05.02.2016

Voll im Trend; und das bereits, als es den Trend noch gar nicht gab

Erlebnisernten bei Huckepack

Über allem thront der weißblaue Himmel

Erst einmal klingt es nach grobem Schabernack, wenn Jürgen Niedermann erzählt, dass es beispielsweise gar nicht so selten vorkommt, dass erntewillige Besucher seines Selbstpflückefelds Schwierigkeiten haben, den Eissalat ausfindig zu machen, da dieser eben nicht schon in Folie verpackt auf dem Feld steht. Und auch die Radieschen bereiten manchmal Mühe, schließlich ist es doch nachvollziehbar irgendwie komisch, dass ausgerechnet der rote Teil in der Erde steckt.

Nun sind diese Beispiele aber leider alles andere als ausgedacht, um eine Büttenrede aufzulockern, sondern beweisen vielmehr, dass Jürgen Niedermanns Mission mehr als berechtigt ist: Er will Verbrauchern die Möglichkeit geben, mehr darüber zu erfahren, wo unsere Lebensmittel herkommen, wie sie wachsen und warum es dann auch folgerichtig ganz und gar nicht komisch ist, wenn es an der Frischetheke im Supermarkt mal etwas nicht gibt, sondern es eigentlich vielmehr komisch ist, wenn es jahrein jahraus alles gibt.

Aus der Region für die Region

Was einst mit der Glocke in der Hand und dem Kofferraum voller Kartoffeln begann, ist heute ein weit über 13 ha großes Feld, dessen Bestückung so manche Nutzpflanzenabteilung der botanischen Gärten blass um die Nase werden lässt: mehr als 120 verschiedene Arten und Sorten baut der gelernte Landwirt unweit seines Heimatortes mittlerweile an. Und auch wenn sich Hüttendorf nach ländlicher Idylle in Reinstform anhört, zählen die Metropolen Nordbayerns zum Einzugsgebiet. So liegen dann sowohl Erlangen als auch Nürnberg in Schlagweite - die echten Selbsternte-Hardcorefans nehmen aber teilweise auch deutlich weitere Anreisen in Kauf, um selbst bei der Ernte Hand anlegen zu können und mit der Gewissheit nach Hause zu fahren, bis auf das Zweiglein oder die Bodenunebenheit genau zu wissen, woher das Geerntete stammt.

Und das ist ganz schön beliebt. So beliebt sogar, dass Niedermann keine Werbemaßnahmen für sein Geschäftsmodell betreiben muss, schließlich brummt der Laden auch so: an guten Tagen, meist Samstag und Sonntag sind die 350 Parkplätze quasi rund um die Uhr belegt; Niedermann schätzt, dass in jedem Auto durchschnittlich zwischen drei und vier Personen sitzen und die Parkplätze am Tag zwei- bis dreimal belegt werden. Da ist es dann auch kein Wunder, dass sich gegen Feierabend auch die Anzahl Kassenbewegungen im vierstelligen Bereich bewegt. Ganz genau trennen lässt sich allerdings nicht, wer nur für die Naturspielwiese oder zum Grillen kommt und wer sich tatsächlich mit Schubkarre und Messer bewaffnet auf zur Ernte macht. Niedermann zufolge ist das aber auch gar nicht nötig: „Spätestens wenn die zum zweiten Mal bei uns zum Grillen sind, wollen die auch selber ernten gehen.“

Spielplatz gehört dazu

Die Naturspielwiese kostet 3 € Eintritt, der Zugang zum Selbstpflückefeld ist frei. Ausdrücklich weist Niedermann am Eingang darauf hin, dass sich die Gepflogenheiten auf seinem Feld von dem aus dem Supermarkt gewohnten Regelwerk nicht unterscheiden. „Da kommt es schon einmal zu Missverständnissen. Aber eigentlich geht ja auch niemand in den Supermarkt, isst hier und dort mal was, bis er satt ist und geht dann wieder nach Hause, ohne irgendetwas gekauft zu haben.“

