12.06.2019

Wie lange noch Obst aus der Region? Rheinische Obstbauer zeigen ihre Probleme auf

Die Produktionskosten der hiesigen Obstbauern sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Damit wird billige Importware für den Handel immer attraktiver und verdrängen zunehmend heimische Produkte aus den Geschäften. Folglich sorgen sich die deutschen Obstbauern um ihre Zukunft und thematisierten Mitte Mai bei einer Informationsveranstaltung in Wachtberg-Kürrighoven die Problematik: Gibt es noch eine Zukunft für den heimischen Obstbau?

Ferdinand Völzgen, Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg (r.), und Christiane Mager, Vorsitzende Netzwerk Junger Obstbauern, stellen die Probleme im deutschen Obstanbau dar
Foto: Scheel

Um die 100 Obstbauern unterstützten die Veranstalter der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg im Provinzialverband Rheinischer Obst- und Gemüsebauer e.V. bei der Presseveranstaltung und zeigten damit, wie sehr ihnen dieses Thema unter den Nägel brennt. Während die Obstbauern sich für regional erzeugte Erdbeeren einsetzten, wurde deutlich, dass auch für viele Verbraucher Obst aus der Region etwas Besonderes ist und Regionalität bei vielen Bundesbürgern hoch im Kurs steht. „Eine Studie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft bestätigt, dass Regionalität bei den Konsumenten das Bedürfnis nach Authentizität, Qualität und Sicherheit bediene“, erläuterte Ferdinand Völzgen, Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg, und forderte eine eindeutige Kennzeichnung regional erzeugter Lebensmittel mit einem Qualitätssiegel.

Völzgen unterstrich, dass regional erzeugtes Obst gelebter Klima- und Landschaftsschutz sei. So belegen wissenschaftliche Studien der Universität Bonn, dass die heimische Produktion nicht nur die Verkehrswege spürbar entlaste, sondern auch klimaschädliches CO2 einspare. „Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern man schmeckt es auch, denn heimisches Obst kann aufgrund der kurzen Wege genussreif geerntet werden“, so Völzgen. Allerdings hätten sich in den letzten Jahren Marktmechanismen in Gang gesetzt, die es den regionalen, kleinstrukturierten Obstbauern zunehmend erschwere, gegen global agierende, multinationale Konzerne konkurrieren zu können. Zwar setzen große Handelsketten auf regionale Ware, aber immer öfter würden die regionalen Produkte durch Früchte aus Osteuropa, Südeuropa, Peru, Marokko und China verdrängt. Dabei würde diese Ware häufig unter niedrigen Sozial- und Umweltstandards produziert, gab Völzgen zu bedenken.

Stellvertretend für die hiesigen Anbauer informierte Gastgeber und Obstbauer Stefan Schneider und seine Familie über den Anbau von Beeren und deren Vermarktung. „Unsere größte Herausforderung in der Obstproduktion ist es, zu den in Deutschland hohen Umwelt- und Sozialstandards zu produzieren und gleichzeitig mit Obstproduzenten anderer Länder zu konkurrieren, die das gleiche Obst günstiger anbieten können“, erläuterte Katharina Quast. „Unser Betrieb kann sechs Monate im Jahr frisches Obst aus der Region ernten“, führte Johannes Quast weiter aus. Dabei werde nach modernsten Standards produziert, um möglichst effektiv und ressourcenschonend arbeiten zu können. Gleichzeitig mache die moderne Produktion den Betrieb wettbewerbsfähig und sei somit die Grundlage für die Obstproduktion am Standort.

Regionalität ist gelebter Naturschutz

Auch der Naturschutzbund (NABU) schreibe Regionalität groß, erklärte Monika Hachtel vom NABU Bonn. „Die Vorteile für Natur- und Umweltschutz liegen auf der Hand“, so Hachtel. „Weniger Verkehr und Energieverbrauch durch kurze Fahrtwege, Erhalt unserer Kulturlandschaft, Förderung kleiner und mittlerer Betriebe und damit der sogenannten ‚bäuerlichen‘ Landwirtschaft.“ Da der Begriff „Regional“ kein geschützter Begriff sei, bekämen die Verbraucher nicht immer das, was sie sich vorgestellt haben. „Ein richtiger Schritt ist daher, möglichst konkret zu werben und die Faktoren und auch die einzelnen Betriebe offensiv zu zeigen, wie es im Einzelfall bereits geschieht“, empfahl Hachtel. Für den NABU gehöre saisonal und regional zusammen. Er werbe bei seinen Mitgliedern für saisonales Essen und ermutige seine

Zielgruppe mit dem Einkaufskorb abzustimmen.

