08.12.2016

Zufrieden in der Nische

Berghof Gärtnerei, Uedem

Bei der Ernte kommen pneumatische Scheren zum Einsatz, die Kompressoren werden von Schmalspurschleppern betrieben
Foto: Aldenhoff

Jetzt ist Saison für die attraktiven Beeren: Jürgen Urselmann, Marc Vallen und ihre Mitarbeiter sehen zurzeit täglich rot! Dabei scheinen sie aber mit der Ernte und Aufbereitung ihrer Schnittgehölze Ilex verticillata recht vergnügt zu sein. Nur in den Wochen vor Weihnachten sind die roten Beeren in der Floristik gefragt. Eine Nische, in der sich schon der Onkel von Jürgen Urselmann eingerichtet hatte.

Entsprechend betagt sind einige der Sträucher: seit über 50 Jahren liefern sie alle zwei Jahre Zweige mit leuchtend roten Beeren. Jürgen Urselmann hat die Kultur einst von seinem Onkel Dr. Theo Urselmann übernommen. Als er vor 15 Jahren an den heutigen Standort aussiedelte, zogen die Pflanzen mit ihm um. Zum Teil hat er auch noch Sträucher selbst vermehrt, sodass heute 8 ha Fläche mit der Dauerkultur belegt sind. Dies ist eine starke Spezialisierung, denn weitere Kulturen gibt es nicht in der Berghof Gärtnerei in Uedem am Niederrhein. Auch den Namen „Berghof Gärtnerei“ hat der heutige Betriebsleiter von seinem Onkel übernommen. Heute findet sich zwar weit und breit kein Berg, aber früher, am Ursprungsstandort, da soll es wohl eine Anhöhe gegeben haben, die den Onkel für den Namen inspirierte. Für Jürgen Urselmann ist „Berghof Gärtnerei“ zu einer Art Marke geworden, an der Veiling Rhein-Maas vermarktet er nur unter diesem Namen.

Jürgen Urselmann übernahm am heutigen Standort eine Bauruine und baute daraus seinen Betrieb nach den Bedürfnissen der Ilex-Kultur auf. Er lobt die gute Zusammenarbeit mit den Behörden vom Kreis und der Landwirtschaftskammer bei seinem Projekt. Eine große Garage als Zwischenlager vor der Auslieferung gehört ebenso dazu wie 700 m² Hochglasfläche, die nur von Oktober bis Dezember für die Aufbereitung der Ilex-Zweige nach der Ernte genutzt wird. Zudem konnte Urselmann auf seinem Hof nicht nur Unterkünfte für seine Saisonarbeitskräfte schaffen, sondern auch einige Mietwohnungen. In einer dieser Wohnungen lebt schon seit einigen Jahren Kfz-Meister Marc Vallen mit seiner jungen Familie. Er bekam zwangsläufig mit, was sein Vermieter da das ganze Jahr über mit der Ilex-Kultur zu tun hatte. Irgendwann begann Vallen, sich dafür zu interessieren. Man kam ins Gespräch und war sich sympathisch. Heute ist Marc Vallen seit einem Jahr mit in das Ilex-Geschäft eingestiegen. Der junge Mann ist offizieller Betriebsnachfolger und soll eines Tages Urselmanns Sohn einarbeiten, wenn er selbst das Alter erreicht hat, sich zurück zu ziehen. „Ich habe jetzt quasi mein erstes Ausbildungsjahr hinter mir“, sagt der Quereinsteiger, der von der Arbeit an der frischen Luft und in unmittelbarer Nähe zu seiner Familie begeistert ist.

Kultur von Schnitt-Ilex

Ilex verticillata sind zweihäusig, das heißt, man braucht, um Früchte zu erhalten, eine männliche Pflanze auf 40 weibliche Pflanzen. Die Beeren bilden sich nur am zweijährigen Holz, weshalb Urselmann seine Fläche halbiert hat: im Wechsel wird ein Jahr die eine Hälfte der Sträucher beerntet und im Folgejahr die andere Hälfte. Dabei werden die Sträucher komplett auf den Stock gesetzt und treiben dann von unten wieder aus. Die männlichen Pflanzen werden nur leicht beschnitten, damit sie in den Reihen nicht zu voluminös werden. Frost von -20 °C würde dazu führen, dass es in der kommenden Saison keine Beeren gibt, aber solche Temperaturen hat man am Niederrhein schon lange nicht mehr gemessen.

Die gesamte Fläche ist rund herum mit einer Eibenhecke eingefriedet. Das schafft zur angrenzenden Landstraße die vorgeschriebene Abgrenzung und ist ein pflegeleichter Wind- und Sichtschutz. Zwischen den Reihen ist Gras ausgesät, das etwa alle zwei Wochen abgeschlegelt wird. Alle Reihen sind mit Tropfbewässerung ausgestattet. Die kräftigen sandigen Lehmböden halten das Wasser gut, das wichtig ist für die Qualität der Beeren. Alle zwei Jahre werden Bodenproben gezogen und die Düngung entsprechend abgestimmt. Übermäßiges Längenwachstum ist nicht erwünscht, weshalb mit Stickstoff vorsichtig hantiert wird.

