10.12.2018

Die Horticontacttour zu Besuch bei SV.CO: 25 Mio. Töpfe im Jahr

Die Geburtsstätte des Rollcontainers

Zum zweiten Mal in Folge Platz 95 im Hillenraad 100 – der Gartenbau-Profi gratuliert
Foto: Jacobsen

Seit 2006 befindet sich die Zentrale von SV.CO am Burgerdijkseweg im niederländischen De Lier. Im zweischiffigen, insgesamt 65 000 m2 großen Gebäude werden neben SV.COs Spezialität, den Topfchrysanthemen, auch Kalanchoë, Poinsettien und Primula obconica produziert. Während  SV.CO in den Niederlanden heute bereits Marktführer für Chrysanthemen ist, wird derzeit hart daran gearbeitet, auch in den Kalanchoë eine ähnlich starke Position zu erreichen.

Und so gibt es bei SV.CO eigentlich nichts, das es nicht gibt: sei es nun Chrysanthemen im 7er-Topf gemischtfarbig und einzeln verpackt im Tray oder doch lieber das ganze Tray auf einmal umhüllt? Oder vielleicht ein Viererpack ganz ohne Folie oder doch lieber das Ganze im 9er- oder 12er-Topf bzw. der 23-cm-Schale? Mehr Premium in der SV.COlour-Variante oder zweifarbig als Special? Carnaval und Doubles sind ebenfalls kein Problem, genauso wenig wie ein Cupcake um den Topf. Dazu Exklusives wie `Picnic´ oder `Emerald Green´, großblumige Majstros oder `Organzas´ und saisonale Mixe wie Ostern, Pink oder Herbst, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Betriebsinhaber Jelle Strijbis erklärt: „In Russland wollen sie die Chrysanthemen groß, in England klein und in Deutschland noch kleiner. Im einen Land sollen sie was mehr als im anderen aufgeblüht sein. Und dann haben natürlich alle Länder noch ihre eigenen Bräuche und Gepflogenheiten, auf die es einzuspielen gilt.“ Etwa jeder zehnte Topf ist vor Produktionsende bereits verkauft, jeder vierte landet an der Uhr, der Rest wird im Direktverkauf abgesetzt. Im Schnitt kommen dabei Erlöse zwischen 50 und 70 ct zustande, wobei alles ab 65 ct als gutes Ergebnis gilt.

Bei den Kalanchoën ist das Angebot ähnlich variabel, von klein und gemischt in den wildesten Varianten bis hin zu den Tricolours oder den Single und Double Mixes mit jeweils sechs Pflanzen in der 23 cm Schale. Retail ready der Tricolour zum Muttertag und der ebenfalls rosa umhüllte Pinkmix als SV.Cadeau oder die Outdoorvariante calanday. Auch die Touch Me gibt es als Mix, genauso wie die Lisianthis Lisi Lova, die mit Aqua-Pad in den Versand gehen, um möglichst feucht den Bestimmungsort zu erreichen. An einem weiteren der je nach Zählart bald fünf Produktionsstandorte werden Celosia Comfort und verschiedenste Poinsettienvarianten produziert.

Mit Detail und Retail

Strijbis vergleicht SV.co mit einer gut geführten Bäckerei: „Da gibt es das Graubrot und die Kaiserbrötchen, die in rauen Mengen über den Tresen gehen und dann gibt es die Spezialitäten, die den Unterschied machen, sei es nun in Pralinenform, einem besonders fein verziertem Stück Gebäck oder einem super leckeren Tortenstück. Und genauso haben wir gewissermaßen bei SV.CO alles für das Brot- und Buttergeschäft, können aber auch die Schleckermäulchen unter den Pflanzenliebhabern bedienen.“ Derzeit umfasst das Sortiment rund 100 Sorten in sechs verschiedenen Topfgrößen.

