09.04.2015

Tomaten mit Fisch

von Monika van Sorgen-Merholz

Andreas Graber mit seinen Schützlingen, rosa gefleckte Tilapia

Fische scheiden Stickstoff aus, Tomaten oder Salate verwenden ihn zum Wachsen. Die Pflanzen machen das Wasser auf diese Weise wieder fischfähig, da sie für Fische giftige oder wertlose Mineralstoffe entnehmen und darauf ertragreich gedeihen. Die Fische wiederum können im derart gereinigten Wasser ertragreich gedeihen, das Wasser kann im Kreislauf geführt werden. Die Urban Farmers aus Zürich haben dieses nachhaltige System zur Praxisreife gebracht und sind damit wirtschaftlich erfolgreich.

Urban Farmers ist ein Start-up-Unternehmen der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), Andreas Graber ist diplomierter Fischwirt und einer der Gründer der Urban Farmers. Seit 2003 entwickelten Andreas Graber und seine Forschergruppe das Kreislaufsystem, das die innovativen Methoden der Fischzucht (Aquakultur) und der Gemüseproduktion (Hydroponic) miteinander verbindet: Aquaponic. Hohe Flächenerträge werden erzielt, mit geringem Einsatz von Ressourcen wie Wasser und Düngemitteln, gänzlich ohne Einsatz von Pestiziden oder Antibiotika. Die Rückstandsproblematik ist gleich Null. Bei der gängigen Aquakultur stellen die Ausscheidungen der Fische, die im „Abwasser“ gelöst sind, ein Problem dar. In Asien entwickelt man Kreislaufsysteme mit eingeschalteter Algenproduktion, die Urban Farmers haben sich auf höhere Pflanzen gerichtet, Gemüsepflanzen, die hier als umweltwirksame Nutznießer fungieren.

Auf kleinster Fläche

Die kleinste Produktionseinheit, die Andreas Graber und die Urban Farmers entwickelten, ist die mobile Urban Farmers Box (UF Box). Ein Standard LKW-Container dient als Kulturfläche. Oben auf dem Container steht ein kleines Gewächshaus, in dem im hydroponischen Nährlösungssystem Gemüse produziert wird, im Container darunter stehen Technik und Fischbecken, in dem antibiotikafrei Fische wachsen. Seit 2011 zeigte die UF Box in Bern und in Zürich, in Wädenswil, dass auf ihren 20 m² jährlich 60 kg Fisch und 120 kg frisches Gemüse produziert werden können. In der Zürich International School (ZIS) haben eine Saison lang die Schüler und Schülerinnen diese UF Box betreut und viel über Gemüseproduktion und Fischzucht gelernt.

Dass es auch in größerem Maßstab funktioniert, beweisen die Urban Farmers auf einem Flachdach in Basel - mitten in der Stadt. Ein 250 m² großes Gewächshaus prangt auf einem Lokomotivendepot im Baseler Industrieviertel, Blickfänger auf dem Dach sind die orangen Container für Technik und Fischkultur. Das UF 001 LokDepot ist als Pilotprojekt gelungen, liefert ultralokalen Fisch und Frischgemüse an lokale Haubenrestaurants und an den in 500 m Entfernung gelegenen Mparc Dreispitz, einen Supermarkt der größten Schweizer LEH-Kette Migros. Per Fahrrad wird Migros mehrmals wöchentlich mit frischem Gemüse und Fisch vom Dach beliefert. Nachhaltigkeit wird selbst beim Transport großgeschrieben.

Eine Vielfalt an ausgefalleneren Gemüsearten und Sorten wächst auf dem LokDepot, kleine Zebra- wie gelbe Cocktailtomaten, dunkelrote Salate, sehr feingefiederter Frisée, oder auch Mikrogemüse, kleiner als Baby leaf, größer als Keimgemüse. Die Abwechslung macht das Angebot interessant, denn Unterscheidung vom Standard der roten runden Tomaten und dem gebräuchlichen Kopfsalat hält das Interesse der Kunden wach. Im Kreislaufwasser, dem die Pflanzen die Nährstoffe entnommen haben, wachsen die Fische. Im Sommer ist das warme Wasser sehr geeignet für Tilapia, einer afrikanischen Buntbarschart, der in Europa meist aus Asien importiert in den Handel kommt. Tilapias benötigen Wassertemperaturen zwischen 20 und 30 °C, die im Sommer im Gewächshaus gut erreicht werden, im Winter lieben Regenbogenforellen das kalte Wasser. Das Projekt ist so erfolgreich, dass Migros nun eine eigene städtische Farm auf dem Supermarktdach plant.

