05.04.2016

Vielfalt der Kulturen

30 Jahre Mitgliedschaft im Bioland-Verband: Jürgen Reinhard zeigt stolz seine Urkunde
Foto: Brudermann

In der Gärtnerei Hoch-Reinhard in Fischingen an der Schweizer Grenze wachsen rund 60 verschiedene Gemüsekulturen. Mitarbeiter aus 13 verschiedenen Nationen helfen auf den Wochenmärkten, im Anbau und der Verwaltung. Vielfalt ist hier gelebtes Erfolgsrezept für Menschen und Pflanzen gleichermaßen.

Was ist der Trick, dass die Produktionskosten im vielfältigen Anbau nicht in den Himmel steigen? „Es ist der Blick auf viele Details“, lautet die Antwort von Matthias Holthaus, der seit acht Jahren den geschützten Anbau leitet. Die Hauptkulturen sind hier Tomaten, Gurken und Paprika. Tomaten werden im Gewächshaus ausschließlich als Hybride gepflanzt; in den Folientunneln stehen auch geringe Mengen samenfester Sondersorten. Der Betrieb verfügt über eine eigene Jungpflanzenanzucht. Tomaten und Gurken werden stets veredelt. „Die meisten konventionellen Betriebe veredeln, um höhere Erträge zu erzielen - bei uns sind die Resistenzen der Hauptgrund“, erklärt Matthias Holthaus. Das wichtigste „Pflanzenschutzmittel“ ist die Klimakontrolle. Geheizt wird mit einer zentralen Holzpellets-Heizung. Die Belüftung erfolgt über Öffnung der Gewächshäuser und mittels Ventilatoren, die bei hoher Luftfeuchte das Abtrocknen der Pflanzen beschleunigen. Als Dünger und Mulch zugleich wird Silage verwendet. Sie wird auf 4 cm Länge geschnitten und in einer 10-15 cm dicken Schicht um die Pflanzen verteilt. „Gurken brauchen mit dieser Technik keinen zusätzlichen Dünger“, so die Beobachtung von Matthias Holthaus. Eine jährliche Bodenprobe gibt Aufschluss, welche Kulturen zusätzlichen Dünger benötigen. Seit 2013 experimentiert der Betrieb mit verschiedenen Silagearten: Gras, Kleegras oder auch Ackerbohnen. Die Suche nach Optimierungsmöglichkeiten hinsichtlich Arbeitswirtschaft, Bodenleben und Pflanzenwachstum geht weiter.

In den Gewächshäusern sind drei verschiedene Bewässerungstechniken installiert: Tropfbewässerung, Über-Kopf-Bewässerung und Unterregner. In den Gurken kann die Über-Kopf-Bewässerung auf Sprühnebel umgestellt werden, um die Luftfeuchte zu optimieren. Die Unterregner kommen in den Tomaten als Ergänzung zur Tropfbewässerung zum Einsatz. „Die Tropfbewässerung befeuchtet den Boden vom Schlauch ausgehend. Im Querschnitt ergibt sich eine Zwiebelform“, erklärt Matthias Holthaus. „Durch die Unterregner werden auch die restlichen Bodenareale und die Wege durchnässt. Bodenleben und Wurzelwachstum werden flächendeckend angeregt.“ Insbesondere auf den mit Silo gemulchten Flächen sind die Unterregner unerlässlich - denn nur wenn die Siloschicht stets gut durchfeuchtet ist, können die Pflanzen die enthaltenen Nährstoffe nutzen. Ein guter Teil des Silos ist am Ende der Tomatensaison verrottet; der Rest wird vollständig entfernt. „Das Risiko, dass Schädlinge und Pflanzenkrankheiten mit dem Material im Gewächshaus verbleiben, ist zu hoch“, weiß Matthias Holthaus. Die Tomaten erreichen (je nach Sorte) einen Gesamtertrag von rund 11 kg pro Pflanze bzw. 30 kg/m².

In Winterkulturen kommt statt Silage Mulchfolie zum Einsatz. Diese wird mit einem Stanzgerät Marke Eigenbau vor dem Ausbringen mit einem gleichmäßigen Lochmuster perforiert, damit die Bewässerung über Kopf gleichmäßig in den Boden einsickern kann.

