03.09.2015

Das Alte Land und die Elbvertiefung

Über die geplante Elbvertiefung und deren potentielle Auswirkungen auf den Obstbau im Alten Land sprach Josefine von Hollen mit dem Vorsitzenden der Fachgruppe Obstbau im Landvolk Niedersachsen, Ulrich Buchterkirch

Das Alte Land ganz im Norden von Niedersachsen ist bezüglich Landschaft und der dort lebenden Menschen etwas sehr Besonderes. Dieses größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Deutschlands zieht sich von der Nordsee beginnend entlang der Elbe bis Hamburg. Die wunderschönen direkt an der Straße liegenden, jahrhundertealten Bauernhäusern mit ihren Prunktoren und zum Teil uralten und kunstvollen Brücken über die zahlreichen Gräben sind ein Besuchermagnet für viele Touristen. Hinter den Gehöften ziehen sich in langen, schmalen Streifen, immer durch Gräben getrennt, die Obstbauanlagen. Das fruchtbare Marschland wurde durch Eindeichung mühsam der Elbe abgerungen. Ein ausgeklügeltes System von Schöpfwerken und Schleusen regelt den Wasserhaushalt zwischen Elbe und dem Deichhinterland.

Die Altländer teilen ihre Region nach ihrer Entstehung in drei Meilen ein. Zuerst deichten die niederländischen Kolonisten um 1140 das Gebiet zwischen der Schwinge und der Lühe ein. Die zweite Meile wurde im 12. Jahrhundert zwischen Lühe und Este der Marsch abgerungen und im 15. Jahrhundert wurde das Land zwischen Este und der Süderelbe als dritte Meile urbar gemacht. Übrigens geht der Name „Altes Land“ nicht auf die Bedeutung des Wortes „alt“ zurück, sondern auf das plattdeutsche Wort „Olland“, das damit auf die niederländischen oder besser holländischen Siedler, die die Deiche bauten und das Land bewirtschafteten, zurückgeht. Noch heute zeugen viele Orts- und Familiennamen von der Herkunft der Gründer.

Die Lage des Alten Landes - so nah an der Metropole Hamburg - hat den Obstbauern viele Vorteile gebracht. Absatzmärkte für Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Himbeeren zu finden, war und ist für die Erzeuger als Direktvermarkter oder Produzenten für den Hamburger Großmarkt nicht das Problem. Und trotzdem hat diese bevorzugte Lage auch ihre Schattenseiten. Der Hamburger Hafen ist einer der größten Umschlagplätze für Waren aus aller Herren Länder. Viel Geld kostet es, jährlich den Hafen und das Flussbett der Elbe, welches von Ebbe und Flut einem stetigen Wandel unterworfen ist, so offen zu halten, dass die Fahrrinne für die riesigen Tanker genutzt werden kann.

Um dem wachsenden Schiffsverkehr und die immer größeren Schiffe in den Hamburger Hafen aufnehmen zu können, wurden die ca. 100 km bis zur Elbmündung in die Nordsee immer wieder vertieft. Die letzte, achte Elbvertiefung, wurde 1999 fertig gestellt und ermöglichte es erstmals, den meisten Containerschiffen - unabhängig von Ebbe und Tide - den Hafen anzufahren. Jetzt wird seit einigen Jahren die neunte Elbvertiefung diskutiert. Kostenpunkt 248 Mio. € (Stand 2005). Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit, steigender Weltmarkthandel und noch größere Superschiffe machen dies unumgänglich, so argumentieren Schifffahrts- und Wirtschaftsverbände sowie der Hamburger Senat. Aber die Sache hat einen Haken: Die Auswirkungen auf Natur und Umwelt – vor allem im intensiven Obstbaugebiet des Alten Landes – könnten gewaltig sein.

Wir sprachen über diese Problematik mit Ulrich Buchterkirch, Vorsitzender der Fachgruppe Obst im Landvolk Niedersachsen. Der Obstbaumeister bewirtschaftet mit seiner Frau Yvonne einen Betrieb mit 42,5 ha Äpfeln und weiteren 2,5 ha Kirschen in Krummendeich, Kehdingen. Die möglichen Auswirkungen einer neuen Elbvertiefung treffen den 40jährigen unmittelbar, denn die Folgen der letzten Elbvertiefung bekamen die Kehdinger Obstbauern bereits bitter zu spüren.

Gartenbau-Profi: Herr Buchterkirch, die geplante neunte Elbvertiefung stößt bei den Obstbauern des Alten Landes auf Widerstand. Warum?

Ulrich Buchterkirch: Für uns Obstbauern ist vor allem nachteilig, dass sich die Brackwasserzone weiter die Elbe aufwärts verschiebt, denn wir sind vom Elbwasser abhängig. Haben wir zu viel Wasser in den Gräben, so wird Wasser in die Elbe abgelassen oder durch Schöpfwerke abgepumpt. Haben wir zu wenig Wasser, so wird Wasser aus der Elbe eingelassen. Brackwasser können wir nicht gebrauchen. Es ist zu salzhaltig für unsere Bedürfnisse. Für die Frostschutzberegnung vor der Blüte kann maximal 1 g Salz pro Liter Wasser toleriert werden. Sobald kleine Äpfel am Baum sind, dürfen die Salzwerte 0,5 g/l nicht mehr übersteigen.

