09.05.2016

Tomaten geht Licht auf

Neurather Gärtner GbR, Grevenbroich

Die Neurather Gärtner Carsten Knodt und Wilhelm Baum (v.l., nicht im Bild: Matthias Draek und Dirk Driessen) setzen auf Belichtung, um ganzjährig Tomaten liefern zu können.
Foto: Aldenhoff

Tomatenpflanzen soweit das Auge reicht. Die Abteilungen in den insgesamt 16 ha großen Venlogewächshäusern der Neurather Gärtner beeindrucken mit ihren Dimensionen. Der Standort in Grevenbroich-Neurath ist nicht zufällig gewählt; für die Beheizung der Kulturen wird Abwärme des benachbarten Braunkohlekraftwerkes genutzt. Seit fünf Jahren werden hier Tomaten verschiedener Sorten kultiviert. Neu in diesem Jahr: in einer Abteilung wird belichtet.

Als sich im Jahr 2008 die drei Tomatengärtner Matthias Draek, Dirk Driessen und Carsten Knodt sowie der Zierpflanzengärtner Wilhelm Baum zusammenschlossen, um gemeinsam einen Betrieb zu gründen, wurde das Projekt vom Vermarkter Landgard organisatorisch begleitet. Damals dachte noch keiner daran, hier einmal für die ganzjährige Marktbelieferung Tomaten zu belichten. Zunächst wurden 10,5 ha Venloblocks gebaut und im Jahr 2011 die Produktion aufgenommen. Im vergangenen Jahr wurde noch ein Neubau von 5,5 ha errichtet, die Hälfte der neuen Fläche wurde mit Assimilationsbelichtung ausgestattet.

Die Idee dazu kam durch Nachfrage aus dem Handel, der mit der kontinuierlichen Marktbelieferung der Neurather Gärtner so zufrieden ist, dass er nun auch in den Wintermonaten nicht auf deutsche Tomaten verzichten möchte. Also sagten die Gesellschafter relativ spontan zu und sammeln nun ihre Erfahrungen mit dem Projekt Belichtung, dazu später mehr.

Überhaupt klappe die Zusammenarbeit der vier Gärtner, die alle zuhause noch eigene Betriebe bewirtschaften, sehr gut, wie Wilhelm Baum bestätigt. Von Anfang an wurde hier auf Professionalität Wert gelegt: einmal in der Woche treffen sich alle in Neurath zur Besprechung mit Tagesordnung und Protokoll. So lasse sich das Unternehmen gut aus der Distanz steuern. Im Übrigen ist Dirk Driessen als Betriebsleiter stets vor Ort. Unterstützt wird er von einem professionellen Führungsteam.

Sortenspektrum und Kultur

Kultiviert werden fünf verschiedene Tomatensorten. Auf über der Hälfte der Fläche gedeiht die Rispentomate `Lyterno´. Die restliche Fläche teilen sich die Minicherryrispentomante `Rivolo´, die Minicocktailrispentomate `Red Ruby´, die Romatomate `Romanella´ und die Miniromatomate `Sweetelle´. Alle Pflanzen stehen auf Perlite, das als gut steuerbar hinsichtlich Wasser- und Nährstoffmanagement gilt. Nach der Kultur wird das Substrat der Wiederverwertung zugeführt, wo es beispielsweise im Straßenbau Verwendung findet. Für ein Dämpfen zum nochmaligen Einsatz in der Kultur ist die Zeit zwischen Kulturende und Kulturneubeginn im Winter zu knapp. „Unser Ziel ist 50 Wochen grün“, betont Carsten Knodt. Gepflanzt wird in der Regel Anfang Dezember.

Bewässert wird in einem geschlossenen Kreislauf. Das überschüssige Drainwasser wird mit UV-Filtration gereinigt, mit Regenwasser verschnitten und dem Kreislauf wieder zugeführt. In der Düngestation werden Einzelnährstoffe in Baks genannten Vorratsbehältern bereitgehalten und die Rezeptur je nach Kulturanforderungen zusammengestellt. Die Füllstände dieser Baks werden automatisch online an den Lieferanten übermittelt, der sie dann selbständig auffüllt. Aus Sicherheitsgründen werden sowohl eine gewisse Menge „fertigen“ Wassers als auch eine fertige Düngelösung bevorratet. Gedüngt wird außerdem mit technischem CO2, das flüssig angeliefert und vor Ort in einem Verdampfer in Gas umgewandelt wird. Mit 500-700 ppm wird es über Schlauchleitungen in den Gewächshäusern verströmt.

