08.12.2016

Wir sind auf dem richtigen Weg – „Road 66“

„Road 66“, ansprechende in Form und Farbe, ist sehr knackig/saftig und hat nach Auffassung seines Züchters enormes Potenzial.
Foto: Gaul

 

Nostalgiker fahren mit dem Cadillac oder der Harley-Davidson die Route 66 ab, von Chicago nach L.A., aber kein Fan folgt der Bundesstraße 6 durch Niedersachsen. Dabei lohnt eine Fahrt in die Nähe von Hildesheim, wenn man auf der Suche nach interessanten, neuen Apfelsorten ist. Mit einem Stopp auf dem Obsthof Sundermeyer im kleinen Ort Wendhausen. Gerd Sundermeyer setzt auf Vielfalt. Das zeigt sich nicht nur an den wohlschmeckenden Apfelsorten, die er in Wendhausen bei Hildesheim züchtet.

Von Beginn an vielfältig startete die Historie des Obsthofes in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. „Wir haben fast alles ausprobiert, was es an Obst gibt“, sagt Sundermeyer. Zeitweise wuchsen bis zu 120 Obstsorten auf den Flächen des Betriebes. Begonnen hatte alles, als der Obstbauer den klassischen landwirtschaftlichen Betrieb 1988 von seinem Vater übernahm. Angebaut wurden vormals Winterweizen und Zuckerrüben, die beiden für die Hildesheimer Börde typischen Kulturen. Doch mit 12 ha war der Betrieb zu klein, um mit dieser Ausrichtung auf längere Sicht überleben zu können.

Verändertes Konsumverhalten

Gerd Sundermeyer orientierte sich neu mit der Direktvermarktung über einen Hofladen und einem Stand auf dem Hildesheimer Wochenmarkt. Erdbeeren und Äpfel wurden zum Schwerpunkt des Betriebes. Allerdings wurde in den Jahren  das Preisniveau immer niedriger. „Durch die Vielzahl der Kulturen ließ sich das im Betrieb aber ausgleichen“, sagt Sundermeyer. Mehr zu schaffen macht ihm das veränderte Konsumverhalten: Die Supermärkte locken mit großen, perfekt ausgeleuchteten Obsttheken die Käufer an. Und da die Berufstätigen am Wochenende gerne länger schlafen, haben sich die Stunden, in denen sich das Stehen auf dem Wochenmarkt noch lohnt, auch verkürzt.

Für Sundermeyer stellte sich da die Herausforderung, sich von den anderen Anbietern abzuheben. Gleichzeitig mit einem Absinken der Erzeugerpreise sind die Erzeugerkosten gestiegen, so hat Sundermeyer jetzt Steigerungen bei den Lohnkosten von bis zu 50 % zu verkraften.

Mehr Genuss hervorheben

Er gibt zu bedenken: „Wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen. Und die bestehen darin, dem Kunden nicht nur das Produkt Apfel zu verkaufen, sondern mehr zu bieten: z.B. den Genuss verschiedener Aromen. Dann haben wir auch die Möglichkeit, einen fairen Preis für unsere Produkte zu erzielen.“

Sundermeyer hat festgestellt: „Der Verbraucher möchte knackige und saftige Äpfel“. Doch viel Auswahl bleibt ihm im Handel nicht, denn das Sortiment an Sorten ist überschaubar. „Die letzten großen Sorten, die sich etabliert haben, waren Anfang der 80er Jahre: `Elstar´ und `Jonagold´“. Darin sieht er eine Ursache für den rückläufigen Apfelkonsum in Deutschland.

Einstieg in die Züchtung

Und so begann Sundermeyer mit der Züchtungsarbeit. Vor zehn Jahren befreite er am Küchentisch Samen der Apfelsorte `Rubin´ aus dem Kerngehäuse, legte sie für den Kältereiz in den Kühlschrank und platzierte die Samen anschließend in flache Anzuchtschalen. Daraus entstanden schließlich 150 Bäume. Doch um den hohen Ansprüchen des Züchters zu genügen, musste er die meisten davon verwerfen. So entstand nur eine neue Sorte, die den Namen `Daniela´ erhielt: Saftig wie eine Melone mit einer nussigen Geschmacksausprägung. Die Sorte hat ihre optimale Reife von Anfang September bis Mitte Oktober.

