12.02.2019

Wer hat´s erfunden?

Tim Jacobsen

Wenn Wirtschaftsminister Peter Altmaier das deutsche Handynetz „total peinlich“ findet und „auf Fahrten nicht mehr mit ausländischen Ministerkollegen verbunden werden will“, weil es ihm total peinlich ist, wenn er dann drei-, viermal neu anrufen muss, weil er jedes Mal wieder rausfliegt, dann könnte man dies als überkandidelte Randnotiz aus der Berliner Blasenwelt abtun, stünde in Wahrheit nicht sehr viel auf dem Spiel: Wir sind, leider viel zu still und heimlich, dabei, den Anschluss zu verlieren - und was uns fehlt, ist jemand, der über das kleinklein des politischen Alltags hinaus eine Idee hat, wie es weitergehen könnte mit unserem Land.

Als Alfred Escher vor ziemlich genau 200 Jahren am 19. Februar in Zürich das Licht der Welt erblickte, waren in der Schweiz Hungersnöte fast schon an der Tagesordnung; Hunderttausende von Eidgenossen verließen ihr Land in der Hoffnung, anderswo ein besseres Leben zu finden. Dass die Schweiz heutzutage zu den reichsten, innovativsten und wettbewerbsfähigsten Nationen überhaupt zählt, hat sie maßgeblich Eschers Erfolgsformel zu verdanken. Und die hat von ihrer Gültigkeit bis zum heutigen Tag nichts verloren: ohne Bildung und Forschung geht es nicht, genauso wenig wie ohne Banken, die mit ihrer Kreditvergabe Wachstum überhaupt erst ermöglichen. Und dann braucht es noch Unternehmerinnen und Unternehmer, die mit Mut und Ideen Neues schaffen und, nicht zu vergessen, eine gute Infrastruktur.

Das heute ETH genannte Polytechnikum, die Swiss Life, die Swiss Re und die Credit Suisse sind alle Zeugen jener Zeit. Auch die Schweiz selbst wurde mit der Bundesverfassung von 1848 in gewisser Weise nochmals neu gegründet, womit der Weg frei war für die Schaffung gesamtschweizerischer Infrastruktur. Escher erkannte, dass die eisenbahntechnische Erschließung maßgeblichen Anteil am Anschluss an die Moderne haben würde. War das Schweitzer Schienennetz Mitte des 19. Jahrhunderts noch mickrige 23 km lang, schossen nach der Entscheidung, Bahnen und Schienennetz fortan privatwirtschaftlich zu betreiben, die Eisenbahngesellschaften wie Pilze aus dem Boden.

Streckennetz- und Linienführungsplanung führten zu Rivalität zwischen Nachbardörfern und –kantonen und schon bald war die Schweiz das europäische Land mit dem dichtesten Schienennetz. Die Fuhrhalterei verlor zwar deutlich an Bedeutung, dem Jobwunder der Baustellen tat dies jedoch keinen Abbruch. Fachwissen war gefragt und mit der Realisierung einer gesamtschweizerischen Hochschule konnte der Nachfrage nach Ingenieuren, Mathematikern und Physikern entsprochen werden - ihr legendärer Ruf zog und zieht auch heute noch die Schlausten der Schlauen an: Nestlé, Maggi, Brown Boveri und viele andere weltweit tätige Unternehmen gäbe es ohne diesen so genannten Braingain nicht.

Ein Großteil der Schweizer Bankenlandschaft beruht auf dem Streben Eschers, sich nicht zu abhängig vom Ausland zu machen: Die Credit Suisse als Hausbank der Bähnlebauer war gleichzeitig Geburtshelfer anderer ruhmreicher Schweizer Finanzinstitutionen. Und auch die wohl wichtigste Nord-Süd-Verbindung, den 1872 in Angriff genommenen Gotthardttunnel, gäbe es ohne Escher nicht: aus der Sackgasse Alpenrepublik wurde damit die Drehscheibe Schweiz, die zusammen mit dem 1914 eröffneten Panamakanal Teilstück eines direkten Verkehrsweg rund um die Erde ist. In gewisser Weise schuf die Eisenbahn die moderne Schweiz und damit neben dem Forschungs- auch den Finanz- und Werkplatz, ganz zu schweigen vom Tourismusland Schweiz.

Die Züge sind auch heutzutage noch immer vergleichsweise zuverlässig und pünktlich unterwegs. Dennoch gibt es auch in der Schweiz Menschen, die sich wundern, dass in Tschechiens Zügen durchgängig WLAN verfügbar oder in den Niederlanden eine aufladbare Fahrkarte für das ganze Land gültig ist. Und bei uns? Dass ausgerechnet die Bundesforschungsministerin 5G nicht an jeder Milchkanne für notwendig hält, ist ein herber Schlag ins Kontor derjenigen, die wie unsere Staatsministerin für Digitalisierung gerne jede Ackerfurche vernetzen wollen oder wie unsere Landwirtschaftsministerin Vernetzung von der Ackerfurche in die Cloud auf den Teller des Verbrauchers und ins Dorfgemeinschaftshaus fordern.

Zählt man die Mehrausgaben der großen Koalition für staatlicherseits finanzierte Arbeitsplätze, Rentenpakete, Kinder- und Baukindergeld zusammen, kommt man schnell auf Beträge in zweistelliger Milliardenhöhe, pro Jahr wohlbemerkt. Mit dem Gesetzentwurf „Starke Familien“ legte die Regierung dann unlängst sogar noch einmal nach: insgesamt werden damit jährlich zusätzlich 700 Mio. € bemüht. Daneben wirken die Ausgaben für den ach so wichtigen Breitbandausbau und den Aufbruch ins digitale Zeitalter wie klitzekleine Kleckerbeträge und ob das viele Geld tatsächlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt oder genau das Gegenteil zementiert, sei dahingestellt.

Bis zum 25. Januar konnten Zulassungsanträge zur Auktion der neuen Mobilfunkfrequenzen gestellt werden. Die Bundesnetzagentur verlangt bis Ende 2022 die Versorgung aller Bundesautobahnen, der wichtigsten Bundesstraßen und Schienenwege sowie von mindestens 98 % der Haushalte je Bundesland mit einer Übertragungsrate von mindestens 100 Megabit. Bis Ende 2024 haben die Betreiber Zeit, dies auf alle übrigen Bundesstraßen auszuweiten, wobei die Übertragungstechnik nicht festgelegt ist und dies dann wenigstens zu einem Ausbau des Reichweiten-stärkeren LTE-Netzes führen könnte. Was angesichts der Versorgungsauflage, die sich nicht auf Fläche, sondern auf Anzahl Haushalte bezieht, bleibt, ist das Problem der weißen Flecken im ländlichen Raum. Und die Frage, ob denn nicht etwas mehr Wettbewerb dem Mobilfunkmarkt gut getan hätte? Auch wenn der Bund als Anteilhalter an einem der maßgeblich beteiligten Unternehmen da natürlich etwas in der Zwickmühle steckt, was dann allerdings wiederum erklären könnte, warum man bei uns vergleichsweise wenig Datenvolumen für verhältnismäßig deftige Preise bekommt.

Zitat:

Da der LTE-genannte gegenwärtige Standard nicht überall durchgängig verfügbar ist, begann beispielsweise der Landmaschinenhersteller Claas, Sendemasten auf eigene Rechnung aufzustellen.


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