Finden lassen sich die einzelnen Kulturen mit Hilfe eines gerne abfotografierten, großformatigen Luftbildes und der großzügigen Beschilderung. Und obwohl Erntereifes deutlich als solches markiert wird, werden beispielsweise aber auch schon die Äpfel von den Bäumen geholt, selbst wenn sie außer Zierwert keinen weiteren direkten Nutzen haben. Für Niedermann kein Grund, verärgert zu sein, vielmehr sieht er das als Teil seiner Aufklärungsarbeit: „Woher soll der Verbraucher das denn auch wissen?“. Nur manchmal bekommt Niedermann Bauchgrummeln: beispielsweise, wenn in der neu angepflanzten Tafeltraubenabteilung der Neuaustrieb abgepflückt wird - und die Aussicht auf das kulinarische Rouladenvergnügen die Aussichten auf reiche Traubenernte deutlich schmälert.

Rot, weiß, lila, kernlos, auch das Tafeltraubensortiment umfasst so gut wie alle Möglichkeiten. Mit einer Stockhöhe von 180 cm kommt es einem im Folienhaus zudem so vor, als ob einem die Trauben direkt in den Mund wachsen würden. Fast schon paradiesische Zustände, auch wenn bei der Entscheidung für viel Holz am Stock eher der Frostschutz den Ausschlag gab. Hängen die Trauben bei Niedermann vergleichsweise hoch, tun dies die Süßkirschen dann wiederum gerade nicht. Und auch das nicht nur, um das Pflücken zu vereinfachen. „Müssten unsere Kunden auf die Leiter steigen, um an die Kirschen zu gelangen, müsste strenggenommen jedes Mal eine Sicherheitsunterweisung vorausgehen. Und das könnten wir bei der Menge an Besuchern gar nicht leisten.“

Kunde steht im Mittelpunkt

Niedermann versucht, den Kunden entgegen zu kommen, wo immer dies möglich ist. So hat er sich von den einrädrigen Schubkarren verringert, um Platz zu machen für kippsichere und weitgehend wartungsfreie Zweiräder. Spaten gibt es nur noch in gekürzter Version oder als Damenausführung. „Manche graben die Möhren einzeln mit dem Messer aus, andere versuchen, die Hebelwirkung des Spatens maximal auszunutzen und vergessen, die Erde im Beet vorab zu lockern. Da haben wir dann auf die Dauer einfach zu viele Spatenstiele gebraucht.“

Die Wege sind allesamt auch mit dem Kinderwagen befahrbar, und die zurück zu legende Wegstrecke gibt gleichzeitig auch die maximal sinnvolle Selbstpflückfeldgröße vor. „Wieweit unsere Kunden tatsächlich bereit sind, zu gehen, können wir ganz einfach daran ablesen, ab welchem Punkt erntereifes Obst und Gemüse nicht mehr abgeerntet wird.“

Etwas steuern lässt sich die Abernte mit Hilfe der Preisgestaltung, auch wenn Niedermanns Kunden generell eher preisunsensibel sind. Beim Bezahlen an der Kasse gibt es dann auch kaum Diskussionen – und das, obwohl die Preisgestaltung zumindest im Vergleich zu den Großhandelspreisen durchaus sportlich ambitioniert ist.

Der Preis ist heiß

Es waren dann auch die damals wie heute auf Großhandelsebene stagnierenden Preise, die kurz nach der Jahrtausendwende den Ausschlag gaben, den Selbstpflückegedanken einmal weiter zu spinnen. „Hatte ich bei den Himbeeren die Arbeitskosten abgezogen, waren fünf Sechstel des Umsatzes bereits verschwunden, und dann hatte ich noch keine Verpackung und keine Vermarktungskosten bezahlt und auch noch keinen Gewinn gemacht, das war der Punkt, an dem wir sicher waren, dass sich etwas ändern muss.“

Nicht viel anders war das bei den Zwiebeln, den Bohnen und dem Chinakohl. „Für 14 ct Chinakohl putzen, da hört der Spaß auf.“ Für kurze Zeit stand auch die Überlegung im Raum, Parzellen an anbauwütige Kleingärtner zu vermieten. Für Niedermann war dies gedanklich aber bereits einen Schritt zu weit. „Jetzt, wo sich viele unsere Kunden mit den Erfahrungen auf unserem Selbstpflückefeld auch ein gewisses Maß an gärtnerischer Praxis angeeignet haben, hätte ich keine Bedenken mehr.“ Damals dachte er aber noch, dass der gärtnerische Misserfolg sonst zu schnell für Frustration statt für Erfolgserlebnisse sorgen könnte. „Wenn bei uns jetzt die Möhren nichts werden, bin ich schuld und nicht derjenige, der sie ernten will.“

