10.12.2018

Was uns bewegt ist breiten Teilen der Gesellschaft nicht bewusst

Wann haben Sie zuletzt über die 35-Stunden-Woche nachgedacht – noch nie oder vielleicht als in der Presse einmal wieder über eine Forderung von Gewerkschaften berichtet wurde. Anfang 2019 werden Sie wieder von der 35-Stunden-Woche hören, wenn die IG Metall für ihre Mitglieder in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie in den anstehenden Tarifverhandlungen ihre Forderungen formuliert: „35 – jetzt ist unsere Zeit – die 35-Stunden-Woche muss kommen, wir haben lange genug gearbeitet“.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Wollen Sie demnächst in die 3- oder 2,5-Tage-Woche einsteigen, denn dann ist Ihr 35-Stunden-Soll erfüllt? Und was passiert mit dem Rest der Woche, wer regelt, was zu regeln ist, organisiert die Abläufe bei der Pflanzung und Ernte, die Pflege der Kulturen, wer führt die Preisverhandlungen, kümmert sich um die Saisonmitarbeiter und sorgt dafür, dass die gesetzlich streng vorgegebenen Regularien eingehalten werden? Wer kontrolliert die Bestände, organisiert die Bewässerung und den Pflanzenschutz, kümmert sich um Reklamationen und die Einhaltung der QS-Vorgaben bzw. die darüber hinausgehenden Forderungen des Einzelhandels? Das ist Ihr Alltag! Und bis zur Einführung der 35-Stunden-Woche werden wohl noch einige Jahre oder Jahrzehnte vergehen.

Für die sächsischen Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie ist die 35-Stunden-Woche in greifbare Nähe gerückt. Sie haben dann noch mehr Zeit, in den Supermärkten nach preisgünstigen Obst- und Gemüseangeboten Ausschau zu halten, wobei die Herkunft der Produkte oftmals in den Hintergrund rückt, denn schließlich zählt am Ende der Preis, wenn die Qualität stimmt. Die regionalen Produkte finden sie gut, aber wenn der Supermarkt keine Regionalprodukte anbietet, bleibt halt nur die Alternative, zum Importprodukt zu greifen.

Dieses Beispiel verdeutlicht ein wenig, in welch unterschiedlichen Gedankenwelten und Realitäten wir gegenwärtig leben. Was auf den Erzeugerbetrieben Tag für Tag den Ablauf bestimmt, ist für die Konsumenten oft kaum greifbar – ihr Alltag wird von völlig anderen Vorzeichen bestimmt. Die Diskrepanz zwischen Stadt- und Landleben scheint offenkundig immer größer zu werden. Wie sollen die Menschen in der Stadt einen Bezug zum Alltag auf einem Hof erlangen, wenn selbst die Menschen auf dem Lande oftmals kaum noch eine Vorstellung davon haben, wie es auf den Höfen heute zugeht? Wie sollten sie erahnen, mit welchen bürokratischen Hemmnissen und unter welchen wirtschaftlichen Herausforderungen sowie einer ganzen Reihe weiterer Probleme – wie z.B. der Frage nach geeigneten Arbeitskräften – die Erzeugerbetriebe Tag für Tag konfrontiert sind.

Es ist dringend an der Zeit, diese gesellschaftliche Kluft zu verringern. Gelingt dies nicht, verlieren unsere Produkte (und unser Image) weiter an Stellenwert und drohen mehr und mehr in die Anonymität zu versinken und damit auch in die Gefahr einer Austauschbarkeit abzurutschen. Wir müssen unseren Produkten wieder mehr Gesicht verleihen, uns in die Gedankenwelt der Kunden – und dies sind sicher nicht die wenigen Einkäufer großer Einzelhandelskonzerne – hinein versetzen. Wir müssen deutlich machen, welche Geschichte hinter dem Apfel, der Tomate oder dem Weihnachtsstern steht. Im Einzelfall gelingt dies recht erfolgreich, doch im Allgemeinen – so ist zumindest mein persönlicher Eindruck – haben wir gerade in jüngster Vergangenheit auf diesem Feld an Boden verloren. Diese Tendenz gilt es zwingend umzukehren.

Bleibt mir nun, Ihnen, Ihren Familien und Mitarbeitern am Ende eines in vieler Hinsicht ausgesprochen schwierigen und herausfordernden Jahres im Namen unserer gesamten Redaktion ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch und viel Glück im neuen Jahr zu wünschen.

Zitat: „Wir müssen deutlich machen, welche Geschichte hinter dem Apfel, der Tomate oder dem Weihnachtsstern steht.“


Neuerscheinung

Industrie-News



Informatives



Ausgabe 12/2018

 

Schädlinge und Krankheiten im Obstbau

Service

Quicklinks