorten sind am Markt und werden vom DLR getestet. Interessant sei beispielsweise die ertragreiche Frühsorte `Early Red®´ Maraly vom kalifornischen Züchter Marvin Nies mit süßen, sehr festfleischigen Früchten von mittlerer Größe, die wenig platzen. Aktiv beworben würde in Deutschland die Sweet-Serie der Universität Bologna. Im Versuch in Rheinland-Pfalz erwiesen sich die Sorten alle als sehr frühblühend mit gutem Behang. Aufgrund des Spätfrostes in 2017 konnte allerdings nichts geerntet und ausgewertet werden.

Als eine Verbesserung von `Summit´ stellte der Referent die mittelfrühe `SPC 342´(S) von der Versuchsstation Summerland (Cd), im Vertrieb der Baumschule Gräb, vor, die stabile, große und feste Früchte liefert. Für den versuchsweisen Anbau kann auch die Lizenzsorte `Henriette´ von Züchter Hilmar Schwärzel, Müncheberg, eingesetzt werden, die aus einer freien Abblüte aus `Kordia´ entstanden ist. Sie bringt in der 6.-7. Kirschwoche feste, große Früchte an dünnen, langen Stielen; Platzanfälligkeit und Ertragspotenzial seien allerdings noch nicht ausreichend untersucht, so der Referent.

Als weitere Züchter, die künftig noch interessante Sorten liefern könnten, nannte Balmer vom Julius Kühn-Institut Mirko Schuster sowie Peter Stoppel vom Bodensee und Hilmar Gräb in Rheinland-Pfalz. Für die Zukunft erwartet der Obstbauberater eine gleichmäßigere, höhere Mengenversorgung des Marktes mit deutscher Ware durch eine weitere Umstellung auf GiSelA 5 und vergleichbare Unterlagen, durch robustere, ertragssichere Sorten, durch den vorsichtigen Ausbau der Überdachung sowie durch weitere regionale Flächenausweitungen.

Frostschäden vermeiden

Über Ursachen von Frostschäden an Steinobst und die Bewertung von Abwehrmaßnahmen referierte Prof. Dr. Peter Braun von der Hochschule Geisenheim. Während Frühfröste im Herbst kaum Thema seien, könnten Spätfröste im Frühjahr massive Ertragsausfälle verursachen, wie das letzte Jahr leider mal wieder bestätigt hat. Bei den Spätfrösten unterschied der Experte Windfröste und Strahlungsfröste. Windfröste sind von der andauernden, tageszeitunabhängigen Zufuhr polarer Luft in allen Höhen und geländeunabhängig gekennzeichnet. Strahlungsfröste hingegen treten eher nachts und in den frühen Morgenstunden in Senken auf, wenn polare Luft zur Ruhe kommt (Windstille, wolkenloser Himmel, Kaltluftseen). Strahlungsfröste lassen sich eher mit Abwehrmaßnahmen beeinflussen als Windfröste.

Im Spätsommer und Herbst nimmt die Abhärtung der Gehölze natürlicherweise zu; diese Phase sollte nicht durch wachstumsfördernde Maßnahmen wie durchdringende Bewässerung oder späte intensive Stickstoffdüngung gehemmt werden. In der absoluten Winterruhe (Endodormanz) sinkt der Wassergehalt in Ästen und Knospen auf ein Minimum und die Gehölze haben ihre größte Frosttoleranz. Kurze Warmperioden während der Endodormanz veränderten die Abhärtung nicht, längere Warmperioden verringerten allerdings die Frosttoleranz, so Prof. Braun.

Als Nachteil des Steinobstes bezeichnete er die Tatsache, dass es zwar viel Kälte vertragen könne, aber nur ein geringes Kältebedürfnis habe, sodass die Blüten rasch austreiben, sobald es warm ist, und damit frostanfällig sind. Frostschäden können auch nur Teile der Blüte betreffen, sodass sie zwar „blüht“, aber Griffel oder Narbe fehlen oder verkrüppelt sind, je nachdem, in welchem Entwicklungsstadium der Frost eingewirkt hat. Nicht jedes Stadium der Blütenentwicklung ist gleich empfindlich. Frostempfindlichkeit ist überdies sortenabhängig.