Gartenbau-Profi: Aber die letzte Elbvertiefung 1999 ist noch nicht lange her. Da war der Widerstand nicht allzu groß.

Ulrich Buchterkirch: Das ist richtig und daraus haben wir gelernt. Wir Altländer haben immer Verständnis für den Standort Hamburg gehabt und auch gesehen, dass eine Vertiefung für die moderne Schifffahrt nötig ist. Im Nachhinein muss man auch zugeben, dass wir die Auswirkungen nicht so haben kommen sehen. Aber sie sind da. Mein Betrieb liegt in Kehdingen. Wir sind am nächsten zur Elbmündung und stellen fest, dass sich die Brackwasserzone seit 1999 deutlich Richtung Hamburg verschoben hat. Wenn wir Wasser aus der Elbe in unsere Gräben zu Beregnungszwecken einlassen, so liegen wir jetzt schon immer zwischen den Grenzwerten von 0,5 und 1 g Salz/l Wasser. Wir können also kaum noch mit dem Elbwasser beregnen. Kommt noch eine trockene Wetterperiode hinzu, so verschärft sich das Problem. Viele Landwirte nutzen deshalb heute schon Grundwasserbrunnen oder versuchen mit dem Wasser aus den Gräben und Flüssen auszukommen.

Wenn jetzt noch eine Elbvertiefung kommt, wird bei uns gar keine Beregnung mehr möglich sein und das Aus für den Obstbau bedeuten. Zudem wandern unsere heutigen Probleme weiter in Richtung erste Meile des Alten Landes stromaufwärts. Das können wir nicht zulassen. Das ist für uns Obstbauern der wichtigste Grund, warum wir gegen die Elbvertiefung sind. Es kostet uns die Existenz.

Gartenbau-Profi: Sie sagen „der wichtigste Grund“, gibt es noch weitere Gründe?

Ulrich Buchterkirch: Eine Elbvertiefung hat immer massive Auswirkungen auf das Umland. So werden die Gezeitenströme stärker. Schon durch den letzten Eingriff 1999 verdoppelte sich der Tidehub – also der Abstand zwischen Niedrigwasser bei Ebbe und Hochwasser bei Flut. Dadurch verschob sich die Brackwasserzone weiter Richtung Hamburg. Auch wurden die Wasserstände bei Sturmfluten wesentlich extremer. Durch diese Veränderungen nimmt natürlich der Druck auf die Deiche zu. Wir sitzen direkt hinter den Deichen und das behagt uns gar nicht. Denn wir sind die ersten, die absaufen.

Zudem werden Uferzonen, die sonst nicht geflutet wurden, nun geflutet und umgekehrt. Das hat Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt. Aber auch hinter dem Deich werden sich Wasserverhältnisse und Salzgehalte ändern und die Auswirkungen auf die Natur sind hier noch kaum vorauszusehen. Nicht nur existenzielle, sondern auch Gründe, die die Sicherheit, den Umwelt- und Naturschutz betreffen, lassen uns gegen eine Elbvertiefung stimmen.

Gartenbau-Profi: Was haben Sie und Ihre Berufskollegen unternommen?

Ulrich Buchterkirch: Als eine kleine Gruppe von vielen haben wir Obstbauern wenige Chancen, Gehör zu finden. Wir können Eingaben machen, klagen und demonstrieren. Das gibt uns zwar in den Augen der Öffentlichkeit Recht, hilft uns aber nicht in der Sache. Wenn die Elbvertiefung aber doch kommt - und ich gehe eigentlich davon aus, dass sie kommen wird, wenn auch vielleicht nicht so, wie ursprünglich geplant - müssen wir aber einen Weg finden, um damit zu leben. Deshalb ist uns Obstbauern klar, dass wir verhandeln und nach Lösungen suchen müssen.

Um mit einer Stimme sprechen zu können, haben im Jahr 2011 die Wasser- und Bodenverbände des Alten Landes, Kehdingen und Hadeln den Wasserbereitstellungsverband Niederelbe gegründet. Damit haben die Stadt Hamburg, der Bund und das Land Niedersachsen einen kompetenten Verhandlungspartner gegenübergestellt bekommen.

Gartenbau-Profi: Inzwischen sind vier Jahre seit der Gründung vergangen. Was haben Sie erreicht?