Eine Besonderheit des Betriebes ist die Wärmeversorgung mit Abwärme aus dem benachbarten Braunkohlekraftwerk. Das heiße Wasser kommt aus dem Kraftwerk und bleibt in seinem geschlossenen Kreislauf. Dank zweier Wärmetauscher à 9 MW wird die Wärmeenergie an den Heizwasserkreislauf der Gewächshäuser übergeben. In einem Pufferspeicher von 5 000 m³ wird die Wärme für 24-48 h bevorratet. In den Beständen werden tagsüber Temperaturen von 20 °C und nachts von 16-18 °C gehalten. Energieschirme sorgen nachts für Energieeinsparung.

Für die Bestäubung sind Hummeln zuständig. Das Drehen und Sacken lassen der Tomatenspitzen sowie das Einkürzen der Blütenstände ist an Lohnunternehmer nach Bedarf vergeben. Das feste Personal ist überwiegend für das Blätterschneiden und die Ernte zuständig. Scherenwagen und Blattschneidewagen, die auf der unteren Rohrheizung ebenso entlanggleiten wie die Erntewagen, dienen der Arbeits-Ergonomie für Mitarbeiter und Arbeitswirtschaft. Die akkubetriebenen Erntewagen bewegen sich auf den Hauptwegen mittels in den Boden eingelassener Induktionsschleifen selbstständig und laufruhiger als mit einer Kettenbahn. So werden die vollen Tomatenkisten in die Verpackungshalle transportiert. Automatisch werden die Erntewagen dort entladen, gewogen und die Kisten werden auf einer vierspurigen Transportbahn zum Stapeln dem Palettierer zugeführt. Die so transportfertig gemachten Tomatenkisten werden per Lkw zum Verpackungsbetrieb des Gesellschafters Draek nach Straelen gebracht, wo jede Tomatensorte individuell nach Kundenwunsch in Flowpacks, Becher o.ä. verpackt wird. Für den Fall, dass ein Kunde Kisten mit lose eingewogenen Tomaten haben möchte, stehen in Neurath in der Halle fünf Verwiegestationen zur Verfügung.

Das Ziel der Neurather Gärtner ist die nachhaltige Produktion von rückstandsfreien Tomaten, weshalb Pflanzenschutz überwiegend biologisch, also mit Nützlingen betrieben wird. Sollte doch einmal eine Spritzung notwendig werden, so wird – falls vorhanden – auf ein biologisches Mittel zurückgegriffen. Nur im äußersten Notfall kommen chemische Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, gegebenenfalls nur herdweise. „Wir haben die Pflanzen zwölf Monate lang in der Produktion, da darf uns kein Fehler passieren“, gibt Wilhelm Baum zu bedenken. Die Erntesaison für die normale Kultur verläuft von Februar bis November. Unterstützung gibt es von einem niederländischen Spezialberater für Tomatenkulturen und vom Produktclub Tomaten, in dem sich die niederrheinischen Tomatengärtner regelmäßig treffen.

Neubau und Belichtung

Die Technik schreitet voran und so wurde für den Neubau eine andere Eindeckung gewählt: durchscheinendes Glas mit beidseitiger Antireflexbeschichtung, das noch mehr (diffuses) Licht in die Bestände lässt. Dies muss bei der Kultur unbedingt beachtet werden, denn wenn man die Pflanzabstände nicht verringert, werden mit mehr Licht die Früchte zu groß. Der Pflanzabstand von 70 cm in der Reihe wurde zwar wie in den älteren Gewächshäusern beibehalten. Aber während dort die Zahl der Köpfe durch Ziehen eines Seitentriebes nur verdoppelt wird, werden in den neuen Häusern zum Teil bis zu drei Köpfe pro Pflanzen gezogen. So ergibt sich ein Mehrertrag von rund 20 % pro Fläche. Mehr Licht hat auch den Effekt, dass es bei empfindlichen Sorten seltener zu Blütenendfäule kommt und dass die Blätter schneller altern, das sei aber kein Problem.