Rund 40 % Substratbestandteile gewissermaßen aus erneuerbarer Energie, 197 MWh Solarstrom jährlich, der optional mögliche Verzicht auf Plastik wie beispielsweise durch die selbst entwickelte SV-box aus recycliertem Karton und die Wiederverwendung allen Regenwassers, das auf die etwa 19 fußballfeldgroßen Dächer des Betriebes fällt, lässt beim Kauf der Pflanzen kein schlechtes Gewissen aufkommen. Zumal, wie Weltraumagenten der NASA freundlicherweise offiziell bestätigt haben, SV.COs Topfchrysanthemen (und natürlich nicht nur die) zu den Top zehn Luftreinigern zählen und nicht nur Sauerstoff erzeugen, sondern auch Glück verbreiten, wie Strijbis mit Augenzwinkern erklärt.

SV.CO punktet aber nicht nur mit Kundenzufriedenheit und zertifikatsbelegten Nachhaltigkeitsanstrengungen. „Wir unterscheiden uns von unseren Mitbewerbern auch dadurch, dass wir hauptsächlich im Tagesgeschäft unterwegs sind. Im Vergleich bieten wir eine Menge Service, beispielsweise verpacken wir gewissermaßen auch auf Zuruf nach Kundenwunsch, und dabei ist uns kein Wunsch zu verrückt. Davon abgesehen erneuern wir permanent unser Sortiment.“

Das eigene Design war passend zur FloraHollandhausmesse im Herbst 2017 geändert worden. Die Reaktionen darauf sind größtenteils sehr positiv, wie Strijbis erklärt. Insbesondere die Farbgebung und die Illustrationen im Vintage-Style passen gut in die Zeit, wie er findet. Und auch die aus Recycelmaterial oder beispielsweise auch Gras gemachten Tüten und Trays stoßen auf immer mehr Gegenliebe.

Zukunftsmodell Kooperation

Zum 1. Januar dieses Jahres sind SV.CO und Kwekerij Vreugdenberg, die bereits einige Jahre erfolgreich zusammengearbeitet haben, auch offiziell zusammengegangen. Und wie so oft bei solchen Zusammenschlüssen, wird die Latte dann auch gleich um Einiges höher gesetzt. Ein 4 ha großer Neubau weist den Weg in die Zukunft: „Wir hatten sehr frühzeitig bereits den Weg Richtung Het Nieuwe Telen eingeschlagen. In den bereits bestehenden Produktionsstätten sind so genannte Luftbehandlungskästen installiert, womit wir die Luftfeuchtigkeit besser regeln und auch Temperaturunterschiede innerhalb des Gewächshauses besser ausgleichen können. Das funktioniert ganz gut, weshalb wir diesen Weg gerne weiter beschreiten wollen.“

Strijbis sieht vor allem Chancen auf dem Gebiet der Energieeinsparung und einer Optimierung der Produktionsverfahren durch die Teilnahme am Erdwärmeprojekt Oranjepolder. Aber auch in Richtung Big Data sieht er noch so einige Chancen: „Wir bekommen immer mehr Informationen von unseren Abnehmern, die wollen wir zukünftig noch stärker dazu verwenden, zu analysieren, was unsere Kunden eigentlich wollen.“

Das neue Gewächshaus hat fünf Abteile und wird mit einem Rollcontainersystem ausgestattet. Geplant ist, dort alles außer Kalanchoën zu produzieren. Energieschirm und Verdunklung werden installiert, spannendster Teil der Bauarbeiten könnte sein, die Luftbehandlungskästen lichtdicht zu integrieren. Auf diffuse Beglasung wurde verzichtet, SON-T-Leuchten installiert. Superspannend ist es, den Baufortschritt unter der eigens eingerichteten http://nieuwbouw.svco.nl/ mit zu verfolgen. Im August waren Elektrik und Wasser fertig gestellt, im September das interne Transportsystem, im Oktober die Kantine und ab November gab es die ersten Pflanzen zu sehen, die dann spätestens zu Valentin 2019 den ersten Kundinnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollen.

