10.02.2020

Süßkirschen: Drei Wochen länger ernten - Langjährige Züchtung trägt Früchte

Auch wenn die Namen der neuen Süßkirschsorten offiziell noch nicht bekannt sind, sieht Hilmar Gräb aus Kettig bei Koblenz, eine gute Chance, dass sie in den bekannten Anbauregionen den Durchbruch schaffen werden. Das Interesse von Fachleuten aus den wichtigen Anbauregionen in der Welt zu Grunde gelegt, wird das bisher bestehende Sortenspektrum ergänzt. Damit würde die Erntesaison für Süßkirschen eine Verlängerung um ca. drei Wochen erfahren. Für die längst global agierende Kirschenwelt wäre dies ein Quantensprung.

Ohne Passion und etwas Glück gelingt nichts: Hilmar Gräb hat mit Kreuzungen im Jahr 2004 den Grundstein für sein anspruchsvolles Süßkirsch-Zuchtprogramm gelegt. 15 Jahre später sind die Erfolge der Arbeit erkennbar, mehrere Sorten stehen kurz vor ihrer Einführung in den Markt
Foto: Kühlwetter

Begonnen hat die Züchtungsarbeit von Hilmar Gräb im Sommer 2004. Der erfahrene Obstbauer und Baumschuler erntete die aus freier Abblüte herangereiften Früchte der Sorte `Sweetheart® Sumtare´ (S). Die Kirschsteine wurden an eine Unterlagenbaumschule weitergegeben. Dort wurden sie nach klassischer Methode ausgesät und Hilmar Gräb erhielt im Herbst 2005 ca. 1 700 Sämlinge zurück. Diese wurden anschließend auf die Unterlage GiSelA 5, die Standard bei vielen Erzeugern ist, aufveredelt. „Ziel war es, Sorten zu selektieren, die auf dieser Unterlage ihr Qualitätspotential zeigen können. Bei einer Verwendung der Sämlinge besteht die Gefahr, dass Massenträger herausselektiert und die schwachen Träger, die vielleicht auf GiSelA 5 überzeugt hätten, unbeachtet bleiben“, begründet Hilmar Gräb diesen Schritt. Und außerdem sei es viel einfacher, kleinere Bäume zu bonitieren. Die Testpflanzen wurden 2006 in Vierer-Beeten mit 1 m Abstand aufgepflanzt.

Strenge Selektion

Ab 2008 konnten von allen Bäumen Früchte geerntet werden. Zur Selektion wurden verschiedene K.O.-Kriterien aufgestellt und Bäume, die ein oder mehrere dieser Kriterien erfüllten, wurden sofort aus dem weiteren Selektionsprozess entfernt. „Bei der Selektion muss man sehr streng vorgehen. Wenn eine Sorte eine schlechte Eigenschaft – vielleicht auch nur in einem Jahr – zeigt, muss sie aus dem Programm genommen werden“, erklärt Gräb. Nach vier bis fünf Jahren strenger Selektionsarbeit waren die Klone mit den besten Eigenschaften erkennbar.

 

Drei der besonders vielversprechenden Klone wurden vor drei Jahren ausgewählt und zum Sortenschutz angemeldet; 20 weitere Klone stehen noch unter Beobachtung.

„Wir bauen gegenwärtig ein Kontinente übergreifendes Netzwerk auf, weil wir davon ausgehen, dass unter den ausgewählten Sorten auch solche sind, die für den Anbau in der Südhemisphäre vielleicht noch interessanter sind als für die Nordhemisphäre. In einigen wichtigen Ländern haben wir Partner gefunden, die das Zuchtmaterial dieser Sorten testen, die erforderlichen Quarantänemaßnahmen durchführen und an die Gegebenheiten der einzelnen Länder angepasste Vermarktungsstrategien entwickeln.