Als der Neubau bereits geplant war, erreichte die Neurather Gärtner die Anfrage eines Kunden, ob sie eine bestimmte Tomatensorte auch ganzjährig liefern könnten, sprich auch in den Wintermonaten. Reife Tomaten und gesunde Pflanzen lassen sich in unseren Breiten über Winter aber nur mit Hilfe von Assimilationsbelichtung erzielen. Relativ spontan sagten die Unternehmer ihrem Kunden zu und so stiegen sie – als erste deutsche Gärtner - in das Projekt `Belichtung´ ein. Noch ist es ein Versuch, ob es sich rechnet, weshalb die Lampen auch erst mal nur auf 2,5 ha installiert wurden. „Wir wollen erst mal Erfahrungen sammeln, sowohl auf der Ertrags- wie auch auf der Kostenseite“, erläutert Wilhelm Baum, „weitere Flächen und Sorten wären denkbar.“

Zum Einsatz kommen LED Interlight Module, die direkt zwischen den Pflanzen hängen und die Blätter belichten. Von oben leuchten außerdem SON-T-Lampen in die Bestände. Insgesamt ergibt sich eine Lichtleistung von bis zu 11 500 Lux/m². Betrieben wird die Belichtung mit Ökostrom; der Betrieb eines eigenen BHKW zur Stromerzeugung ist zurzeit wirtschaftlich nicht interessant. Die Investitionskosten für die Belichtungsinstallation beliefen sich auf zusätzlich rund 100 €/m². Der Strom schlägt jährlich mit 40 €/m² zu Buche. Hinzu kommen 15 €/m² Abschreibung. Reparaturen und Birnenaustausch sind in dieser Kalkulation noch nicht berücksichtigt.

Zu Kulturbeginn wurden die Pflanzen nur rund 8 h am Tag belichtet. Dies wurde mit dem Heranreifen der Pflanzen auf bis zu 19 h täglich gesteigert. Da die Belichtung dann auch in die Nachtstunden fällt, sorgt ein lichtdichtes Energieschirmgewebe für eine Abschirmung des Lichtes nach außen. Wegen der Baumaßnahme konnten im ersten Kulturjahr die belichteten Tomaten erst im November gepflanzt werden und kamen somit erst im Januar zur Ernte. Künftig soll im August gepflanzt werden, damit die Ernte im November beginnen kann und eine kontinuierliche Marktbelieferung gewährleistet ist.

Verpackung und Absatz

„Qualität ist, wenn der Kunde zurückkommt und nicht das Produkt.“ So lautet das Motto der Neurather Gärtner. Deshalb erarbeiten und besprechen sie ihr Sortiment in enger Zusammenarbeit mit ihrem Vermarkter Landgard und den Kunden. Geschmack spielt dabei eine wesentliche Rolle. Unter dem Label „Regionalfenster“ gehen die Tomaten aus Neurath an den Lebensmitteleinzelhandel in Nordrhein-Westfalen. Auch Verpackungskonzepte werden gemeinsam mit den Kunden entworfen.

Sortierung und Verpackung finden im Verpackungsbetrieb von Gesellschafter Matthias Draek in Straelen statt, der auch für andere Tomatengärtner im Lohn Früchte von insgesamt rund 50 ha Produktionsfläche abpackt. Die Lkw fahren sozusagen im Kreis, von Neurath nach Straelen und von da zum Kunden und wieder nach Neurath. So ist das zentrale Verpacken wirtschaftlicher, als eine eigene Packstation für sämtliche verschiedene Verpackungswünsche in Neurath bereit zu halten. Spätestens innerhalb von 48 h nach der Ernte ist die Ware in den Läden. „Wir hoffen, dass das Thema `regional´ noch lange trägt“, sagt Wilhelm Baum. „Dass es nun auch deutsche Tomaten im Winter zu kaufen gibt, kommunizieren unsere Kunden an die Endverbraucher.“

Sabine Aldenhoff

Neurather Gärtner

Grevenbroich

Gesellschafter: Wilhelm Baum (Administration), Matthias Draek (Logistik und Verpackung), Dirk Driessen (Kulturleitung und Betriebsleitung), Carsten Knodt (Vertrieb)

2008 Planung und Ausführung der Konzeption in Zusammenarbeit mit Landgard

2011 erste Tomatenernte

2015 vorerst letzte Ausbaustufe

Fläche: 16 ha Venloblocks mit 6 m Stehwandhöhe

Kultur: Tomaten in Sorten

Produktion: 7 500 t Tomaten jährlich

Mitarbeiter: 2 Gartenbauingenieure, 5 weitere Festangestellte, bis zu 70 Erntehelfer

Technische Ausstattung: Klimacomputer, selbstfahrende Erntewagen, vollautomatische Wiege- und Verpackungsstraße, zentrale Düngestation, UV-Desinfektionsanlage, technisches CO2, Assimilationsbelichtung, Energieschirm horizontal und an den Seitenwänden

Energieversorgung: Abwärme vom benachbarten Kraftwerk, Ökostrom

Absatz: über Landgard, vor allem in NRW

Zertifizierung: Regionalfenster Richtlinien (QS Gap), ProPlanet


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