12.06.2019

Wird regionales Obst und Gemüse verdrängt?

Birgit Scheel

Seit Jahren liegt das Thema Regionalität in aller Munde und hat sich zu einem regelrechten Trendthema entwickelt. Ob Handel, Industrie, Erzeuger, Länder, Verbände, NGOs oder die Politik, alle haben das Thema für sich entdeckt und versuchen es mit entsprechenden Inhalten zu besetzen. In den Regalen des Lebensmitteleinzelhandels findet man heute zahlreiche Marken und Produkte, die regional sind oder dies zumindest suggerieren wollen.

Die Händler selbst haben Regionalität als Profilierungsthema für sich entdeckt und wollen mit eigenen regionalen Angeboten ihre Kunden stärker an ihre Märkte binden und den Einkauf emotionalisieren. Dieses Thema hat die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) im Rahmen einer Studie untersucht. Dabei zeigte sich, dass auch bei den Verbrauchern Regionalität hoch im Kurs steht und sie viele Emotionen mit Produkten aus der Region verbinden. Regionalität erfüllt bei den Konsumenten das Bedürfnis nach Authentizität, Qualität und Sicherheit.

Für die deutschen Produzenten ist das Thema „regionaler Anbau“ von großer Bedeutung und eine Chance, sich von der Konkurrenz anderer Länder abzusetzen. Insbesondere die Direktvermarkter können hier punkten und sich mit den Verbrauchern direkt über den Anbau austauschen. Deren Kunden sind sensibel und gewillt, den regionalen Anbau zu unterstützen.

Die größte Menge an Obst und Gemüse wird jedoch über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft. Dort liegt häufig regionale Ware neben ausländischer, ohne dies ausreichend deutlich und umfangreich zu kennzeichnen. Dabei ist die importierte Ware aufgrund unterschiedlicher Produktionsstandards und Rahmenbedingungen zum Teil deutlich preiswerter als das regionale Erzeugnis. Den deutschen Erzeugern bleibt häufig keine Wahl und sie müssen preisliche Zugeständnisse machen, was sie nicht selten wirtschaftlich in die Enge treibt.

Die Studie der DLG zeigt auch auf, dass der Handel zunehmend die Emotionen, die mit dem Thema Regionalität verbunden werden, verdrängt. Regionalität wird verdrängt und ist immer häufiger keine Frage von Emotionen mehr, die eigentlich den wahren Kern ihres Vermarktungspotenzials ausmachen. Die wertorientierten Aspekte in Bezug auf Regionalität verlieren deutlich an Zustimmung. Das Thema wird verstärkt wirtschaftlich und damit rational betrachtet. Dabei geraten die Argumente für die Ware aus der Region mitunter in den Hintergrund.

Diese Tendenz bereitet den hiesigen Produzenten, die um ihre Zukunft fürchten, große Sorge. Laut und deutlich sollte der Berufsstand die Öffentlichkeit auf ihre Situation aufmerksam machen, so wie es die Obstbauer aus dem Rheinland kürzlich bei einer Veranstaltung gemacht haben (s. Bericht auf Seite 10 und 11). Die Anbauer forderten vom Handel ein klares Bekenntnis zum regionalen Anbau. Regional erzeugte Lebensmittel müssen eindeutig mit einem Qualitätssiegel gekennzeichnet werden, damit auch die klein strukturierten Anbauer in Deutschland eine Chance gegen die global agierenden, multinationalen Unternehmen haben.

Die deutschen Erzeuger sollten jede Gelegenheit nutzen und viel häufiger an die Öffentlichkeit treten, um den Konsumenten die Besonderheit des hiesigen Anbaus aufzuzeigen. Der Produktionsgartenbau in Deutschland hat viele Argumente für regionale Produkte und die damit verbundenen Emotionen zu bieten.

Birgit Scheel

Zitat: „Die Anbauer fordern vom Handel ein klares Bekenntnis zum regionalen Anbau.“