Sortennutzung nach klaren Vorgaben

Es wird Länder geben, in denen ein Clubsystem später die Vermarktung regeln wird und es wird Regionen geben, in denen ein offenes Lizenzsystem – wie z.B. in Deutschland – die Vermarktung der Neuzüchtungen regelt. Zusätzlich zum Sortennamen werden die Neuzüchtungen einen Markennamen erhalten. Der Fokus wird auf die Marke gelegt, die Markennamen sind EU-weit angemeldet und erteilt. Sie werden zurzeit weltweit für die wichtigsten Kirschanbau- und Vermarktungsländer registriert“, betont Hilmar Gräb und räumt dabei ein, wie global unterschiedlich die Organisations- und Anbaustrukturen sind.

Während in Deutschland einige Erzeugerorganisationen und nicht organisierte Anbauer den Markt beliefern, herrscht in Chile z.B. eine strenge und klare Organisationsstruktur vor. Dort gibt es große Vermarkter, die für sie produzierende Anbauer von den ersten Schritten der Anbauplanung über den gesamten Produktionszyklus hinweg eng beraten und kontrollieren. Sie haben alle Flächen und Qualitäten genau im Blick und entscheiden, wohin die Ware am Ende geliefert werden kann“, erklärt der Züchter.

Früchte müssen Wetterextremen standhalten

Die drei Neuzüchtungen haben sich in verschiedenen Klimaregionen bislang gut bewährt. Hilmar Gräb ist davon überzeugt, dass moderne Sorten auch gegenüber Wetterextremen Stand halten müssen und die Früchte auch z.B. bei Extremhitze (wie in den beiden vergangenen Sommern) noch stabil bleiben sollen.

Welches Gefühl umschleicht jemanden, der nach 15-jähriger Züchtungsarbeit mit neuen Sorten wahrscheinlich einen großen Durchbruch schaffen könnte? „Es ist das Gefühl von Glück, Freude und Dankbarkeit“, erklärt Hilmar Gräb. „Züchtung hat auch immer etwas mit Glück zu tun, wir hatten auch ein wenig einen Glücksgriff, und dies obwohl die Muttersorte auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so interessant erschien“.

Über einen weltweiten Austausch mit führenden Anbauern, Baumschulen oder Vermarktungsspezialisten konnte der Baumschuler auf der einen Seite sein Wissen erweitern, auf der anderen Seite aber auch seine Erfahrungen weitergeben. Auch in großen Anbauregionen wie Chile z.B. sind die Anbauer nach seiner Wahrnehmung daran interessiert, die Erntezeit zu verlängern, um zum einen die Sortier- und Verpackungsanlagen besser auszulasten und zum anderen den Vermarktungszeitraum zu verlängern.

„Junge Generation“ in Baumschule eingestiegen

Die „junge Generation“ ist mit Clara und Rudolf Gräb vor einem Jahr in die Baumschule eingestiegen und sorgt dort für neuen Schwung. Tochter Clara hat im Zuge des dualen Studiums zur Gärtnerin B. Sc. eine Ausbildung in der Fachrichtung Obstbau absolviert. Sie konnte bei einem Steinobstzüchter in Frankreich Erfahrungen in der Selektionsarbeit sammeln sowie während eines längeren Aufenthalts in Chile den dortigen Süßkirschanbau kennenlernen. Rudolf Gräb hat nach einer dreijährigen Obstbau-Ausbildung ebenfalls Erfahrung im Ausland sammeln können. Er war für jeweils ein Jahr in Frankreich und ein Jahr in den Niederlanden in einer Baumschule tätig. Außerhalb von Europa konnte er einen Einblick in den Obstanbau der USA sowie in Australien werfen. 2018 absolvierte er die Meisterausbildung zum Gärtner Fachrichtung Baumschule.

Mit Blick auf den heimischen Süßkirschmarkt ist Hilmar Gräb davon überzeugt, dass noch Luft nach oben für weiteres Absatzpotential vorhanden ist, wenn es gelingt, flächendeckend qualitativ gute Kirschen in die Läden zu bringen. „Wenn hier die meisten Süßkirschen noch lose aus einer 6-kg-Kiste vermarktet werden, ist das ein „no go“. Darüber hinaus fehlen nach seiner Meinung im LEH häufig Kühltheken, die jedoch zwingend erforderlich sind, wenn die Qualität von Steinobst oder Beerenfrüchten erhalten bleiben soll. Mit dieser Meinung steht er sicher nicht allein.


-    TK –


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Ausgabe 01/2020

 

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