10.02.2020

Turbulente Entwicklung im Ökosektor

Jeden Tag stellen rund fünf Betriebe in Deutschland auf ökologische Wirtschaftsweise um. In Nordrhein-Westfalen war es im letzten Jahr etwa alle drei Tage ein Betrieb mit durchschnittlich rund 50 ha/Betrieb, das meiste davon Ackerland. Damit wächst die Erzeugung derzeit schneller als der Absatz. Noch hat das nicht zu größeren Verwerfungen geführt, denn auch der Absatz steigt. Ob das Gleichgewicht im Markt gehalten werden kann, wird das nächste Jahr zeigen.

Foto: Scheel

Der Bio-Lebensmittelmarkt setzt jährlich etwa 11 Mrd. € um. Das sind 6 bis 7 % des gesamten Lebensmittelmarktes. Das kräftige Wachstum in diesem Segment setzt sich kontinuierlich fort. Dabei werden etwa 60 % des Umsatzes im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) einschließlich Discount erzielt, also bei Rewe, Edeka, Aldi, Lidl und Co. Es ist klar erkennbar, dass der Biomarkt für die großen Ketten ein wichtiges Zukunftssegment ist. Dabei fällt auf, dass sich jede Handelskette um eine exklusive Zusammenarbeit mit einem renommierten Ökoverband bemüht. So arbeiten zum Beispiel Rewe mit Naturland, Edeka und Lidl mit Bioland und Kaufland mit Demeter zusammen. Hintergrund dieser Kooperationen ist, dass die Handelsketten, die beim Verbraucher ein hohes Vertrauen genießen, Verbandsstandards nutzen wollen. Für die Verbände ihrerseits bietet die Zusammenarbeit natürlich die Möglichkeit, einen breiteren Kundenkreis zu erreichen, mehr Ware absetzen und damit ihren Mitgliedsbetrieben helfen zu können. Es ist bereits jetzt absehbar, dass sich die Strategie in den meisten Fällen für beide Seiten bewährt. Der Absatz im konventionellen LEH wächst stetig.

Treue Kundschaft

Trotz dieser Entwicklung nimmt aber auch der traditionell starke Naturkostfachhandel, also der Handelsbereich, der ausschließlich mit Bioprodukten handelt und in der Vergangenheit quasi ein Exklusivrecht auf die Verbandsstandards hatte, zu. Der Naturkosthandel kann durchaus als Gradmesser für die Entwicklung des Biosektors insgesamt angesehen werden, weil dort die von Bio überzeugten Kunden kaufen. Nicht selten kommen diese Kunden als Gelegenheitskäufer im LEH in die Bioläden und kaufen hier ausschließlich Bioprodukte. Diese Kundengruppe ist die wohl verlässlichste im Biosektor und auch sie wächst stetig. Nordrhein-Westfalen spielt in der Entwicklung des Naturkosteinzelhandels im bundesweiten Vergleich eine überragende Rolle. Laut Branchenanalysen haben die hiesigen Naturkosteinzelhändler im ersten Halbjahr 2019 mit 9 % das stärkste Umsatzwachstum aller Regionen erreicht und damit hält NRW bereits im dritten Jahr in Folge diese Vorreiterrolle. In NRW ist also nicht nur die Dichte an Marktunternehmen, die ausschließlich mit Ökolebensmitteln handeln, groß, sondern auch die Nachfrage nach Ökoprodukten.

Die Einstiegsmöglichkeiten für neue Erzeuger sind also hierzulande grundsätzlich günstig. Allerdings unterscheiden sich die einzelnen Produktionsbereiche in wichtigen Aspekten voneinander. Der Biomarkt für Schweine ist mit etwa 1 % am Gesamtmarkt klein und wächst entsprechend langsam. Neu-Umsteller sind möglich, allerdings nur in geringem Umfang. Der Absatz ökologisch erzeugter Milchprodukte entwickelt sich weiter stark steigend auf gleichbleibendem Preisniveau von etwa 46 und 48 Cent/kg (netto). Es ist zu erwarten, dass aufgrund der dynamisch steigenden Nachfrage nach ökologisch erzeugten Molkereiprodukten zukünftig auch wieder Betriebe umstellen können. Wegen des extremen Zuwachses an ökologischen Ackerflächen, hat die Öko-Getreideernte 2019 insgesamt einen neuen Spitzenwert von deutschlandweit knapp 973 000 t erreicht, ein Plus von 14,5 % gegenüber 2018. Die deutlich vergrößerte Handelsmenge hat in den letzten zwölf Monaten allerdings auch einen Rückgang der Erzeugerpreise, hauptsächlich beim Futtergetreide und Umstellungsgetreide, zur Folge gehabt. Deutlich besser sieht es im Körnerleguminosenbereich aus. Hier dürfte auch im kommenden Jahr der Bedarf das Angebot übersteigen.

Spitzenreiter beim Ökogemüse

NRW ist Spitzenreiter in Deutschland beim Öko-Gemüseanbau. In keinem anderen Bundesland wird auf mehr Freilandfläche Ökogemüse angebaut als in NRW, nämlich auf insgesamt knapp 2 500 ha. Frische Ware von guter Qualität lässt sich, abgesehen von den üblichen saisonbedingten Überschüssen, sehr gut und weitgehend problemlos am Markt unterbringen. Nach Angaben der AMI stammten etwa 8,1 % der deutschlandweiten Einkaufsmenge an Frischgemüse im ersten Halbjahr 2019 aus ökologischer Erzeugung. Damit ist der Öko-Anteil im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (6,9 %) deutlich angestiegen. Heimische Ware wird in der Regel bevorzugt genommen. In den Bereichen Konserve oder Tiefkühlware, beides derzeit noch eher Nischenerzeugnisse, hat der Absatz mit Ökogemüse bei weitem das vorhandene Potenzial noch nicht ausgeschöpft, deutliche Zuwächse sind zu erwarten.

Dr. Karl Kempkens, LWK NRW


Informatives



Ausgabe 01/2020

 

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