Übers Jahr ist in den Beständen nicht viel mehr Arbeit als für ein bis zwei Personen. Jürgen Urselmann sagt: „Die Kultur muss begleitet werden, wir sind da auch mal drin, wenn nichts zu tun ist. Wir beobachten, bedenken und besprechen uns.“ Wert legen die beiden Betriebsleiter auf naturnahe Arbeit mit wenig Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Vier Pfähle für Greifvögel stehen in der Anlage verteilt. Gelegentlich gäbe es Kaninchenverbiss, aber es halte sich in Grenzen und sei zu tolerieren.

Ende Juni/Anfang Juli blühen die Ilex mit kleinen weißen Blütchen. Für die Bestäubung sind die hofeignen Bienenvölker zuständig. Marc Vallen hat von Jürgen Urselmann auch die Leidenschaft für die Imkerei und fürs Honigessen übernommen. Erklärtes Qualitätsziel sind dicht mit Beeren besetzte Zweige, wobei mindestens die Hälfte der Stiellänge mit Beeren besetzt sein muss. Ende September/Anfang Oktober steht deshalb eine filigrane Arbeit in den fruchtenden Beständen an: die Triebspitzen werden bis auf die oberste Beere eingekürzt. Damit die Beeren auch tatsächlich dran bleiben, ist natürlich auf Vögel zu achten. Jürgen Urselmann hält ein Gerät mit Piepton zum Vergrämen bereit, das er aber bisher noch nicht einsetzen musste.

Ernte und Aufbereitung

Ab Mitte Oktober werden die ersten Stiele geerntet und im Gewächshaus unter Folie ausgelegt, damit die Blätter abfallen. Jetzt wäre Frost willkommen, der dafür sorgt, dass die Blätter vor der Ernte von selbst von den Sträuchern fallen. Zum Schneiden arbeiten die Saisonmitarbeiter mit pneumatischen Scheren. Alles andere könne man ihnen nicht zumuten, finden die beiden Betriebsleiter, die auch viel selbst mit anpacken und deshalb wissen, was die jeweilige Arbeit für die körperliche Belastung bedeutet. Die Druckluft liefern Kompressoren, die von kleinen Schmalspurschleppern betrieben werden. Bereits beim Schneiden werden die Stiele nach Länge sortiert im Feld abgelegt. Ein Mitarbeiter hat dann einen halben Tag lang die Aufgabe, die Stiele einzusammeln und auf Karren ins Gewächshaus zu bringen. Dort stehen sie noch einen Tag zum Trocknen, denn im Herbst sind die Zweige meistens feucht, wenn sie von draußen rein kommen.

Im Gewächshaus, das als Arbeitshalle dient, stehen lange Tische, die mit bunten parallelen Klebestreifen als Maß für die Stiellängen beklebt sind. Die Mitarbeiter prüfen jeden Stiel auf Blattreste oder eventuell verdorbene Beeren und sortieren ihn einer Länge von 30 bis 110 cm zu. Die kurzen Sortierungen werden mit bis zu 20 Stielen gebündelt, die längsten mit nur drei. Dabei kommen wieder pneumatische Scheren zum Einsatz. Dann werden die Bunde noch eingetütet und in Schnittblumeneimer mit wenig Wasser gestellt.

Absatz

Die Verkaufssaison läuft von Anfang November bis zum 15. Dezember. Die beiden Betriebsleiter machen sich jedes Jahr einen Kalender, auf dem sie vom letzten Liefertag an zurückrechnen. Daneben hängt ein Geländeplan. Hier werden täglich die geernteten Reihen markiert. Damit bis zum letzten Tag geliefert werden kann und zugleich dann auch wirklich alle Reihen beerntet sind, wird die Fläche genau aufgeteilt, wie viel täglich geschnitten werden muss.

Die Endkontrolle der fertigen Blumenwagen obliegt dem Chef selbst. „Wir wollen stets beste Qualitäten liefern und haben nur sechs Wochen Saison, da darf nichts schief gehen“, ist Urselmann überzeugt. Deshalb hält er auch Ersatzschlepper und andere Ersatzgeräte bereit, denn im Falle eines Ausfalls soll es keine zeitlichen Verzögerungen geben. Die gesamte Ware wird mittels Speditionen an die Veiling Rhein-Maas geliefert. Der Betriebsleiter vergleicht seine Geschäftsbeziehung zur Veiling mit einer Ehe: „Zwei Partner, die fair zusammenarbeiten.“ Die Versteigerung ist seiner Meinung nach die fairste Art, Blumen zu verkaufen, denn Nachfrage und Qualität regulieren den Preis. Von Jahr zu Jahr ist es unterschiedlich, welche Stiellänge gut bezahlt wird. Und auch die Preisschwankungen von Tag zu Tag können erheblich sein. Aber am Ende der Saison sollte die Rechnung stimmen.

Sabine Aldenhoff