Weder ökologische noch betriebswirtschaftliche Aspekte sollen auf dem Betrieb zu kurz kommen - entsprechend werden beide in Teambesprechungen immer wieder sorgfältig gegeneinander abgewogen: Kompostierbare Mulchfolie ist umweltfreundlicher, aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht sie aber nur in den Kulturen Sinn, die auch mehrere Monate stehen. Samenfeste Tomatensorten bringen im Verhältnis zu den hohen Festkosten in den Glashäusern zu geringe und zu instabile Erträge – darum kommen hier nur Tomaten-Hybride zum Einsatz. Im Folientunnel sind die Festkosten geringer; hier können samenfeste Tomatensorten rentabel produziert werden. Die Umstellung von Ölheizung auf Holzpellets war Jürgen Reinhard lange Zeit ein Anliegen - umgesetzt hat er sie 2009, als das notwendige Kleingeld für die Investition auch da war. „Man kann nicht alle Ideale auf einmal umsetzen“, ist er überzeugt.

Lebendige Gesprächskultur wichtig

Inklusive der Aushilfen auf 15 Wochenmärkten unterhält Jürgen Reinhard rund 30 Vollzeitstellen, verteilt auf 60 Personen. Hinzu kommen fünf bis zehn Saisonaushilfen von Mai bis Oktober. An der Seite der Fachkräfte arbeiten Zuwanderer aus insgesamt 13 Ländern und vereinzelt auch Quereinsteiger aus anderen Berufen. Die Bandbreite verschiedener Menschen im Team sieht Lukas Weidauer (32) als Chance und Herausforderung zugleich. Der gelernte Landwirt ist für das Personalwesen zuständig und beobachtet: „Am besten funktioniert die Zusammenarbeit, wenn die Mitarbeiter in festen Teams mit mehr oder weniger festen Aufgaben agieren.“ Viele Mitarbeiter aus anderen Ländern sind in einem landwirtschaftlichen Umfeld aufgewachsen und bringen ein hohes Maß an körperlicher Belastbarkeit und Geschicklichkeit mit.

Schwierigkeiten gibt es gelegentlich mit Mitarbeitern, die in Konflikten aufbrausend werden. Jürgen Reinhard erläutert seine Vorgehensweise: „Wenn ein Mitarbeiter einmal handgreiflich wird, gibt es ein ernsthaftes Gespräch. Beim zweiten Mal müsste ich eine Abmahnung schreiben – das war jedoch bislang noch nie notwendig.“ Zudem achtet der Betriebsleiter darauf, dass jeder Mitarbeiter eine Aufgabe im Betrieb bekommt, die seinen Fertigkeiten entspricht, und dass er menschlich auch gut ins Team passt. Wichtig ist ihm insgesamt eine lebendige Gesprächskultur. Dazu gehören nicht nur Teamsitzungen und Mitarbeitergespräche. Für Jürgen Reinhard ist die gemeinsame Arbeit im biologischen Gemüsebau auch eine politische Angelegenheit, er erlebt sie als sinnvoll und erfüllend. Sie ist auch ein Forum, wo Menschen unterschiedlichster Herkünfte die politische Situation in ihren Heimatländern schildern können, jenseits dessen, was die Medien berichten. Täglich kocht ein Mitarbeiter ein Mittagessen für alle Anwesenden. Der große Aufenthaltsraum mit Küche ist dann ein guter Ort für fachlichen, persönlichen oder politischen Austausch.

Matthias Holthaus beobachtet, wie branchenferne Mitarbeiter im Lauf der Zeit immer mehr in ihre Aufgaben hineinwachsen und weiß die Zusammenarbeit im internationalen Team zu schätzen - weil er es auch anders kennt. „In anderen Betrieben kommen auf eine Fachkraft 30 Saisonarbeiter, die alle drei Monate wechseln. Da hat man nicht wirklich das Gefühl, Kollegen zu haben. Weder auf fachlicher noch auf menschlicher Ebene kann mit den kurzzeitigen Saisonarbeitern die Art von Miteinander entstehen, die wir hier haben.“

Das wichtigste Standbein der Vermarktung sind die Wochenmärkte - jede Woche 15 an der Zahl, davon zehn in Deutschland, vier in der Schweiz und einer in Frankreich. Über die Hälfte der eigenen Produkte gelangen auf diese Weise zu den Kunden.