Auch wenn der NABU Regionalität und Saisonalität am liebsten mit Bio verbinde, suche man aktiv den Kontakt zur konventionellen Landwirtschaft, da man durch Regionalität auch bei konventionellen Produkten punkten könne. „Perfekt wäre ein regionaler Anbau, der mit kleinen Strukturen, vielfältigen Lebensräumen, abwechslungsreicher Landschaft und einer Grundachtsamkeit gegenüber der Natur aufwartet und sich von der industriellen Landwirtschaft abhebt“, so Hachtel. Hierzu diente eine Vielzahl von

Naturschutzmaßnahmen, die die Artenvielfalt förderten.

Für Friedel Mirbach, Vorsitzender des Kreisimkerverbandes Bonn und Mitglied der Vereinigung der Bestäubungsimker Deutschland, bilden Bienen und der regionale Obstanbau eine Symbiose fürs Leben. „Für die Produktion von Honig brauchen Honigbienen das große Blühen im Frühjahr, große Plantagen mit z.B. Süßkirsch- oder Apfelblüten“, so Mirbach. Der Honigüberschuss aus der Obstblüte werde zum Aufbau der Bienenvölker und als Wintervorrat gebraucht. Durch das Sammeln der Pollen käme es zur Bestäubung der Obstblüten. Gerade in diesem Jahr würde deutlich, wie wichtig die Obstblüte zum Überleben der Bienen sei. „Der Nektar, der im April von den Bienen als Vorrat eingetragen wurde, wird von den Völkern seit Anfang Mai zum Überleben dringend benötigt“, stelle Mirbach fest.

Klares Ja zur Regionalität

Für das Netzwerk Junger Obstbauern stellte Christiane Mager, Bio-Obstbäuerin aus Alfter, fest, dass die jungen Obstbauern für ihren Beruf brennen und mit viel Leidenschaft am Werk seien. „Doch um Freude am Obstbau zu haben und ihn entwickeln zu können, muss man auch Geld verdienen“, unterstrich Mager. Stillstand bedeute auf lange Sicht das Ende eines jeden Betriebes. Heute stünden die Betriebe vor ganz anderen Herausforderungen als vorherige Generationen. So arbeite man nach hohen Standard, habe einen Mindestlohn und versuche Naturschutz und Artenvielfalt in die Betriebe einfließen zu lassen. Auch der Klimawandel stelle vor neue Herausforderungen. Verbraucher und Politik erwarteten und forderten Sicherheit und Standards von den deutschen Produzenten, aber oft wolle niemand dafür bezahlen. So stellten sich die Fragen, ob der heimische Obstbau weiter bestehen solle und die jungen Obstbauern noch eine Zukunft hätten.

Gerade beim Verkauf über den Lebensmitteleinzelhandel hätten die Obstbauern nur eine Zukunft, wenn Verbraucher und Lebensmitteleinzelhandel ein klares Ja zur Regionalität äußern und auch so handeln. „In vielen Supermärkten liegen bereits regional gekennzeichnete Früchte aus, doch dies muss deutlicher und umfangreicher sein, damit der Verbraucher seine Einkaufsentscheidung bewusster treffen kann“, betonte Mager. Die deutschen Obstbauern könnten nicht mit der günstigen Ware aus anderen Ländern mithalten. Es stellten sich aber die Fragen, was hinter den billigen Preisen stecke, ob Erntehelfer angemessen entlohnt würden und wie es bezüglich des Umweltschutzes aussehe. Gerade im Zeitalter der Globalisierung bestünde diesbezüglich eine große Verantwortung.

Diese Informationsveranstaltung der Fachgruppe Obstbau Bonn/Rhein-Sieg galt als Auftaktveranstaltung, der weitere wie beispielsweise zu Beginn der Süßkirschenernte im Juni folgen werden, betonte Völzgen abschließend. Damit wollen die Obstbauern versuchen, die Verbraucher mehr für ihre regionalen Produkte zu gewinnen und hoffen, dass es fruchtet.

Birgit Scheel