14.12.2018

Zwiebeln aus aller Welt

Als in Türkei im Juni letzten Jahres gewählt wurde, geschah dies außerhalb des gewohnten Rhythmus. Die gängige Interpretation für diesen politischen Schachzug lautet, dass sich vorgezogene Wahlen in Anbetracht einer sich stets mehr auch im Alltag bemerkbar machenden Wirtschaftskrise günstig auf das Wahlergebnis im Sinne der Machthabenden auswirken könnten. Aber auch der Wahlsieg hielt die Krise dann nicht davon ab, mit voller Wucht zuzuschlagen: die Arbeitslosigkeit stieg fast noch schneller als die Devisenkurse, die Industrieproduktion geriet ins Stottern und die Preise explodierten. Die offiziellen Zahlen sprachen von 25 % Inflation, während sich die Preise für Grundnahrungsmittel den Betroffenen zufolge in Wirklichkeit eher verdoppelten.

Spitzenreiter war die Zwiebel: kosteten die Zwiebeln zu Jahresbeginn 2018 noch eine Lira pro Kilogramm, waren es knapp zwölf Monate später bereits fünf Lira, was mit rund 80 ct im goldenen Westen immer noch ein Schnäppchen wäre, in der Türkei aber allgemein sauer aufstieß und der Zwiebel eine Karriere als Symbol für gescheiterte Wirtschaftspolitik bescherte. Und da die türkische Regierung nun ja nicht gerade für einen zimperlichen Umgang mit Protestformen im Allgemeinen bekannt ist, griff sie zum altbewährten Mittel der Wahl und führte Razzien in Zwiebellägern durch. Mit der Kommunalwahl im März 2019 im Nacken konnte so der Beweis geführt werden, dass Zwiebeln bewusst zurückgehalten würden, um die Lebensmittelpreise in die Höhe zu treiben.

Nur ist es in der Türkei aber auch nicht viel anders als bei uns: Die Zwiebeln werden im Herbst geerntet und danach eingelagert um eine Versorgung des Zwiebelmarktes möglichst bis zur neuen Ernte sicher zu stellen. Und so ist es dann eher ein Skandal kleineren Ausmaßes, wenn im Spätherbst dann in Zwiebellägern tatsächlich auch Zwiebeln gefunden werden. Konnten zuvor noch Deutschland oder die Vereinigten Staaten von Amerika bemüht werden, um einen Schuldigen für die Fehlentwicklungen im Land zu finden, mussten nun die Zwiebeln herhalten, um Preistreiber wie stark gestiegene Energiepreise zu verschleiern. Eigentlich unfair.

Tim Jacobsen


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Ausgabe 12/2018

 

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