Insbesondere auf den deutschen Märkten hat der Betrieb langjährige Stammkunden. Diese sind sehr verlässlich, und sie kennen den Betrieb und seine Philosophie: Es gibt frisches Gemüse aus eigenem Anbau, und das Sortiment wird durch Obst und Gemüse von Kollegen und vom Großhandel erweitert. Avocados und Zitrusfrüchte kauft Jürgen Reinhard zu, so lange sie aus Südeuropa kommen - in den Sommermonaten, wo sie aus Südamerika importiert werden, fehlen sie an seinen Ständen. „Wir wollen unsere Kunden nicht zur Askese erziehen“, erklärt der Betriebsleiter, „wir schauen, dass es immer mindestens fünf verschiedene Obstsorten gibt und eine gute Auswahl an Gemüse. Auf Produkte, die im Flugzeug transportiert werden, verzichten wir.“

Seit Jürgen Reinhard in den 1980er Jahren die ersten Wochenmärkte beschickte, gingen die Umsätze über viele Jahre kontinuierlich bergauf - bis 2004. „In dieser Zeit begannen die Supermärkte, die regionalen Produkte für sich zu entdecken“, vermutet er die Gründe für die plötzliche Umsatzstagnation. Während unter Fachleuten beständig die Spezialisierung gepredigt wurde, entschied er sich für den entgegengesetzten Weg. Er investierte in 8 000 m² Folientunnel und baute die Vielfalt eigener Kulturen weiter aus. „Es ist ja auch gar nicht so einfach, zu spezialisieren“, gibt er zu bedenken. „Würde ich meinen Lauchanbau von 2 ha auf 15 ha ausweiten, müsste ich neue Vermarktungswege finden, zum Beispiel auch an Discunter liefern.“ Die stärkere Diversifizierung erhöht den Umsatz in den bestehenden Vermarktungswegen.

Dies sind neben den Wochenmärkten: Wiederverkäufer in der Region, Küchen von Kindertagesstätten und Schulen, Restaurants sowie ein Bio-Großhändler. „Es gibt nur wenige Köche, die Bioprodukte einkaufen“, beobachtet der Betriebsleiter. Um hier mit leuchtendem Beispiel voranzugehen, hat er 2012 mit zwei Freunden eine GmbH gegründet und als solche den „Anker“ gepachtet, eine Gastwirtschaft im Nachbarort Efringen-Kirchen. Hier ist er seither als Gemüselieferant aktiv. Bis vor einem halben Jahr hat er auch regelmäßig im Service mitgearbeitet, um den Kontakt zu den Kunden zu pflegen. Doch nun ist der 57-jährige Vater geworden, da bleibt dann zum Bedienen im Anker an den Samstagabenden keine Zeit mehr.

Auch einen Catering-Service hat der umtriebige Betriebsleiter eine Zeit lang geführt. Diesen hat er jedoch 2013 wieder aufgegeben. „Er hat zu viel Energie aus dem Betrieb gezogen“, war seine Beobachtung. Er wollte kein 0815-Catering machen, hat sich viel damit beschäftigt, welche Gerichte sich aus überwiegend eigenen Produkten zaubern lassen. An Einfallsreichtum mangelte es ihm nicht - aber seine Aufmerksamkeit fehlte in der Gärtnerei, und so gab er das Catering wieder auf. Wie auch einen Wochenmarkt, der auch nach mehreren Jahren noch nicht den Umsatz brachte, den es gebraucht hätte.

Vom Bioland-Verband hat Jürgen Reinhard in diesem Jahr eine Ehrenurkunde erhalten – für seine 30-jährige Mitgliedschaft. Sein Rezept, wie er den kleinen Zierpflanzenbetrieb seiner Eltern zu der heutigen Gärtnerei ausgebaut hat, ist bemerkenswert. Er betont: „Ich muss doch fair sein - fair zu meinen Kunden, zu meinen Mitarbeitern, zum Boden, zur Erde und auch zu meinem Betrieb - dass auch Geld da ist, wenn eine Investition erforderlich ist.“

Betriebsspiegel Gärtnerei Hoch-Reinhard

Betriebsleitung: Jürgen Reinhard (57, Gärtnermeister)

Mitarbeiter: ca. 30 Vollzeit-AK, verteilt auf 60 Personen + 5-10 Saisonhilfen von Mai-Oktober

Fläche: 10 ha Ackerbau (Getreide, Leguminosen), 35 ha Freilandgemüse, 8 000 m² Folientunnel, 6 000 m² Gewächshaus, 60 verschiedene Gemüsesorten, Frühblüher, Schnitttulpen

Anbau: Mitglied im Bioland-Verband

Vermarktung: 15 Wochenmärkte, Wiederverkäufer, Großküchen, Bio-Großhandel

Internet: www.hoch-reinhard.de

 

Katja Brudermann