Die Standortfrage sorgte nur zu Beginn für Kopfzerbrechen. „Da mussten wir uns entscheiden, ob wir lieber an eine befahrene Straße wollten oder bei uns am Dorfrand bleiben.“ Letztendlich sprach dann vieles und vor allem auch der bereits vorhandene Bewässerungsanschluss dafür, in Hüttendorf zu bleiben. „Auch wenn es vielleicht ein Wagnis war, ging es letztendlich auch so und die Leute fanden zu uns.“

Der Container, in dem im Jahr 2003 die Kasse untergebracht war, ist immer noch auf dem Gelände zu finden. Gebraucht wurde er von Anfang an, denn die Selbstpflücke überzeugte vom Start weg auch unter finanziellen Gesichtspunkten. „Mit der Hälfte der Arbeit konnten wir das doppelte Geld verdienen.“ So dauerte es nicht lang, bis sich zu den Him-, Johannis- und Erdbeeren die ganzen anderen Kulturen in ihren verschiedenen Sorten gesellten und heutzutage einen guten Überblick geben über das, was in Franken anbautechnisch möglich ist.

Integriert statt ökologisch

>Auch wenn Niedermann ökologisch zu produzieren durchaus reizvoll findet, kann er sich diesem Ideal nur annähern. „Wenn wir 100 % Öko machen wollten, müssten wir deutlich mehr Fläche bewirtschaften und selbst wenn wir diese Flächen zur Verfügung hätten, würde zum einen unser Areal zu weitläufig, zum anderen wäre es auch dann noch sehr schwierig, unsere ganzen Kulturen unter einen Hut zu bekommen.“ Es werden generell nur Bio-Pflanzenschutzmittel angewendet. Sobald die Kulturen aber Richtung Blüte gehen, werden generell keine Pflanzenschutzmaßnahmen mehr durchgeführt. „Da wir nie genau wissen, ob nicht doch das eine oder andere auch vollkommen unreif gepflückt wird, müssen wir für den Fall der Fälle vorsorgen.“ Die kritischen Beeren- und Steinobstkulturen stehen alle hinter bzw. unter insekten- oder vogeldichten Netz. Und auch die Hagelschutznetze gibt es nicht ohne Grund.

Namensgebung

Den Namen Erlebnisernten bei Huckepack steuerte Niedermanns Frau Claudia bei. „Mit meinem Vorschlag Paradiesgarten war sie nicht zufrieden und treffender als mit Huckepack hätten wir das gar nicht erwischen können. Huckepack ist nicht nur leicht auszusprechen, jeder erinnert sich an das Huckepack aus seiner Kindheit, ein bisschen Dynamik und selbst mit-anpacken steckt auch drin.“ Von jedermann leicht auszusprechen, ist dann mit Sicherheit ein Vorteil, denn auch unter nicht Muttersprachlern ist das Selbstpflückefeld beliebt: waren bis vor kurzem noch türkischstämmige Mitbürger, die sich in Hüttendorf mit frischem, nicht handelsüblichen Gemüse versorgt haben, eher stark vertreten, haben ihnen nun Inder und Asiaten den Rang abgelaufen. Auch in deren Küche gibt es so manches Rezept, das mit dem Handelsüblichen allenfalls in Form eines `in Anlehnung an´ gekocht werden kann.

Unterstützt wird Niedermann nicht nur von seiner Frau Claudia, auch seine Tochter, die letztes Jahr ihre Gesellinnenprüfung als Klassenbeste ablegte, wird zukünftig als Köchin neue Impulse in Richtung Tipps und Tricks zur Weiterverarbeitung von Obst und Gemüse geben. Und auch der Sohn von Familie Niedermann blieb dem elterlichen Beispiel treu, studiert nach der Ausbildung bei einem Obst- und Gemüsebauern derzeit Gartenbau in Weihenstephan und wird wahrscheinlich gemeinsam mit seiner Schwester dann den Hof in der achten Generation weiterführen.

Tim Jacobsen


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