Urban Farmers demnächst in Den Haag

Dieses vielversprechende Kultursystem verharrt jedoch nicht in der Schweiz, denn die Urban Farmers AG hat den Wettbewerb Stadtlandwirtschaft, den die Gemeinde Den Haag 2013 ausgeschrieben hat, gewonnen. Das große, fast leer stehende Philipsgebäude „De Schilde“ hat von der Gemeinde die Widmung Nahrungsmittelproduktion und –veredlung bekommen, die Wettbewerbsteilnehmer präsentierten in diesem Themenfeld Projektideen, die ungleicher nicht sein könnten wie Ernährungsbildung und Diätologie oder eine kleine, ausgefallene Bierbrauerei. Das Siegerprojekt aber reichten die Urban Farmers ein. Mittlerweile sind die Pläne weit fortgeschritten: Oben auf dem Dach des sechsstöckigen Gebäudes kommt ein 1 200 m² großes Gewächshaus für die Gemüseproduktion und eine 300 m² große Besucherterrasse, die der Bevölkerung Einblick in die innovative Aquaponic-Kulturmethode von Gemüse und Fisch gewährt.

Im Stockwerk darunter werden die Fischbecken und die notwendige Technik platziert, statisch so ausgewogen, dass das Gebäude die Last bequem tragen kann. Die Seitenwände des Gewächshauses werden als Nachrichtenüberbringer fungieren: In Leuchtschrift wird den Passanten kundgetan werden, was heute aktuell ist, geerntet wird und im Laden unten zu kaufen sein wird. Das Amsterdamer Architekturbüro Space & Matter und namhafte Firmen der Gartenbautechnik sind beim Projekt involviert: Certhon, Priva, Rijk Zwaan, Philips und Koppert für Pflanzenproduktion und Nützlinge, Fleuren & Nooijen für die Fischtechnik.

Refinanzierung in weniger als zehn Jahren

Die Investition wird voraussichtlich 2,6 Mio. € betragen, 42 t Gemüse und 14 t Fisch werden jährlicher Ertrag sein können. Es wird mit einer Zurückverdienstzeit von 9,2 Jahren gerechnet. Beginn 2015, so wird erwartet, wird die Finanzierung stehen, 2016 rechnet man mit dem Produktionsbeginn. Am 5. November 2014 wurde das Projekt der Öffentlichkeit am Standort präsentiert, de kookfabriek (Kochfabrik) im dritten Stock des Gebäudes bot mit ihren Räumen für populäre Kochkurse das stimmungsvolle Ambiente.

Das Projekt hat selbst die Großen des niederländischen Gartenbaus beeindruckt. Das Westland ist auf Sichtabstand vom Dach aus, städtische Gemüseproduktion ist hier nicht unbedingt erforderlich, der Entwurf aber ist für die wachsenden Megastädte der Welt nachahmenswert.

Einsteigen bei UF

Die Kombination von antibiotikafreier Fischzucht und Wasser reinigender Gemüseproduktion, zukunftsträchtig auch für den europäischen Markt, wird von den Urban Farmers als UF-Franchisesystem angeboten. Drei Systemkonfigurationen sind verfügbar, nämlich von 250 m², 500 m² und 1 000 m² Fläche. Alle Konfigurationen sind einfach in ein bestehendes Gewächshaus oder Produktionssystem integrierbar.

Der Wasserkreislauf ist selbstverständlich technisch etwas komplexer, nur im Kreis pumpen wäre weder für Fisch noch Pflanzen wohltuend. Die festen Stoffe aus dem Rücklaufwasser der Pflanzen, sowie die festen Exkremente der Fische werden dem Wasser anfangs in einem Trommelfilter mechanisch entnommen. Die von den Fischen ausgeschiedene Stickstoffform ist Ammoniak, das für die Pflanzen in Nitrat umgewandelt werden muss. In einem Biofilter erledigen das Bakterien in Form eines aeroben Nitrifikationsprozesses. Ein anschließender UV-Filter entfernt Bakterien und andere Mikroorganismen, eine Sauerstoffbehandlung reichert das Kreislaufwasser mit dem notwendigen Sauerstoff an. Computergesteuert wird das Nährstoffniveau für die Pflanzen angepasst, der Kreislauf kann von vorne beginnen.

Eine schlüsselfertige Lösung ist von den Urban Farmers ausgearbeitet, selbst Unterstützung für langfristige Abnahmeverträge mit dem LEH für UF-Fisch werden angeboten. Fisch ist der Wertträger in diesem System, gesicherte ganzjährige Verkaufserlöse sind die entscheidende Basis. Ab 2016 wird man voraussichtlich in Den Haag an der Televisiestraat 2 sehen können, wie es funktioniert, derzeit schon kann man sich in Basel auf dem LokDepot überzeugen.

Mehr Info: www.urbanfarmers.com oder über das Projekt in Den Haag: www.eatthecity.nl.


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