Strahlungsfröste treten bei offenem Himmel auf. Um sie zu vermeiden, kann es also hilfreich sein, eine künstliche Wolkendecke einzuziehen. Das kann, falls vorhanden, die Überdachung der Steinobstanlage sein oder Rauch beziehungsweise Nebel, der sich über die Anlage legt. Früher wurden Strohballen in der Anlage angezündet und mit Wasser am Kokeln gehalten, damit möglichst viel Raum entstand. Ähnliches kann man mit speziellen Rauchdosen erreichen, aber der Wirkungsgrad sei gering und allenfalls bei schwachen Frösten vorhanden, betonte Prof. Braun, mal ganz abgesehen vom Umweltaspekt.

Eine bessere Wirkung geht dank der entstehenden Wärme und Thermik von Kerzen oder Öfen in der Anlage aus. Dies ist allerdings ein hoher organisatorischer und finanzieller Aufwand und verlangt Windstille. Überdies kann eine mit Kerzen illuminierte Anlage schon mal Irritationen in der Bevölkerung auslösen und die Telefonleitstelle der Feuerwehr überlasten. Solche Aktionen sollten also zumindest zuvor angekündigt werden.

Von den Frostbustern mit Gasflaschen, mit denen man die ganze Nacht nach einem speziellen Muster durch die Anlage fährt, konnte der Referent berichten, dass sie oft Hitzeschäden an den Pflanzen hinterlassen und für die weiter entfernt stehenden Bäume nicht viel bringen. Auch bei ähnlich arbeitenden stationären Geräten mit drehendem Heißluftrohr sei die Reichweite nicht besonders hoch. Außerdem seien Kirschbäume für das Ausblasrohr zu hoch, bei Heidelbeeren würde es funktionieren. Auch ein horizontaler Ventilator zur Luftumwälzung wirke nur lokal begrenzt und bei geringen Frösten. Windturbinen hingegen funktionierten sehr gut. Je nach Propellergröße schaffe eine Windmaschine 1-3 ha. Allerdings seien die Maschinen sehr laut, was Probleme mit den Nachbarn geben könnte.

Wasser ist die effektivste Methode

Der Frostschutz mit Wasser ist wohl die effektivste Methode, aber auch sie birgt einige Risiken. Zum einen muss die Verfügbarkeit großer Wassermengen für eine Überkronberegnung in der Frostnacht gegeben sein. Es besteht die Gefahr von Astbruch durch die Eislast und es muss weiter bewässert werden, bis die Tagestemperatur das Eis außen flüssig hält. Dementsprechend große Wassermengen hat man dann auf die Fläche ausgebracht - in einer Jahreszeit, zu der die Böden in der Regel ohnehin wassergesättigt sind. Empfehlenswert seien grobe Tropfen, so der Referent, bei kleinen Tropfen bildeten sich lange Eiszapfen.

Eine Unterkronberegnung, deren Effekt darauf beruht, dass aus dem feuchten Boden Wärme aufsteigt, die die Blüten schützt, schafft allerdings nur maximal 2 °C Temperaturerhöhung. Der Bewuchs unter den Bäumen sollte kurz gehalten werden, damit Wärme vom Boden aufsteigen kann und nicht abgepuffert wird. Nur ein offener feuchter Boden strahlt Wärme ab. Deshalb kann es Sinn machen, die Fahrgassen vor dem Frost zu bewässern. Als eine wirkungsvolle Kombination empfahl Prof. Braun Unterkronbewässerung unter geschlossener Überdachung. Abschließend wies er darauf hin, dass es die eine Lösung gegen Frostschäden nicht gebe, vorbeugende Maßnahmen seien entscheidend und alles Weitere müsse betriebs- und lagenspezifisch beurteilt werden.

Sabine Aldenhoff

 

 


Industrie-News



Informatives



Ausgabe 04/2018

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

Service

Quicklinks