16.11.2022

Raus aus den Kinderschuhen - Blaubeer-Ernter Harvy500

Marcel Beelen, Direktor von Fine Field, stellte bei den Unternehmertagen die Entwicklungsziele und Technik des neuen Blaubeerernters Harvy500 vor
Foto: Heinz

„Unsere Maschine ersetzt 50 oder mehr Pflücker“. Mit dieser Aussage über den Blaubeerernter Harvy500 von der Firma Fine Field hatte deren Business-Director Marcel Beelen das Interesse des Publikums  der 18. Unternehmertage Spargel & Erdbeer auf sich gelenkt.

Einige Monate zuvor war der neue Ernter auf den Blaubeerfeldern von Leon Schrijnwerkers in Weeze sowie auf dessen Produktionsanlagen in den Niederlanden in der Nähe von Horst im Einsatz gewesen. Die Maschine fuhr dort - fast lautlos per Elektromotor angetrieben - von Reihe zu Reihe über die Blaubeerpflanzen, um die reifen Früchte möglichst schonend von den Sträuchern zu rütteln.

Eigentlich nichts Neues, denn Blaubeerenter gibt es seit vielen Jahren von verschiedenen Herstellern und auch bei Leon Schrijnwerkers ist ein solcher Ernter im Einsatz. Aber nicht umsonst haben Marcel Beelen und sein Team fast zehn Jahre Entwicklungszeit in das neue Gerät gesteckt, denn die Arbeitsweise und das Arbeitsergebnis unterscheiden sich deutlich von der bislang genutzten Technik, deren Grenzen beim Einsatz immer wieder aufgezeigt werden. 

Bis zu 1 000 kg Beeren können in den mit auf Tour gegangenen Kisten aufbewahrt werden. Das wäre bei einer maximalen Ausschöpfung der Erntekapazität mindestens eine Stunde.

Selbstfahrend – mit Überblick

Der Harvy500 wird von zwei energieeffizienten Elektromotoren angetrieben. Die Geschwindigkeit kann über einen weiten Bereich von 100 bis 700 m pro Stunde, abhängig von der Beschaffenheit des Bestandes und der Früchte, variiert werden. Die selbstfahrende Maschine navigiert mit Sonden, die die Position der Pflanzen bestimmen. Der Computer an Bord des Harvy500 sorgt dafür, dass sich die vier Räder kontinuierlich in der richtigen Höhe und selbstnivellierend befinden, sodass die Maschine unabhängig von der Topographie der Fläche immer in der Vertikalen arbeitet. Die Verteilung des Gewichts auf die Räder und die Tragfähigkeit pro Rad werden permanent gemessen und so geregelt, dass keine unerwünschten Kräfte auf den Rahmen wirken und die Traktion immer perfekt ist.

Ebenfalls werden die Kisten automatisch gefüllt und gestapelt. Bei der Übergabe der geernteten Beeren vom Zufuhrband auf die Kisten werden überflüssige Blätter und Pflanzenteile durch ein Gebläse entfernt. Bis zu 1 000 kg Beeren können in den mit auf Tour gegangenen Kisten aufbewahrt werden. Das wäre bei einer maximalen Ausschöpfung der Erntekapazität mindestens eine Stunde.

Die Maschine verfügt über eine Internetverbindung, die eine kontinuierliche Überwachung ermöglicht. So können der aktuelle Status der Kapazität, der Maschinenteile und der Erntedaten (kg pro Stunde, kg pro Busch, kg pro Reihe usw.) sowie die Position der Maschine im Feld ständig überwacht werden. Theoretisch vermag die Maschine also ohne Besatzung ihre Arbeit zu verrichten.

Zehn Jahre schrittweise Entwicklung

Ein Blick zurück in die Kinderstube der Maschine: Im Jahr 2012 sahen die Brüder Driessen, Heidelbeererzeuger, die Notwendigkeit, ihre Ernte effektiver zu machen und schufen ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Maschinenbauingenieur Mike Janssen. Später kam noch Peter Geurts als Designer hinzu. 2013 wurde das erste Produkt unter dem Namen Easy Harvester geboren. 2018 stellte die Gründung des Unternehmens Fine Field die Zusammenarbeit auf feste Füße. Um das Geschäft weiter auszubauen und zu professionalisieren, verstärkte Marcel Beelen 2019 das Team.

Flüche – und dann doch ein großes Lob

Seine diesjährigen Erfahrungen mit dem Harvy500 im Praxiseinsatz brachte Leon Schrijnwerkers (NL), Erzeuger von Pflanzen und Blaubeeranbauer, bei den Unternehmertagen im September in Moers auf den Punkt: „Ich habe 2021 die Maschine getestet und war beeindruckt von der Pflückkapazität. So eine Konstruktion ist für mich der einzige Ausweg aus der Situation, dass die Kosten für Arbeitskräfte stetig steigen und zudem engagierte Mitarbeiter immer schwieriger zu bekommen sind. Dann habe ich mich entschieden, sie zu kaufen. “

Auch Schrijnwerkers‘ Zahlen ließen die Zuhörer aufhorchen: „Wir haben in dieser Saison pro Stunde 700 bis 800 kg Blaubeeren gepflückt. Ein guter Pflücker bringt es bekanntlich gerade mal auf 8 bis 10 kg pro Stunde. Wir haben demnach 70 bis 80 Arbeitskräfte eingespart.“ Auch qualitativ war der Erzeuger zufrieden, da die schützende Wachsschicht der Beeren im Unterschied zur Hand-Pflücke fast unbeschadet blieb. Die Beeren werden eben nicht mit den Händen berührt.

Im Vergleich zu anderen Erntemaschinen haben die Konstrukteure des Harvy500 den Mechanismus des Rüttelns erheblich verbessert und auf kurze Fallstrecken geachtet. Im Gegensatz zur bisherigen Technik arbeiten die Schüttelarme beim Harvy500 in zwei Richtungen – während der impulsartigen, langsamen vertikalen Drehbewegung werden die Schüttelarme – ebenfalls impulsartig – nach oben und unten bewegt. Das ist nicht nur schonender für Früchte und Sträucher, sondern auch effizienter als die bisherige Technik. In den Kinderschuhen stecke der Automat nur noch in Sachen Entladung; die Kisten müssen nach wie vor per Hand abgeräumt werden. Unterm Strich waren immer zwei bis drei Mitarbeiter gleichzeitig mit der Maschine in der Anlage beschäftigt.

In Sachen Wartung bekennt Schrijnwerkers allerdings: „Wir haben anfangs sehr viele schlechte Worte zur Maschine gesagt. Es ist eben gewöhnungsbedürftig, statt zum Schraubenschlüssel zum Laptop greifen zu müssen.  Aber wir freundeten uns an.“ Insgesamt habe er in der vergangenen Saison 175 t Blaubeeren mit der neuen Maschine geerntet, „…und die Maschine hat nicht gelitten. Also optionierte ich eine zweite.“ 

In der sich anschließenden Fragerunde ging es erneut um Zahlen. Stichwort Lohnkosten: „Wir haben mit der Maschine Erntekosten von weniger als 40 cent/kg. Das ist bei 18 € brutto pro Pflücker in Holland ein ins Auge fallender Unterschied“, so Schrijnwerkers. Und angesichts dieser Rechnung interessierte nicht zuletzt der Preis der Maschine. „Ungefähr 300 000 €“, so Beelen.

Marlis Heinz/Thomas Kühlwetter