Nach diesem Anfangserfolg pflanzte Sundermeyer gleich 500 Bäume – und ließ der Natur freien Lauf, denn letztlich sind es ja Zufallsprodukte, die sich durch die Bestäubung von Bienen und Wildinsekten entwickeln. Von diesen 500 Bäumen entwickelten sich sieben, die es wert waren, zur Sorte weiterentwickelt und verwendet zu werden. „Wir bonitieren auf aromatische Eigenschaften, Aussehen ist dabei zweitrangig“, erzählt Sundermeyer: „Aber man muss nehmen, was die Natur uns gibt. Da ist es jedes Mal ein Glücksgefühl, wenn die Sorte unserer Vorstellung entspricht.“ Die Züchtungsarbeit mit den Äpfeln ist eine Leidenschaft von Gerd Sundermeyer.

„Vor ein paar Jahren habe ich von einem Kollegen aus Süddeutschland eine rotfleischige Sorte erhalten. Die war sauer wie eine Zitrone“, erinnert er sich. Trotzdem erkannte der Apfel-Experte das Potenzial der Sorte. Von 700 ausgesäten Kernen blieb letztlich ein Hoffnungsträger, der nun als F2-Generation in der Plantage steht. Dabei handelt es sich um eine rotfleischige Sorte, aber mit süßem Aroma. War die Ausgangssorte überhaupt nicht lagerfähig, hat der Apfel jetzt eine Lagerdauer von vier Wochen.

Wenig Innovation in Deutschland

Doch warum beschäftigt sich Sundermeyer so intensiv mit der Züchtung neuer Sorten? „Wir tun das, um die Zukunft unseres Betriebes zu sichern“, antwortet er. Denn auf den von den Supermärkten geprägten Massenmärkten kann er nicht über den Preis konkurrieren. „Ich bin zufrieden, wenn die Käufer sagen: Endlich ein Apfel, der schmeckt!“. In Deutschland vermisst Sundermeyer die Innovationen: „Die Amerikaner sind bei neuen Apfelsorten viel weiter als wir. Sorten wie `Cosmic Crisp´ oder `Snap Dragon´ wurden in den letzten Jahren zur Marktreife entwickelt und drängen auf den Weltmarkt.

Eine Marktlücke sieht Sundermeyer auch bei Äpfeln, die nicht größer werden als 60 mm im Durchmesser. Knackig, spritzig, der ideale Snack für zwischendurch. Einprägsam taufte Sundermeyer die neue Sorte `Der kleine Dennis´. „Der Name muss dem Kunden im Gedächtnis bleiben und eine Empfindung auslösen“, sagt er dazu. Sein Sohn, 1,88 m groß, bekam diese Sorte geschenkt.

„Road 66“ – zum Sortenschutz angemeldet

So wie auch bei seiner neuen, zum Sortenschutz angemeldeten Apfel-Marke: „Road 66“. “Der sofortige Gedanke an: Freiheit, Abenteuer und Sehnsucht wird mit einem Biss in diese absolut knackige, saftige Apfelsorte noch verstärkt. Die „inneren Werte“ machen diese Sorten-Entdeckung zu einem unvergleichlichen Geschmackserlebnis. Diese Sorte hat enormes Potential“, sagt Sundermeyer. Er sieht die Apfel-Zukunft in Deutschland in dem Anbau von jungen, saftig-knackenden Sorten.

„Die Kunden sind von solchen Sorten begeistert“, hat der Züchter bei Gesprächen auf dem Wochenmarkt und im Hofladen festgestellt. So lässt sich auch ein höherer Preis rechtfertigen. Der Aufpreis beträgt etwa 1 €/kg gegenüber den etablierten Sorten.

Apropos Hofladen: Hier findet der Verbraucher ein großes Sortiment aus eigenem Anbau, beispielsweise: 300 Tomatensorten, mit denen Gerd Sundermeyer ebenfalls experimentiert. Darüber hinaus finden auf der Plantage auch regelmäßig Aktionen statt, wie Tomatenselbstpflücken in den Tomaten-Gewächshäusern oder ein Labyrinth für Kinder. Interessierte Gruppen werden über die Plantage geführt und es gibt auch interessante Aktionen wie „Tomaten-, Apfel- und Chili-Tage“.

Für die Zukunft hat Gerd Sundermeyer noch Einiges vor. 2 000 neue Sämlinge warten darauf entdeckt zu werden.

Thomas Gaul