Unter den Berufskollegen in den Niederlanden ist immer noch nicht ganz ausdiskutiert, ob dieser Zusammenschluss sinnbildhaft ist für SV.COs Bemühungen, hoch spezialisierte Topfpflanzenproduktionsbetriebe unter einem Dach zusammen zu bringen, um dann, um im Bild zu bleiben, Bäckerei, Konditorei, Eisdiele und Café in einem  zu sein. Und welche Erfolgsaussichten eine solche Entwicklung hin zu einem One-Stop-Shop tatsächlich haben könnte.

Zuvor hatten sich bereits Strijbis und Verbeek 2006 zusammengeschlossen. 2011, mit Jelle neben Arie dann ein Jahr lang in Amt und Würden, wurde der besonders international etwas sperrige Betriebsnamen Strijbisverbeek in SV.CO geändert, eine Maßnahme, die die Kommunikation Richtung Russland oder Türkei erleichtert. Auch auf Verbeekseite ist mit Sander Verbeek zwar nicht die dritte, wohl aber die Gründernachfolgegeneration am Ruder. Verbeek ist für die Produktionsplanung zuständig, Strijbis kümmert sich um Personal und Logistik. Anteilseigner Martijn Vreugdenhil übernimmt den Verkauf.

Die Produktionsstätte am Oranjepolderweg in Maasdijk wurde 1998 und 2002 in Betrieb genommen, die Anzucht der Kalanchoën auf 45 000 m2 Nettofläche findet weitgehend automatisiert statt. Der Standort Kreekrug in De Lier mit rund 30 000 m2 Nettofläche dient zur Produktion der 23-cm-Schalen, als besonderes Schmankerl für Technikbegeisterte ist hier ein maßgeschneidertes so genanntes Walking Plant System installiert, das dazu beiträgt, das Pflanzenhandling und die Aufbereitung unter Effizienzkriterien zu optimieren. Die Stecklingsproduktion bei den Kalanchoën findet in Kooperation mit Xclusive Cuttings in Uganda statt, für die Chrysanthemenstecklinge sorgt hauptsächlich Royal van Zanten, ebenfalls im klimatechnisch für die Stecklingsproduktion besonders geeigneten Uganda. Der Neubau entsteht direkt neben dem Produktionsbetrieb Kwekerij Vreugdenberg an der Zijtwende in De Lier, in dem mit `La Mia Favorita´ eine ausgezeichnete Kalanchoësortimentsergänzung wachsen.

Revolution aus dem Westland

Der Produktionsstandort am Burgedijkseweg kam erst 2006 zu SV.CO. Den etwas Älteren unter uns ist er vielleicht noch aus den siebziger Jahren als Wallfahrtsort für Menschen, die einen Blick in die Zukunft des Gartenbaus werfen wollten, in Erinnerung geblieben, wurden hier doch weltweit zum allerersten Mal überhaupt Zierpflanzen auf Rolltischen angezogen. Im Jahr 1974 wurde der Tuinbouwbedrijf Gebr. Boekestijn zum Mekka der Gartenbauafficionados. Besucher aus aller Welt wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen, wenn der Wasserstand in den Tischen nahezu magisch anstieg, um nach erfolgter Bewässerung wieder zu sinken. Oder der Transportvollautomat, ebenfalls der erste überhaupt, die Tische passgenau in die passende Reihe einschob, um sie auf der anderen Seite des Gewächshauses wieder genauso klaglos in Empfang zu nehmen.

Es war seinerzeit nichts weniger als eine revolutionäre Idee, nicht die Menschen zur Arbeit, sondern die Arbeit zu den Menschen zu bringen. Auch die Ausmaße des Betriebes waren mit 3 ha vor gerade einmal 44 Jahren in etwa vergleichbar mit Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond. Ein paar Dinge sind aber auch über die Jahre gleich geblieben: auch seinerzeit wurden die frisch gesteckten Töpfe erst einmal zehn Tage mit Folie abgedeckt, bevor sie sich dann nach dem Rücken in bis zu 14 Wochen zu verkaufsfertiger Ware entwickeln konnten.

Tim Jacobsen


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