Ulrich Buchterkirch: Kommt die Elbvertiefung, so stehen 19,5 Mio. € zur Verfügung, um Vorratsbecken für die Obstbauern in Kehdingen und der ersten Meile des Alten Landes, also bis zur Lühe, zu bauen. Dann könnten wir in Zeiten, wo der Salzgehalt niedrig ist, aus dem Oberflächenwasser und dem Drainagewasser diese Speicher füllen. Ausgemacht ist, Speichervolumen für die Region zu schaffen, welches es uns ermöglicht, zwei bis drei Nächte lang Frostschutzberegnung durchzuführen.

Um bessere Informationen über die Elbe und ihr Wasser zu bekommen, wurden mehr Messstationen gebaut und wir erhalten regelmäßig die Informationen hierzu. Das heißt, wir bekommen ein viel klareres Bild, was sich in der Elbe tut, wie sich das Salz wann ausbreitet, welche Salzkonzentrationen wann und wo zu finden sind. Das gibt uns mehr Sicherheit.

Wir stellen fest, dass der Salzgehalt sehr stark vom Wasserabfluss der Oberelbe beeinflusst wird. Fließt viel Wasser die Elbe hinunter, wird das salzhaltige Wasser der Nordsee zurückgedrängt und der Salzgehalt sinkt und umgekehrt.

Sollte nach der Elbvertiefung eine weitere deutliche Verschlechterung eintreten und dies nachweislich in dem Fahrrinnenausbau begründet sein, werden weitere 13 Mio. € für Vorratsbecken gezahlt.

Gartenbau-Profi: Der Europäische Gerichtshof hat Anfang Juli den Plänen zur Vertiefung der Weser vorerst einen Riegel vorgeschoben. Wird das auch Auswirkungen auf die Elbvertiefung und die Klagen dagegen haben?

Ulrich Buchterkirch: Mit Sicherheit. Gegen die Weservertiefung hat der BUND erfolgreich geklagt. Es ging den Naturschützern darum, festzustellen, ob die Europäische Wasserrahmenrichtlinie nur ein Papiertiger ist. Diese Richtlinie enthält eindeutig ein Verschlechterungsverbot und ein Verbesserungsgebot für alle europäischen Gewässer. Eine Weservertiefung hatte immer und wird auch diesmal wieder zu ökologischen Folgeschäden führen. Dazu gehören, wie eben schon ausgeführt, als es um die Elbe ging, extremer Anstieg des Tidenhubes, Abschwemmung von Uferböschungen, die Notwendigkeit den Fluss vielerorts einzubetonieren usw. Das Urteil des Gerichtshofes ist also ein erheblicher Schlag gegen die Befürworter.

Ich denke mittlerweile, wenn die Elbvertiefung kommt - und da bin ich mir eigentlich recht sicher -, dann kommt sie nicht so, wie man sie einmal geplant hat. Vielleicht wird sie nicht so tief, nicht so breit oder mit einer anderen Führung kommen. Wie auch immer. Das bedeutet dann für uns, noch einmal zu prüfen, ob unsere jetzigen Verträge noch bindend sind oder wir mit angepassten Zielen neu verhandeln müssen. Das muss man dann sehen.

Gartenbau-Profi: Wie sehen Sie die Zukunft des Obstanbaugebietes Altes Land?  

Ulrich Buchterkirch: Ich glaube, dass wir uns in den nächsten Jahren zu einem der modernsten, innovativsten und zukunftsorientiertesten Obstanbaugebiete der Welt entwickeln werden. Wir werden zeigen, dass Ökologie und Ökonomie kein Gegensatz ist, sondern zusammengehört. Seit März ist endlich unsere Region Sondergebiet mit allen notwendigen Ausnahmeregelungen für den Pflanzenschutz. Aber es werden auch viele Maßnahmen zur Risikominimierung und zur ökologischen Aufwertung der Region unternommen. Wir – dazu gehören konventionell und biologisch wirtschaftende Betriebe ebenso wie die Natur- und Umweltschutzverbände sowie die Verwaltung - haben lange darum gerungen. Das Ergebnis ist, dass wir miteinander reden, Verständnis füreinander haben und vor allem nach praktikablen Lösungen für alle suchen.

Dieses Thema wäre es sicher wert, einmal näher betrachtet zu werden, sprengt aber wohl jetzt den Rahmen. Aber Sie sehen den Widerspruch: Auf der einen Seite wird eine Elbvertiefung geplant und damit werden massive negative Auswirkungen auf die Natur und Umwelt in Kauf genommen. Auf der anderen Seite versucht man mit viel Kraft aller Beteiligten das Alte Land mit seinen vielen Gräben und Uferzonen für die Tier- und Pflanzwelt zu erhalten und zu verbessern und verlangt von den Obstbauern einen erheblichen Beitrag auch auf Kosten der eigenen Wettbewerbsfähigkeit zu leisten. Das passt nicht zusammen und deshalb werden wir auch künftig gegen eine Elbvertiefung sein und wenn sie denn doch kommt, mit aller Macht versuchen, unsere reiche Kultur- und Naturlandschaft zu schützen und unsere Existenzen zu sichern.

Josefine von Hollen


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